Sind Salzburgs Osterfestspiele ein Auslaufmodell?

Künstlerisch stehen sie außer Streit, um die Zukunft wird gerungen: Salzburgs Osterfestspiele suchen nach neuer Bedeutung.

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Standpunkt Karl Harb

Die goldenen Zeiten sind lange vorbei. Als Herbert von Karajan 1967 zum ersten Mal in Salzburg Osterfestspiele veranstaltete, war Exklusivität die oberste Maxime. Wagner sollte es sein, als eine Art Gegen-Bayreuth an der Salzach. Und mit den Berliner Philharmonikern, Karajans Orchester, war Exklusivität insofern gegeben, als der Luxusklangkörper zuvor noch nie Oper gespielt hatte. Das Festival war primär an eine exklusive Zuhörerschaft geknüpft, die Karten nur im Abonnement - Oper plus drei Konzerte - und gegen einen namhaften Mitgliedsbeitrag beziehen konnte. Die öffentliche Hand brauchte nichts zuzuschießen, sondern nur zu kassieren: Dank betuchter Kundschaft wurden die Osterfestspiele zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor.

Und danach? Karajans Nachfolger, Claudio Abbado, versuchte eine Öffnung: durch kammermusikalische "Kontrapunkte", durch zeitweilige Vergabe eines Musik-, eines Kunst-, eines Literaturpreises. Danach kam Sir Simon Rattle - mit eigenen, nicht immer dem Geschmack des Osterpublikums entsprechenden Programmideen, vor allem mit einem "Ring des Nibelungen", der seine Premieren-Exklusivität wohlfeil an Aix-en-Provence abtrat. Zunehmend fühlte sich ein Teil der Berliner Philharmoniker nicht mehr wohl in Salzburg. Es kam zur Abwanderung nach Baden-Baden. Und - in einem Husarenstück - zum hochklassigen Ersatz durch die Sächsische Staatskapelle Dresden und deren Chef, Christian Thielemann. Und der Dresdner Semperoper als Koproduktionspartner.

Und heute? Die österliche Exklusivität lässt sich wohl kaum noch restituieren. Wenn 2020 Verdis "Don Carlo" auf dem Programm steht, kommt "nur" Anna Netrebkos Gatte Yusif Eyvazov nach Salzburg, die Primadonna assoluta singt die Rolle der Elisabetta erst ein paar Wochen später in Dresden - zu Dresdner, nicht Salzburger Spitzenpreisen.

Verständlicherweise ist es Aufgabe des Aufsichtsrats, bei der Zukunftssicherung vor allem danach zu trachten, wieder mehr und vor allem neu motivierbares Publikum und einen gesicherten, wachsenden treuen Freundeskreis anzuziehen. Künstlerisch ist die Qualität gegeben, Versuche, das Programm zu erweitern, sind da. Querelen um die Führungsposition des künftigen Intendanten (Nikolaus Bachler ist de facto bestellt, Thielemann hat damit keine Freude) wirken aber womöglich nicht vertrauensbildend. Ein neues Leitbild, wie auch immer, ist deshalb dringend vonnöten, um Salzburgs Osterfestspiele mittelfristig nicht überflüssig zu machen.

Aufgerufen am 28.10.2020 um 07:28 auf https://www.sn.at/osterfestspiele-salzburg/standpunkt-sind-salzburgs-osterfestspiele-ein-auslaufmodell-69161455

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