Osterfestspiele Salzburg

Die Osterfestspiele nähern sich einer Kreuzung

Wie gut verstehen sich Nikolaus Bachler und Christian Thielemann? Werden sie ein Duo oder zwei Kontrahenten?

Christian Thielemann hat möglicherweise Ende der Vorwoche auf besonnene Berater gehört. Denn der Beschluss des Aufsichtsrats der Osterfestspiele Salzburg hätte ihn so empören können, dass eine sofortige Absage aller seiner Salzburger Auftritte nicht auszuschließen gewesen wäre. Wie brenzlig der Beschluss gewesen ist, den derzeitigen Münchner Opernintendanten Nikolaus Bachler ab Juli 2020 zum geschäftsführenden Intendanten der Osterfestspiele Salzburg zu bestellen, lässt sich allein daraus ableiten, dass für das Verfassen einer Pressemitteilung aus acht Sätzen fast 24 Stunden erforderlich waren. Und Christian Thielemann als künstlerischer Leiter hatte davor offenbar sogar klargemacht, dass er eines nicht will: Nikolaus Bachler als Intendanten. Angeblich hat er für diesen Fall sogar schriftlich angedroht: "Dann gehe ich."

Mit dem Beschluss in der außerordentlichen Aufsichtsratssitzung am vorigen Mittwoch ist Nikolaus Bachler noch nicht bestellt. Aber der Aufsichtsrat hat ihn der - noch einzuberufenden - Generalversammlung einstimmig empfohlen. Da im Aufsichtsrat nur Entsandte der Gesellschafter der Osterfestspiel GmbH sitzen, nämlich Land, Stadt, Tourismusfonds und Karajan-Stiftung, sind die Schienen für Bachler nach Salzburg gelegt.

Christian Thielemann hat über das Wochenende dazu geschwiegen. Das lässt Erfreuliches vermuten: Zumindest die Osterfestspiele 2019 werden mit ihm und mit der Staatskapelle Dresden stattfinden. Und er wird in Salzburg dirigieren, was viele freudig erwarten: "Die Meistersinger". Und wenn er vertragstreu bleibt, könnten auch für 2020 die Aussichten derart gut sein.

Warum riskieren die Salzburger einen Konflikt mit Christian Thielemann? Zum einen gilt dieser, salopp gesagt, als sichere Bank. Als glänzender Dirigent ist er bei Publikum wie Sängern beliebt. Kaum ein anderer hätte nach dem Abzug der Berliner Philharmoniker 2013 die Osterfestspiele Salzburg attraktiv erhalten können. Und mit ihm als Chefdirigenten kam ein begeistertes und begeisterndes Orchester: die Sächsische Staatskapelle Dresden. Um offenbar diesen Frieden zu sichern, dürfte am 10. Oktober eine hochrangige Salzburger Delegation samt Landeshauptmann und Bürgermeister zu Thielemann pilgern.

Zum anderen aber ist er nicht konfliktscheu. "Der als sprunghaft bekannte Dirigent", schrieb die deutsche Zeitung "Die Welt", als sie 2009 über dessen Abschied aus München berichtete. Damals endete ein Konflikt über die Kompetenzen von Dirigent und Intendant der Münchner Philharmoniker damit, dass der Stadtrat Thielemanns Vertrag nicht verlängerte.

Thielemann ist mit Regisseuren heikel. Jüngstes Beispiel bot die "Tosca" von 2017: Zehn Monate vor der Premiere wurde Regisseur Philipp Stölzl entlassen, und "Jedermann"-Einspringer Michael Sturminger sprang auch für "Tosca" ein. So etwas geht ebenso ins Geld wie das Ausbleiben der eigentlich vorgesehenen Koproduktionen mit der Semperoper. Weiters enthält das Programm 2019 ein Detail, auf das man scheel schauen könnte: Thielemann dirigiert nur eines von drei Orchesterkonzerten pro Zyklus.

Bisherige Verhandlungen mit ihm waren nicht leicht. Statt mit der Staatskapelle Dresden die erste, bis 2017 angelegte Etappe um vier oder fünf Jahre freiheraus zu verlängern, war dies kompliziert - erst bis 2019, aber nur, wenn dies seinem zu erneuernden Dresdner Vertrag nicht widerspräche, dann doch bis 2020, und dann für 2021 nur, wenn nicht gekündigt wird.

All dies wird musikalisch überstrahlt - von der Staatskapelle, die zudem mit ihrem "Konzert für Salzburg" und mit spontanen Auftritten ihrer Musiker in Bars und Lokalen neuen Schwung bringt, sowie von Christian Thielemanns Können -, solange es keine andere Option gibt.

Zum Spintisieren darüber regt an, wenn man Bachlers gute Beziehung zu Kirill Petrenko bedenkt - aus gemeinsamen Jahren 1997 bis 1999 an der Wiener Volksoper und seit 2013 an der Münchner Oper. Im August 2019 wird Petrenko Chefdirigent der Berliner Philharmoniker - also jenes Orchesters, das 2013 die Osterfestspiele Salzburg unter anderem deshalb verlassen hat, weil ihm Baden-Baden ein verlockendes Angebot gemacht hatte.

Damals wurde gemunkelt, viele "Berliner" gingen ungern weg. Derweil hat sich die Konstellation verändert: Chefdirigent, Orchestervorstand und Intendant sind 2019 andere als 2013. Auch in Baden-Baden kommt Mitte 2019 mit Benedikt Stampa ein neuer Intendant. Ergibt diese eine Option für Salzburg? Dem widerspricht: Die Berliner stehen in Baden-Baden unter Vertrag. Ein neuerlicher Wechsel nach Salzburg dürfte nicht billig sein. Und die Staatskapelle Dresden hat bisher nur das quicklebendige Gegenteil von Salzburg-Müdigkeit bekundet.

Wie klein die Klassikwelt ist, zeigt eine Personalie: Der Baden-Baden verlassende Intendant Andreas Mölich-Zebhauser hat sich für die Salzburger Oster-Intendanz beworben und wäre, wie es heißt, ein Favorit Thielemanns. Doch wer einmal gegen Salzburger Interessen agiert hat, dessen Chancen für einen Posten in Salzburg sind getrübt.

In Zusammenhang mit der Intendantensuche für die Osterfestspiele wurde vorigen Freitag bedauerlicherweise ein Name falsch genannt: Dominique Meyer, bis 2020 Direktor der Wiener Staatsoper. Dieser versichert, er habe sich nie beworben. Er habe eine gute Beziehung zu Christian Thielemann, er liebe die Tätigkeit als Opernintendant, doch nur Vollzeit und nicht für ein Festival mit nur einer Oper pro Jahr.

Aufgerufen am 19.12.2018 um 11:01 auf https://www.sn.at/osterfestspiele-salzburg/die-osterfestspiele-naehern-sich-einer-kreuzung-40143850

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