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Eisbaden und -schwimmen: Überwindung, die sich lohnt

Auch in der kalten Jahreszeit baden zu gehen wirkt zunächst ungewöhnlich. Richtig angewandt, birgt es jedoch Vorteile für Körper und Psyche.

„Das Wichtigste ist, in den Körper hineinzuhören.“ Josef Köberl, Eisschwimmer. SN/herbert sams/privat
„Das Wichtigste ist, in den Körper hineinzuhören.“ Josef Köberl, Eisschwimmer.

Tief in den Bauch atmen, mindestens fünf Mal. Dann die ersten Schritte ins Wasser hineingehen. Es ist sehr kalt, der Körper spannt sich an, sendet Alarmsignale an das Gehirn. Die Brustatmung setzt schlagartig ein. Jetzt heißt es: stehen bleiben oder sogar einen Schritt zurückgehen, sich beruhigen, bis die Bauchatmung wieder funktioniert - und schließlich die nächsten Schritte in Richtung Wasser machen. Das ist die Methode, mit der es Josef Köberl geschafft hat, sich auch im Winter in die Gewässer zu wagen. Als Präsident des Eisschwimmverbands International Ice Swimming Association (IISA) hat er diese bereits mehr als 3500 Menschen nahegebracht. Seine Geschichte des Eisschwimmens beginnt für den 43-jährigen Wiener vor zehn Jahren. Damals liest er in einer Zeitung seiner Heimat, dem Salzkammergut, vom Hallstättersee-Schwimmmarathon. Einem Wettbewerb, bei dem es gilt den See mithilfe eines Neoprenanzugs zu durchschwimmen. Kurzerhand beschließt Köberl, der zuvor mit Schwimmen nicht viel am Hut hatte, an der Veranstaltung teilzunehmen. Mit nur ein paar Wochen Vorbereitung meistert er den Wettbewerb. "Mir war plötzlich klar: Schwimmen ist mein Sport!"

Direkt nachdem er aus dem Wasser steigt, verkündet er, als nächstes Ziel den Ärmelkanal durchschwimmen zu wollen. "Da haben mich natürlich alle für größenwahnsinnig gehalten. Aber ich war absolut überzeugt." Der Schwimmwettbewerb im Ärmelkanal birgt im Vergleich zu jenem am Hallstättersee einen entscheidenden Unterschied: Ein Neoprenanzug ist in dem etwa 15 bis 17 Grad Celsius kalten Wasser nicht erlaubt, sondern lediglich normale Badebekleidung. "Damit war für mich klar: Ich muss lernen, mit Kälte umzugehen." Nach und nach lernt Köberl immer mehr Menschen kennen, die im Winter in Seen, Bäche und Flüsse steigen und dem Eiswasserschwimmen wie -baden frönen. Dafür fährt er jeden Samstag nach Tschechien und trifft sich mit dem dortigen Eisschwimmverein. Immer längere Strecken legt er im kalten Wasser zurück, bis 2015 der Tag schließlich da ist. Es gilt 34 Kilometer im Ärmelkanal zu überwinden. Köberl schafft die Strecke innerhalb von 14 Stunden und 20 Minuten, wie vorgeschrieben nur mit einer Badehose bekleidet. Die folgenden Jahre meistert der Eisschwimmer eine Herausforderung nach der anderen, erreicht bei der Winterschwimmen-Weltmeisterschaft in Finnland den achten Platz und schwimmt als erster Österreicher die sogenannte Eismeile - also 1,609 Kilometer in unter fünf Grad kaltem Wasser. Ohne Zuhilfenahme eines Neoprenanzugs, versteht sich. Beim Nordkanal von Irland nach Schottland, 35 Kilometer bei 13 Grad, muss Köberl nach 15 Stunden und sieben Kilometer vor dem Ziel abbrechen. Seine Körpertemperatur misst zu dem Zeitpunkt, als er aus dem Wasser steigt, 33,8 Grad.

