Geist & Welt

Diskussion: Bethlehem oder Nazareth - hat die Bibel unrecht?

Über den Geburtsort Jesu und die Debatte, die das bei SN-Leserinnen und -Lesern ausgelöst hat.

Ein SN-Bericht über Jesus hat für viel Gesprächsstoff gesorgt. Lesen Sie hier einige Leserbriefe und teilen auch Sie Ihre Meinung!  SN/pixabay
Ein SN-Bericht über Jesus hat für viel Gesprächsstoff gesorgt. Lesen Sie hier einige Leserbriefe und teilen auch Sie Ihre Meinung!

Es war in dem Beitrag über "Jesus, Mohammed und Buddha" nur ein kurzer Satz, aber der hatte es in sich: "Jesus ist in Nazareth geboren". Hallo, was soll das, tönte der Widerspruch in zahlreichen Leserbriefen. In der Kindheitsgeschichte des Lukas steht es doch ganz anders. Da wird - noch dazu mit genauen historischen Angaben - eindeutig gesagt, dass Jesus in Bethlehem geboren ist.


Dieser Protest war nur allzu verständlich. Denn der schlichte Satz "Jesus ist in Nazareth geboren" hätte zweifellos einer näheren Erläuterung bedurft. Diese beginnt mit der Erkenntnis, dass Lukas kein Historiker im heutigen Sinne ist. Er will nicht Geschichte erzählen, sondern Heilsgeschichte. Das beginnt bei diesem Evangelisten schon in den ersten Kapiteln, in denen er von der Kindheit Jesu erzählt. Das Volk Israel hat den Messias als Sohn aus dem Hause David erwartet. Und mit dieser Erwartung war verbunden, dass der Messias in der Davidstadt Bethlehem geboren werden sollte.


Daher war es in der höheren Theologie des Lukas klar: Jesus muss in Bethlehem geboren sein, denn sonst würde niemand in Israel glauben können, dass er der Messias ist. Lukas hat also ganz großen Wert darauf gelegt, mit jedem Detail zu beweisen, dass dieser Jesus genau der erwartete Messias ist. Und eines dieser Details war eben, dass er deshalb in Bethlehem geboren sein musste. Das geht dem Evangelisten über alles, auch über die - von uns erwartete - historische Genauigkeit. Denn rein historisch betrachtet herrscht in den Bibelwissenschaften heute ein Konsens darüber, dass Jesus wohl nicht in Bethlehem, sondern daheim in Nazareth geboren wurde.


Das ist schon deshalb wahrscheinlich, weil der Evangelist Matthäus auch von der Geburt in Bethlehem schreibt - aber ganz anders als Lukas. Die beiden Berichte über die Umstände der Geburt in Bethlehem lassen sich nicht in Übereinstimmung bringen. Wir würden heute sagen: Jeder der beiden biblischen Schriftsteller hat da seine eigene Philosophie (bzw. Theologie) hineingelegt. Wie es historisch-faktisch genau gewesen ist, hat beide nicht interessiert. Das ist aus dem ganz anderen Geschichtsverständnis vor 2000 Jahren absolut einsichtig.


