Ostern fängt in uns selbst an

Ob es die unheilbare Krankheit ist oder der Terror des Krieges: Der Karfreitag scheint dieser Welt tiefer eingeschrieben als der Ostermorgen. Was lässt uns hoffen? Und wer?

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Standpunkt Josef Bruckmoser
Ostern ist Wandlung: Der Salzburger Künstler Johann Weyringer hat dieses Acrylgemälde auf Leinwand geschaffen (140 x 140 cm). Es trägt den Titel „Würdig ist das Osterlamm, das geschlachtet wurde“ (Offenbarung 5,12). SN/johann weyringer
Ostern ist Wandlung: Der Salzburger Künstler Johann Weyringer hat dieses Acrylgemälde auf Leinwand geschaffen (140 x 140 cm). Es trägt den Titel „Würdig ist das Osterlamm, das geschlachtet wurde“ (Offenbarung 5,12).

Heute ist Ostersamstag und die Osterwoche ist bald vorbei. So hört man es allenthalben. Nach der Liturgie der christlichen Kirchen ist es allerdings ganz anders. Da steht heute der Karsamstag im Kalender, mit dem die Karwoche zu Ende geht. Erst morgen, mit dem Ostersonntag, beginnt die Osterwoche.

Eine Haarspalterei, könnte man meinen. Bei genauerem Hinsehen ist es aber nicht belanglos, ob wir die Karwoche verdrängen und voreilig zur Osterwoche umtaufen. Das althochdeutsche "kara" heißt Klage, Kummer, Trauer. Daran wollen wir nicht gern erinnert werden. Die Osterwoche mit ihrem frühlingshaften Aufbruch, mit ihrem Sprießen und Austreiben, ihrem Grünen und Wachsen, ist uns entschieden lieber als die Karwoche, die von Trauer und Schmerz geprägt ist.

Freilich ist das Hinlangen und Hinbangen auf Ostern gut menschlich. Denn niemand kann leben ohne eine Hoffnung, wie sie im Licht des Ostermorgens ihren starken symbolischen Ausdruck findet. Psychotherapeuten und Psychiater weisen zu Recht darauf hin, dass selbst für einen Menschen mit schwersten Depressionen nicht alles verloren ist, solange er einen Funken Hoffnung hat, dass dieses "kara" nicht sein Endzustand ist.

Überspringen lassen sich der Karfreitag und die Karwoche aber nicht. Schmerz und Klage, Trauer und Angst sind unausweichlich. Es gibt keine Osterwoche ohne die Karwoche, keinen Ostermorgen ohne den Karfreitag. Daran hat die Bibel von Anfang an festgehalten, mit dem unausweichlichen Wissen um Leid und Unrecht, immer aber auch mit dem heftigen Aufbegehren dagegen. Leiden um des Leidens willen ist keine christliche Idee. Und es ist keine christliche Idee, einen Menschen in seinem unmittelbar erlebten Schmerz auf ein besseres Jenseits zu vertrösten.

Auf den Krebsstationen unserer Kliniken kämpfen Kinder, Frauen und Männer gegen bösartige Tumoren an. Alte Menschen mit Alzheimer-Demenz leiden unerkannt an Schmerzen, weil sie sich nicht mehr ausdrücken können. Eltern, die ein Kind verloren haben, eine Frau oder ein Mann, die den Tod ihres Partners beweinen, gehen durch existenzielle Krisen, durch ihre ganz persönliche Karwoche. Da stellen sich Fragen, die keine Antwort finden, Fragen, gegen die sich schon Ijob im Alten Testament aufbäumt, wenn er klagt: Was mich erschreckte, das kam über mich, wovor mir bangte, das traf mich.

Von Jesus selbst ist das Wort am Ölberg überliefert: Vater, wenn es möglich ist, lass diesen Kelch an mir vorübergehen. Es war nicht möglich. Erst durch die Karwoche hindurch konnte Auferstehung geschehen, erst durch Lebens- und Sinnkrisen hindurch kann der Lichtstrahl von Ostern entdeckt werden. Erst wenn das Samenkorn in die Erde fällt und stirbt, schlägt es Wurzeln, wird zum sprießenden Pflänzchen und trägt reiche Frucht.

