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Selbstversuch im Eiswasser: Wie reagiert der Körper?

Baden bei einem Grad Wassertemperatur, geht das? Und wie.

Es ist Sonntag, 9 Uhr, als ich das Haus verlasse. Die Kälte der Nacht hat die Windschutzscheibe meines Autos mit einer dicken Eisschicht überzogen. Während ich mit dem Eiskratzer für freie Sicht sorge, beobachte ich, wie aus meinem Mund kleine Nebelschwaden emporsteigen. Ja, es ist bitterkalt. Zu meiner eigenen Verwunderung spüre ich die Kälte an diesem Morgen nicht. Komisch, in den letzten Tagen ließ mich allein der Gedanke an mein Vorhaben, mit dem ich zugegeben ein wenig haderte, frösteln, und jetzt, so kurz vor dessen Umsetzung, bleibt mein Körper cool, also warm, keine Spur von Kälteschaudern. Kann es sein, überlege ich, dass allein meine innere Klarheit, meine fixe Entscheidung für etwas, mir diese Kraft und Wärme schenken? Und wenn das so wäre, kann es sein, dass auch in allen anderen Bereichen des Lebens Entscheidungen Kräfte freisetzen, die bei Unentschlossenheit irgendwo verpuffen und die sich schlechtesten Falls sogar gegen einen richten? Gedanken wie diese wandern in meinem Kopf im Kreis umher, während ich mit meinem Auto zu diesem Fluss fahre. Der hat genau ein Grad Celsius über Null, ein eiskaltes Rinnsal, in das ich mich heute für einige Minuten bis zum Hals hineinstellen werde. Ohne Neoprenanzug versteht sich, nackt bis auf die Badehose. Heute werde ich das erste Mal in meinem Leben kaltbaden.

In einigen Regionen der Welt ist diese Art frostiger Selbstbefeuchtung ein Volkssport. Man tut es, um sich abzuhärten, man will sein Immunsystem stärken, um besser gegen Infekte gewappnet zu sein. Geht das? Ja, meinen Experten, durch regelmäßige Konfrontation mit Kälte trainiere man, jener Kälte besser zu trotzen, nachweisbar friert einen seltener. Schutz vor Infekten und Krankheiten konnte bis dato allerdings durch kaum eine seriöse Studie untermauert werden.

Trotzdem, auch aus medizinischer Sicht ist nichts gegen das regelmäßige Abtauchen ins kühle Nass einzuwenden. Ganz im Gegenteil - wer nicht gerade an Herz-Kreislauf- oder Gefäßerkrankungen leidet, kann es getrost tun, nachweislich wird dadurch der Stoffwechsel aktiviert, der Kreislauf trainiert und die Durchblutung gefördert.

Am Fluss stehen dann einige Menschen am steinigen Ufer herum. Decken sind ausgebreitet, man schlürft Tee aus Thermoskannen, Michael Jackson dröhnt aus einem Transistorradio. Man unterhält sich. Einige erweisen dem King of Pop die Ehre und deuten rhythmische Bewegungen an, andere springen taktfrei Hampelmann oder sonst wie in die Höhe, erlaubt ist, was warm hält oder macht. Etwas Aufgekratztes liegt in der Luft. Männer, Frauen, Jugendliche, Kinder. Und Walrosse. Ja, die sind auch zugegen, näher als auf zwei Meter kommt sich hier wirklich niemand. Ist ja keine Coronaparty. Zu meiner Überraschung sind sowieso keine Extremisten zugegen. Könnte man ja vermuten, bei Menschen mit Badeavancen im Winter.

Martina, 49 Jahre, sportliche Figur, energiegeladenes Wesen, hat das Kaltbaden hier in der Gegend beliebt gemacht. Vor einem Dreivierteljahr hat sie erstmals davon gehört, es probiert, es genossen, es herumerzählt. Rund 130 Mutige hat sie mittlerweile damit angesteckt. Einfach durch Mundpropaganda. Viele praktizieren Kaltbaden jetzt täglich. Ärzte, Bauarbeiter, Schneider, Mechaniker, Studenten. "Es hat sich einfach so ergeben", meint Martina, "ein Schneeballeffekt."