Einsichtig ist freilich auch, dass der kurze Satz "Jesus ist in Nazareth geboren" für heftige Debatten gesorgt hat. Denn das, was für die Bibelwissenschaften seit mehreren Jahrzehnten Stand der Ermittlungen ist, wurde kaum einmal an das Kirchenvolk weitergegeben. Es besteht in der Verkündigung noch immer große Sorge davor, dass man die Christenseelen zu sehr irritieren würde, wenn immer mehr "Fakten" in der Bibel zu theologischen Erzählungen "umgedeutet" würden.
Genau diese - nicht Umdeutung, sondern - Unterscheidung der Geister bleibt uns Christen aber nicht erspart, wenn wir uns ernsthaft mit unserer heiligen Schrift auseinandersetzen wollen - und wenn wir uns nicht irgendwann von anderen sagen lassen wollen "Stimmt ja alles nicht!". Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass die Bibel über weite Strecken kein Geschichtslehrbuch ist, und daher tatsächlich Vieles rein historisch betrachtet "nicht stimmt". Das gilt für das Alte Testament wie für das Neue Testament. Heute wissen wir, dass Gott die Welt nicht in sechs Tagen erschaffen hat, auch wenn es in der Genesis so steht. Genauso wissen wir heute, dass Jesus wohl daheim in Nazareth geboren wurde, auch wenn Lukas und Matthäus diese Geburt aus hohen theologischen Überlegungen nach Bethlehem verlegen.
Bibel und historische Fakten, Bibel und Evolution, Bibel und Naturwissenschaften sind kein Widerspruch - vorausgesetzt wir lernen, die Bibel richtig zu lesen und nicht so wortwörtlich, wie wir das den Muslimen oft mit dem Koran vorhalten. Wir aufgeklärten Menschen der Moderne denken streng historisch. Lukas und Matthäus haben sich vor allem Gedanken darüber gemacht, was es mit diesem Jesus von Nazareth heilsgeschichtlich auf sich hat. Lassen wir also die Dinge dort, wo sie jeweils hingehören. Das Sechstagewerk ist Theologie, die Evolution ist nach heutigem Stand der Wissenschaft das historische Faktum. Bethlehem ist Theologie, Nazareth geboren wurde, ist nach aller bibelwissenschaftlichen Erkenntnis die historische Wahrheit.


Solche wissenschaftliche Erkenntnisse untergraben den christlichen Glauben nicht. Im Gegenteil. Sie machen ihn sattelfest für die moderne Welt, die nun einmal gewohnt ist zu fragen, "wie war das denn wirklich?" Darauf können Christen sagen: Ja, der Mensch hat sich aus der Evolution entwickelt hat. Aber das heiß noch lange nicht, dass da nicht ein Schöpfer gewesen sein kann, der ganz am Anfang, vor mehr als 13 Milliarden Jahren, den ersten Impuls gesetzt hat. So wie es Johannes schreibt: Am Anfang war das Wort.


Genauso können wir heute sagen, "Zu Nazareth geboren, ist uns ein Kindlein". Aber das heißt überhaupt nicht, dass wir künftig Weihnachten nicht mehr so innig feiern könnten wie bisher. Beides geht ohne weiteres zusammen, wenn man es zunächst einmal denkerisch redlich auseinanderhält. Weihnachten und Bethlehem sind für Christen das ganz zentrale und historische "Faktum", dass in diesem Kind Gott selbst Mensch geworden ist. Daran ist, ganz unabhängig vom "historischen" Geburtsort, nicht zu rütteln.

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Die Meinungen unserer Leserinnen und Leser - eine Auswahl

Ing. Martin Klinger, 9900 Lienz/Osttirol

Wenn Sie den gut recherchierten Bericht von Dr. Lukas (Lukasevangelium) als legendenhaft abtun, einfach behaupten, dass Jesus nicht in Bethlehem geboren wurde und nicht sehen, dass Jesus sich so klar als Messias und Sohn Gottes verstanden hat, dass ihn damals die religiöse Führung genau deshalb töten wollte, dann kann ich auch dem nicht vertrauen, was Sie in Ihrem Bericht über Mohammed und Buddha geschrieben haben.


Dr. Hermann Kittl
Mit Verwunderung habe ich in den SN vom 5.1.19 gelesen, wie sich Herr Bruckmoser anmaßt, klüger als alle Kirchenlehrer zu sein und ohne Beleg feststellt, dass Jesus in Nazareth geboren wurde. Er ignoriert eine 2000 Jahre alte Tradition und stellt die Evangelisten als Legendenschreiber und Lügner hin. Ich frage: Wohin sind die Hl. 3 Könige geführt worden, nach Bethlehem oder nach Nazareth?