Es gibt viel an den Religionen auszusetzen. Ihren fundamentalistischen Fehlentwicklungen und gewaltsamen Auswüchsen ist mit aller Macht - auch des demokratischen Staates - entgegenzutreten. Aber was das Leid betrifft, haben die Religionen starke Erzählungen entwickelt. Der Buddhismus sieht das Leben als leidvollen Kreislauf von Geburt und Tod und lehrt, wie dieser durch den "Achtfachen Pfad" überwunden werden könne. Der Islam versucht, Leid als existenzielle Selbstverständlichkeit anzunehmen, es nicht zu verdrängen und ihm einen Sinn abzugewinnen. Das Christentum ist aus der Überzeugung erwachsen, dass einer vorgelebt habe, wie dieses Leben zu einem guten Ende führen könne - durch alle Katastrophen hindurch, völlig unerwartet und unverhofft.

Jesus ist durch alle Höhen und Tiefen des Menschseins gegangen. Er hat diese Erde aber gegen alle übermächtig erscheinende Evidenz nicht als Jammertal gesehen, sondern als einen Lebensraum, in dem die Hoffnung auf Ostern keine Schimäre ist. Dass genau dieser Jesus selbst ein Opfer von leid- und todbringenden Verhältnissen geworden ist, passt nahtlos in dieses Bild. Die religiösen und politischen Machthaber seiner Zeit haben es nicht ausgehalten, dass er nicht ihnen gefolgt ist, sondern seiner inneren Stimme. Der musste weg.

An diesem Wegschaffen und Wegmorden von Andersdenkenden hat sich bis heute nichts geändert. Der Karfreitag bedrängt uns nicht nur in persönlichen Schicksalsschlägen. Er ist auch in der globalen Welt grausame Gegenwart. In den USA schießen junge Menschen wahllos Mitschülerinnen und Mitschüler nieder. In Frankreich stirbt ein Polizist, der im wahrsten Sinne des Wortes sein Leben für ein anderes gegeben hat. Die Führer und Verführer der Massen übertreffen einander in einem neuen Wettrüsten, anstatt den Frieden zu bewahren oder ihn in Syrien und andernorts wiederherzustellen.

Was sich aber mit Ostern geändert hat, ist der Blickwinkel. Seit die Jüngerinnen und Jünger des Jesus von Nazareth sich aus der Erstarrung nach dem gewaltsamen Tod ihres Meisters gelöst haben, lebt die Botschaft von der Auferstehung. Was immer man im Einzelnen darunter verstehen mag: Der Grundstein für diesen Glauben wurde schon früh gelegt. Jesus hat die Seinen bereits zu Lebzeiten durch sein Reden und Tun so nachhaltig beeindruckt, dass sie vom Weiterleben dessen überzeugt waren, was er sie tagein, tagaus gelehrt hat. Er hat den Himmel aufgerissen und wirkmächtig demonstriert, dass jeder Mensch zu jeder Zeit schon hier auf Erden ein anderes, ein besseres Leben finden kann. Seither ist die gute Nachricht, dass sich etwas verwandeln lässt, dass jedem Abgrund des Bösen ein Strahl des Guten gegenübersteht, nicht mehr aus der Welt zu schaffen.

Nach dem Ansatz der Salutogenese, der Wissenschaft von der Entstehung und Erhaltung der Gesundheit, könnte man es so sagen: Mit Ostern eröffnet sich die Aussicht, dass das Leben verstehbar, handhabbar und sinnvoll wird. Ostern ist demnach, wo Menschen lernen, ihr Leben durch leidvolle und lustvolle Erfahrungen hindurch zu verstehen. Ostern ist, wo Menschen ihre Ressourcen nutzen, um den Herausforderungen des Lebens zu begegnen und es in die Hand zu nehmen. Ostern ist, wo Menschen spüren, dass ihre Anstrengungen und ihr Einsatz sinnvoll sind und zu einem Ziel führen. Für sie selbst und für andere.

Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit des Lebens sind möglich, verheißt Ostern - und ist damit gleichzeitig Einladung und Auftrag. Keine und keiner vermag die Welt allein aus den Angeln zu heben. Aber wo Einzelne den Anfang machen und sich nicht beirren lassen von der scheinbaren Übermacht der Vielen, wo Einzelne ihrem inneren Kompass folgen und Verantwortung übernehmen, da beginnt jene Verwandlung, für die Ostern der stärkste Ausdruck ist.

Mit Ostern ist uns eine wirksame Kraft zugesagt, die unser Leben von Angst und Finsternis zu Hoffnung und Licht wenden kann - durch uns selbst wie durch österliche Mitmenschen. Es ist kein Zauber und kein Mirakel. Es ist eine Wandlung, die in uns selbst anfängt.

Aufgerufen am 17.10.2021 um 06:33 auf https://www.sn.at/panorama/geist-welt/ostern-faengt-in-uns-selbst-an-26057026

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