Mit seinem Verband bringt Köberl anderen die Faszination am Baden und Schwimmen im kalten Wasser näher. Um zu lernen, mit den Temperaturen zurechtzukommen, vermittelt der Eisschwimmer ein vielseitiges Rüstzeug. "Um eine gewisse Kälteresistenz aufzubauen, rate ich: Das Training in den Alltag einbauen. Beispielsweise die Heizung herunterdrehen, das Fenster offen lassen, sich nicht mehr so warm anziehen." Empfehlenswert sei, auch nach dem Sommer weiterhin draußen zu schwimmen. "Das Wasser wird nicht von heute auf morgen eiskalt. Der Körper kann sich so an die allmählich sinkenden Temperaturen gewöhnen." Auch Mentaltraining gehört bei der Vorbereitung auf das kalte Wasser dazu. "Beim Ankern beispielsweise sammelt man positive Bilder und Gefühle im Kopf, die sich in schlechten Momenten jederzeit abrufen lassen. Mit autogenem Training wiederum lassen sich Bilder, Gerüche und Töne visualisieren und dazu nutzen, Hürden besser zu überwinden."

Regelmäßige Eisbader stärken mit der Zeit ihr Immunsystem und sind nachweislich weniger anfällig für Erkältungen. Viele berichten zudem von Glücksgefühlen, die sie durch den Kontakt mit kaltem Wasser empfinden. Es gilt jedoch einiges zu beachten, denn ungefährlich ist der Kältesport nicht. So sollte man sich langsam vortasten und gut in den Körper hineinhören. "Warnsignale sind blaue Lippen, Zittern während des Schwimmens, ein blasses Gesicht und Einschränkungen im Gesichtsfeld. So weit sollte es eigentlich gar nicht erst kommen. Wenn doch, heißt es, das Wasser sofort zu verlassen." Denn die Anzeichen weisen auf eine stark reduzierte Körperkerntemperatur hin, die im schlimmsten Fall zu einem Herzversagen führen kann. Wer nach einer Zeit des Herantastens nicht nur in das Wasser hineingehen, sondern auch darin schwimmen möchte, sollte auch das langsam angehen und sich zunächst in Ufernähe aufhalten. Empfehlenswert ist zudem eine Boje, um sowohl von Booten als auch von Menschen am Strand gesehen zu werden.

Eisbaden und -schwimmen: Ein Überblick

Im kalten Wasser zu baden hat eine lange Geschichte. Die Hydrotherapie wurde bereits im antiken Rom angewandt. Der Naturheilkundler Vincenz Prießnitz und der Pfarrer Sebastian Kneipp entdeckten diese wieder. Die Wasseranwendungen gelten als Hilfsmittel zur Vorbeugung und Behandlung akuter und chronischer Beschwerden sowie zur Stärkung des Immunsystems.

Die Wim-Hof-Methode, die der niederländische Extremsportler Wim Hof entwickelt hat, ist eine Strategie, sich dem kalten Wasser anzunähern. Im Wesentlichen besteht die wissenschaftlich anerkannte Methode aus Atemtechniken und schonenden Bewegungen wie Yoga oder Gymnastik an der frischen Luft. Gemäß Wim Hof atmen Eisbader dreißig bis vierzig Mal tief und ohne Pause ein und aus. Anschließend halten sie die Luft eine Minute lang an. Dies wird über mehrere Runden wiederholt. Auch Eisschwimmer Josef Köberl empfiehlt, sich vor dem Gang ins kalte Nass mit sanften Bewegungen aufzuwärmen. Er rät jedoch, ruhig, tief und mit natürlichen Pausen in den Bauch und wieder auszuatmen.

Durch die Kälte kommt es im Körper zu einem Adrenalinausstoß, der gefäßverengend und entzündungshemmend wirkt. Bei regelmäßigem Eisbaden vermehren sich die weißen Blutkörperchen, die für die Abwehr von Bakterien und Viren zuständig sind. Zudem wird im Körper das "gute" braune Fettgewebe aktiviert, das Glukose und Fettsäuren in Wärme umwandeln kann, ungesundes weißes Fettgewebe wird abgebaut.

Aufgerufen am 17.04.2021 um 04:35 auf https://www.sn.at/leben/lifestyle/eisbaden-und-schwimmen-ueberwindung-die-sich-lohnt-99867730

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