Theater

Die Salzburger Medea hat sich verletzt

Die Premiere von "Das goldene Vlies" im Schauspielhaus Salzburg ging nicht über den ersten Kuss hinaus.

Die „Medea“-Premiere musste abgebrochen werden SN/schauspielhaus/jan friese
Die „Medea“-Premiere musste abgebrochen werden

Medeas Gebet bringt nichts. Dabei hat sie sich über die Schale gebeugt, mit ihren Armen rhythmisch geschlagen und die Götter angefleht: "Höret mich! Gebt Antwort!" Warum wirkt ihr Bitten nicht? "Betrat eines Frevlers Fuß die heilige Stätte?", fragt sie. Tatsächlich! Hinter ihr schleicht aus dem Dunklen ein Mann heran und hält ihr das Schwert an die Kehle. Die Schauspielerin Kristina Kahlert hat am Donnerstagabend schon seit der ersten Szene dieser jungen Frau so viel Mut und draufgängerische Stärke verpasst, dass es nicht gespielt wirkt, wie sie sich aus der mörderischen Umklammerung heraussprengt. Sie jagt nun mit Simon Jaritz als Jason über die Bühne des Salzburger Schauspielhauses, zwischen und über kniehohen schwarzen Quadern. Welch tollende Annäherung! Irgendwo in dem schwarzen Geklüft muss Kristina Kahlert mit ihrer rechten Hand danebengegriffen haben. Plötzlich kauert Medea reglos an einer Kante. Sie atmet schwer, spricht aber weiter. Manchmal blickt sie scheinbar fiebrig zu dem in einer andern Bühnenecke blitzenden Schwert Jasons. Irgendwie schafft sie's zu dem Schwert hin, Jason setzt ihr nach. Doch statt kämpfend zu ringen, verheddern sich die beiden wie zu einem Knäuel. Da küsst Jason die sonderbar widerstandslose, matte Medea. Sein "Dieser Kuss ist ein sicheres Pfand, dass wir uns wiedersehen" geht nicht mehr in Erfüllung. Als kurz danach Jason von Medeas Vater die Herausgabe des goldenen Vlieses fordert, tritt plötzlich Regisseur Christoph Batscheider in den Streit und verkündet: "Die Vorstellung ist zu Ende. Medea hat sich verletzt und muss ins Krankenhaus." Welch Malheur! Mit so viel Verve hatte sich Kahlert in ihre bisher größte Rolle im Schauspielhaus geworfen. Diese Chance als Medea! Und dann dieses Pech in der Premiere!

Intendant Robert Pienz schilderte danach, die 28-Jährige habe sogar noch hinter der Bühne dem Arzt gesagt, er möge ihr jetzt gleich den Ellbogen wieder einrenken, dann spiele sie weiter. Freilich blieb das ein Wunsch, auch wenn Kahlert selbst das war, was Jasons Freund Milo eben erst an Medea gelobt hatte: "ein wackeres Mädchen"! Doch sie verbrachte Abend und Nacht im Unfallkrankenhaus.

Auch wenn die auf knapp drei Stunden angesetzte Premiere von Franz Grillparzers "Das goldene Vlies" nach fünfzig Minuten abgebrochen wurde, waren viele Ingredienzen eines prächtigen Theaterabends zu erkennen: Ausstatterin Isabel Graf macht aus etwa drei Dutzend schwarzen Quadern ein schlichtes, wandelbares Bühnenbild, das der Fantasie genug Anhaltspunkte bietet für schroffe Felsen, dunkle Höhle oder den wuchtigen Königspalast. Dieser schnörkel- und farblose Raum eröffnet die von den Schauspielern gut genützte Gelegenheit, Grillparzers kraftvoll geerdete Sprache zu entfalten. Simon Jaritz gibt den Jason als lebenslustigen Feschak, der aber schon Manns genug ist, Medeas Vater Aietes als "hochmütigen Barbar" zu beschimpfen und das Vlies zu fordern.

Marcus Marotte als Aietes gelingt es, unter dem Gehabe des machtvollen König allerlei zu verbergen: Zaudern, Lügen, Feigheit und rasende Gier. Doch eine Medea wie jene von Kristina Kahlert durchschaut das. So wie ihrem Vater würde sie vermutlich auch bald Jason und schließlich Kreon ordentlich einschenken. Aber das wird voraussichtlich erst demnächst zu beobachten sein.

Theater: "Das goldene Vlies" von Franz Grillparzer, Schauspielhaus Salzburg, bis 24. Oktober.

Aufgerufen am 23.03.2019 um 12:13 auf https://www.sn.at/kultur/theater/die-salzburger-medea-hat-sich-verletzt-40355989

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