Geist & Welt

Goethes Flirt mit dem Islam

Ganz gegen den Zeitgeist suchte Goethe das Positive bei Mohammed. Er entschärfte sogar ein polemisches Anti-Islam-Drama von Voltaire. Was trieb Goethe an?

Johann Wolfgang von Goethe könnte als Vorbild für die Auseinandersetzung mit dem Islam dienen, so der Tübinger Theologe und Literaturwissenschafter Karl-Josef Kuschel in seinem Buch "Goethe und der Koran".

Goethe setzte sich gegen den Trend seiner Zeit positiv mit dem Islam auseinander. Was ist von ihm zu lernen? Karl-Josef Kuschel: Goethe hatte eine schier grenzenlose Neugierde, sich in die Welt einer anderen Kultur oder Religion hinein zu versetzen. In der Münchner Ausgabe seines Gedichtzyklus "West-Östlicher Divan" gibt es im Anhang eine Liste von 120 orientalischen und islamwissenschaftlichen Werken, die er herangezogen hat. Das war Goethe wichtig. Er wusste, dass sein Publikum auf eine Beschäftigung mit Orient und Islam nicht vorbereitet war.

Diese Bereitschaft Goethes, sich auf ein komplexes Islambild einzulassen, ist für die heutige Zeit von allergrößter Bedeutung. Wir leben alle mit einem zu sehr auf Gewalt, Terror, Frauenfeindlichkeit usw. reduzierten Islambild. Dabei war schon Goethe mit einer vom Mittelalter und der Reformation her gespeisten Islamverachtung konfrontiert. Sowohl durch die antiislamische Polemik der christlichen Kirchen als auch durch die Türkenkriege, die man als Kreuzzüge gegen die Muslime verstand. Schon mit 22 Jahren bekam Goethe eine islamfeindliche Koranübersetzung - erschienen 1771 - in die Hand und machte Abschriften daraus. Es ließ sich aber von der negativen Propaganda nicht beeinflussen.

Was interessierte Goethe am Islam? Goethe war der Aufklärung verpflichtet, der Idee der eigenen Urteilsbildung und der Toleranz. Er wollte den Islam von innen heraus kennen lernen und nicht unkritisch die Stereotypen übernehmen, die Mohammed als Antichrist, Gewalt- und Sinnenmenschen sahen.
Goethe las neuere Biographien über das Leben des Propheten, er studierte Fachliteratur. Er begriff, dass der Prophet von weltgeschichtlicher Wirkung war. Das war Anfang der 1770er Jahre, die wir als "Sturm- und Drang"-Bewegung kennen. Man interessierte sich damals für Gestalten von wirkmächtiger, kolossalischer Größe. Denken Sie an Goethes "Götz von Berlichingen". Das erklärt, warum Goethe 1772 ein "Mahomet"-Drama plante. Es sollte eine Tragödie werden, denn er hatte auch bei Mohammed ein Muster der Religionsgeschichte erkannt: Große Religionsstifter fangen mit reinen Ideen an, aber sobald diese in die irdische Wirklichkeit versenkt werden, gibt es auch Gewalt und Fanatismus. Goethe aber wollte zeigen, dass Mohammed sich davon befreit und einen vergeistigten, ethischen Islam verkündet hat. Daher zitiert er aus dem Koran schöpfungstheologische und ethische Verse - nicht jene über Hölle und Strafgesetze.

Er suchte eine positive Auswahl? Eine irenische Auswahl, welche die Gemeinsamkeiten zu Juden und Christen betont. Denn die islamische Schöpfungstheologie - die göttliche Energie durchdringt die ganze Schöpfung - kam dem pantheisierenden Gottes- und Weltverständnis Goethes sehr entgegen. Er sah überall in der Natur die Spuren Gottes, denken Sie an die Naturschilderungen im "Werther". Das konnte er gut mit dem Koran vereinbaren. Dem Koran zufolge trifft der Mensch überall in der Schöpfung auf Zeichen der Präsenz Gottes.

Wie wäre Goethes Mohammed-Tragödie, zu der es nie kam, aufgenommen worden? Sie hätte sich gegen den Zeitgeist behaupten müssen, der auf Anti-Islamismus eingestellt war, sogar von Seiten bestimmter Aufklärer. Ein Beispiel ist das polemische Drama von Voltaire "Mahomet der Prophet" (1741). Voltaire stellt den Propheten als skrupellosen Machtmenschen voller Sinnlichkeit und Verbrechen dar. Er verbreitet als Aufklärer die Klischees, die jahrhundertelang die Kirchen propagiert hatten. Denken Sie nur an die hasserfüllten Anti-Islam-Schriften Martin Luthers. In Zeiten fortdauernder Türkenkriege war das Stück sehr populär. Goethe wollte mit seinem Mahomet-Drama dagegen halten. Nur: Er hat es nicht vollendet. Die Ironie der Geschichte will es, dass Goethe 1799 als Theaterdirektor in Weimar auf Drängen seines Herzogs Voltaires "Mahomet" aufführen musste. Das brachte ihn in Verlegenheit, weil er die Einseitigkeit sah. Er übersetzte das Stück neu, nahm die schlimmsten Szenen heraus. Trotzdem fiel es unter ein Niveau, das durch die Aufklärung überwunden schien.

Was halten Sie der negativen Sicht des Islam heute entgegen? Es gibt eine lange Tradition der Mystik im Islam. Der Sufismus ist ein vergeistigter Islam, der zwar nicht im Widerspruch zur Scharia steht, aber doch eine Alternative bietet mit geistiger Versenkung in die Wirklichkeit des je größeren Gottes, den keine Religion für sich gepachtet hat. In mystischen Kreisen hat man Respekt vor anderen Religionen, weil die Energie Gottes nicht auf eine Religion beschränkt ist. Goethe kannte diese Tradition. Er hat sich auf den Dialog mit dem islamischen Mystiker-Poeten Hafis eingelassen. Auch das Werk von Rumi kannte er, das bis heute spirituelle Kraft auch im Westen verströmt.

Warum griff diese Aufklärung so wenig? Weil große Gegenströmungen diesen vergeistigten Islam domestiziert oder überspielt haben. Aber sie konnten die Aufklärung nicht auslöschen. Sie wird heute aufgenommen von muslimischen Theologinnen und Theologen, die sich kritisch mit dem politischen Islam auseinandersetzen und auf gegenwärtige geistige Herausforderungen eine Antwort aus den Quellen des Islam suchen. Unser Buch soll diesen innerislamischen Prozess unterstützen und für ein komplexes Islambild bei einem nichtmuslimischen Publikum werben. Goethes "Islam"-Bild könnte nach beiden Seiten katalysatorisch wirken.

Karl-Josef Kuschel, Shahid Alam: "Goethe und der Koran", 432 S., 50,40 €, Patmos 2021. Alle Texte Goethes zum Islam kommentiert von Karl-Josef Kuschel, mit 16 Original-Kalligrafien von Shahid Alam, einem der bedeutendsten Kalligrafen der Gegenwart.

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