Wäre eine junge Mutter aus unserer Familie hochschwanger 120 km auf einem Esel im Winter geritten und hätte die Ablehnung am Ziel und die Geburt in einer kalten Höhle oder in einem schmutzigen Stall erdulden müssen, dann hätte die ganze Verwandtschaft nach 100 Jahren noch die ungewöhnlichen Umstände der Geburt nacherzählen können. Zwischen der Geburt Jesu und der Niederschrift des Evangeliums liegen aber nur 60 - 70 Jahre.
Im Protoevangelium des Jakobus, im Arabischen Kindheitsevangelium und im Dialog Justin wird ebenso wie in den Evangelien geschrieben, dass Jesus in Bethlehem geboren wurde.
In der Vollständigen Synopse wird keine außerbiblische Parallele erwähnt, in der Nazareth als Geburtsort aufscheint.
Der Kindermord von Bethlehem durch Herodes ist völlig unlogisch, wenn Jesus in Nazareth geboren worden wäre.
Seherinnen beschreiben ausführlich über mehrere Buchseiten den Weg der Hl. Familie nach Bethlehem.
Es ist unerklärlich, wie Herr Bruckmoser auf die absurde Idee mit Nazareth kommt.
Herr Bruckmoser schreibt, Jesus hätte sich nicht als Messias oder gar als Sohn Gottes verstanden. Ich erinnere nur an einige Bibelstellen:
"Du bist mein geliebter Sohn." (Lk 3, 22)
"Ehe Abraham war, bin ich." (Joh 8,58)
"Ich und der Vater sind eins." (Joh 10,30)
"Mein Herr und mein Gott!" bekennt Thomas. (Joh 20,28)
"Du bist der Sohn des lebendigen Gottes" bekennt Petrus. (Mt 16,17)
Mit der Behauptung, Jesus hätte Geschwister gehabt, begibt sich Herr Bruckmoser auf das Niveau der Zeugen Jehovas. Das griechische Wort "adelphos" bedeutet Bruder, Halbbruder, Verwandter, Glaubensbruder, Landsmann, Mitmensch.
Die Keuschheit des Josef beweist der Engel, der zweimal gesagt hat: "Nimm das Kind und seine Mutter!" Er hat nicht gesagt: "Nimm das Kind und deine Frau!"
Welche Lehren und Erkenntnisse sollen wir von jemandem erwarten, der unverfroren Irrtümer und Halbwahrheiten vertritt?

DI Dr. Klaus Potsch, 2201 Seyring

Diesem Artikel sollte eigentlich ein Erratum von Seiten der Autorin folgen.
Zum Ersten: Die Bibel gibt den Geburtsort Christi mit Bethlehem an, so wie es in den Prophezeiungen vorausgesagt wurde (Micha 5,1) und nicht Nazareth. Nazareth ist nicht die Stadt Davids (Luk.2,4). Damit wäre nicht nur die genannte Prophezeiung ad absurdum geführt, sondern auch alle anderen.
Zum Zweiten hat sich Jesus als Sohn Gottes verstanden (Joh.10,30; Joh.17; Joh.8,58; Luk.9,20; Luk.9,35; Luk.22,70 u.v.m.). Wenn man Jesu seine Göttlichkeit abspricht, dann wird sein Opfertod für uns sinnlos. Wir werden dann keine Erlösung erfahren. Der Kern des Evangeliums ist es jedoch, dass wir vom zweiten, geistlichen Tod gerettet sind, wenn wir an Ihn glauben und annehmen, dass er für uns gestorben ist.
Wer sich aussucht, was in der Bibel, dem absoluten Wort Gottes, wahr und was falsch ist, steht auf Sand (Matt.5,18; Matt.7,26).
Es interessiert mich, worauf sich die Behauptungen in dem Artikel stützen. Mir ist unverständlich, wie so eine Position auf einer Theologischen Fakultät gelehrt werden kann. Was sagt den Rom dazu?