"Allein sollte man eher nicht ins Wasser gehen", sagt Martina. Insbesondere die ersten Male wisse man ja nie, wie man reagiere. Martina wird deshalb heute speziell auf mich ein Auge werfen. "Wir gehen zügig so weit ins Wasser hinein, bis nur noch der Kopf herausschaut. Wir stehen dann still und horchen hinein in unseren Körper. Und wichtig: atmen, immer atmen, keinesfalls die Luft anhalten", sagt sie. Warum das? "Kälteschock. Letztens bekam jemand deshalb eine Art Panikattacke", sagt sie. "Aha", sage ich und schlucke.

Punkt 9.30 Uhr. Startschuss. Raus aus den Überklamotten, selbstverständlich tragen wir unsere Badesachen alle schon am Körper. Ich folge Martina in die Kälte. Schon stehe ich im knietiefen Wasser. "Ein Grad, ein Grad, ein Grad", denke ich, "wie blöd bin ich?" Sogleich verwerfe ich den Gedanken, eigentlich jeglichen Gedanken, folge einfach Martina, versuche nichts zu spüren, nichts zu denken. Ich bin ein Roboter. Ein Terminator. Hüfte unter Wasser, Bauch, Brust, Schultern. Das eiskalte Nass auf Oberkante Unterkiefer. Mein Körper zieht sich zusammen. Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen. "Wie lange noch?", frage ich Martina. " Wir haben noch keine halbe Minute," antwortet die und lächelt mitleidig. Ich spüre meine Hände nicht mehr, dann die Arme, jetzt haben sich auch noch meine Unterschenkel abgemeldet. Und meine Haut, mein Gott, wie sieht die denn aus, blutleer und weiß, Modell Wasserleiche. Medizinisch sind meine Selbstbeobachtungen erklärbar: Im Eiswasser konzentriert sich mein Körper auf die lebenswichtigen Organe, Herz, Leber, Lunge, Nieren und Gehirn. Und reduziert den Blutfluss zu allem, was nicht hier und jetzt überlebensnotwendig ist: Arme, Beine und Haut.

"Halbzeit, eine Minute geschafft", sagt die Aufpasserin nach einer gefühlten Stunde. Und siehe da, mein Körper beginnt sich plötzlich freier anzufühlen. Ich schwebe im Wasser. Mir wird warm ums Herz. "Geht ja", denke ich, "gar nicht schlimm. Alles gut, auch mit fahlem Teint und ohne Arme und Beine. Supi! Trupi!" Und auch diese Reaktion von mir ist seriös erklärbar. Kaltes Wasser setzt im Körper Adrenalin und Endorphine frei, Hormone, die für unsere Glücksgefühle zuständig sind.

"Zwei Minuten. Du kannst jetzt raus", dringt es an meine Ohren. Und schwupps, schon bin ich draußen. Die anderen, die Profis, plätschern noch ein bisschen. Manche ruhig und besonnen, andere schreien und kreischen, verleihen so der Ausnahmesituation Ausdruck. Nach rund fünf Minuten stehen aber dann alle wieder im Trockenen und machen Übungen, nass und in Badeklamotten. Bewegung danach ist wichtig, lerne ich, damit der Körper, sich innerlich wieder richtig aufheizt. Also mache ich kurz auf Hampelmann, dann trockne ich mich ab. Eiskristalle auf meiner Haut, meine Extremitäten spüre ich noch länger nicht.

Während ich Tee trinke, schüttelt es mich wie Espenlaub. Dann aber, wieder im Auto, bin ich stolz. Ich habe heute etwas erlebt. Fühle mich frisch, aktiv und happy. Ob ich es wieder tun werde? Aus heutiger Sicht ja, aber mal schauen, wann mich der innere Schweinehund wieder von der Leine lässt. Denn eines konnte ich heute beobachten: Kaltbaden verlangt Überwindung, nicht nur beim ersten, sondern jedes einzelne Mal.
Vielleicht liegt genau darin sein Reiz.

Aufgerufen am 05.03.2021 um 10:38 auf https://www.sn.at/leben/lifestyle/selbstversuch-im-eiswasser-wie-reagiert-der-koerper-99908245

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