Stefan Kronthaler, 1210 Wien

Christliche Fake News?
Es ist mutig, auf wenigen Zeilen über Jesus zu schreiben, wenn gute Theologen wie Thomas Söding oder Gerhard Lohfink für ihre Jesus-Bücher mehrere hundert Seiten brauchen. Besonders irritierend ist aber in dem Beitrag u. a. die Feststellung, dass Jesus "in Nazareth geboren" sein soll. Woher weiß Josef Bruckmoser das? Wo steht das im Neuen Testament? Wer behauptet diese Hypothese? Gleichzeitig sangen jetzt in der Weihnachtszeit mehrere Milliarden Christen (katholisch, evangelisch, orthodox), darunter auch ich, dass Jesus "zu Bethlehem geboren" ist. Haben sie, habe ich damit gleichsam christliche Fake News verbreitet? Angefangen von Papst Franziskus in Rom bis hin zu den kleinsten Pfarrgemeinden im Salzburger Land oder im Amazonas-Gebiet? Die Überlieferung, dass Jesus Christus in Bethlehem geboren wurde, wird seit den ersten Jahrhunderten des Christentums verkündet (Matthäus- und Lukasevangelium, Kirchenväter), gepredigt, gelehrt und besungen. Alles nur christliche Fake-News?

Mag. Olivier Dantine, Superintendent der Evangelischen Kirche Salzburg und Tirol, 6020 Innsbruck

Josef Bruckmoser hat keine christlichen Glaubensinhalte in Frage gestellt, sondern sehr knapp einige Ergebnisse der historisch-kritischen Exegese und der Leben-Jesu-Forschung wiedergegeben. Die zitierten Erkenntnisse sind alles andere als neu. Den Autoren der biblischen Schriften war modernes historisches Denken fremd, es geht also in der Bibel nicht um die Darstellung von historischen Fakten. Das ist schon allein daran zu erkennen, dass unterschiedliche und teilweise einander widersprechende Erzählungen (z.B. zur Schöpfung oder zur Geburt Jesu) nebeneinander stehen. Vielmehr wurden Erfahrungen von Gottesbegegnung in Geschichten gegossen. Gute christliche Verkündigung schafft es, die in biblischen Erzählungen verdichtete Glaubenserfahrung für den Glauben der Menschen heute fruchtbar zu machen. Die Erkenntnis, dass vieles in der Bibel einer historischen Prüfung nicht standhält, wird diesen Glauben nicht anfechten. Wenn wir Christen es nicht schaffen, historische Erkenntnisse und Glaubenswahrheiten in dieser Weise in Beziehung zu bringen, haben wir kein Recht, den unhistorischen Umgang mit Heiligen Schriften durch Fundamentalisten anderer Religionen zu kritisieren.

Mag. Agnes Widauer, 1210 Wien


Ich muss dem versierten Theologen Josef Bruckmoser beipflichten.
Als junge Studentin der Religionspädagogik bin ich an der Universität Wien mit der historisch-kritischen Exegese (Bibelauslegung) in Berührung gekommen, die damals selbstverständlich gelehrt wurde. Diese zeigt auf, unter welchen Bedingungen ein biblischer Text entstanden ist. Die Bibel ist ein Glaubensbuch, kein historischer Bericht. Auch die Welt wurde nicht in sieben Tagen erschaffen, wie wir wissen. Trotzdem sind die Schöpfungsberichte nicht "falsch", sie haben die tiefe Aussage, dass Gottes Schöpfung und wir Menschen gut sind, dass wir die Erde schützen und behüten sollen.

Ähnlich ist es mit der Geburtsgeschichte Jesu. Sie wurde von Lukas nach Betlehem verlegt , da Jesus - nach jüdischer Tradition - als Messias der Nachkomme Davids sein muss und Stadt Davids ist Betlehem. Historisch ist keine Volkszählung zu damaligen Zeit belegt.
Auch wenn Jesus historisch in Nazaret geboren wäre, entfaltet die Geburtsgeschichte für mich eine wunderbare Kraft als Glaubensaussage: Jesus ist der Retter, ein anderer König als der mächtige Kaiser Augustus, ein König der im Stall geboren wird, der die Niedrigen erhöht und sich allen Menschen (u.a. armen Hirten und Sterndeutern aus der Fremde) zuwendet.
In diesem Sinne ist die Geschichte wahr und Jesus für mich der Sohn Gottes, er zeigt uns vielfältig die Liebe Gottes zu uns Menschen. Auch wenn er in Nazaret geboren wäre…..
Literaturtipp: Martin Koschorke, Jesus war nie in Betlehem.


Quelle: SN

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