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Im Lepradorf: Zwischen Wüste und Verwüstung

Joachim Bergauer ging acht Jahre lang dorthin, wo alle weg wollen: Er dokumentierte den Überlebenswillen der Bewohner von M'Balling.

Betrachten Sie kurz das Bild dort oben. Ist das ein Pressefoto eines afrikanischen Popstars? Oder einer Schriftstellerin? Am ehesten ist es wohl das Titelbild eines hochglänzenden Modemagazins. Nichts von alledem! Das ist Awa. Die 20-jährige Senegalesin lebt in M'Balling. Sie ist Hausfrau. Genau genommen ist sie Hausfrau in einer elenden Baracke ihres Lepradorfs. Ja. Sie haben richtig gelesen. Selbst im 21. Jahrhundert gibt es noch Lepradörfer. M'Balling wurde 1956 gegründet. Es befindet sich 84 Kilometer südlich von Dakar, der Hauptstadt des Senegals. Hier versuchen gesunde und kranke Menschen gemeinsam ihrem Schicksal zu trotzen. Etwa ein Drittel des Dorfs ist an Lepra erkrankt.

Awa lebt im Lepradorf M’Balling im Senegal.  SN/joachim bergauer
Awa lebt im Lepradorf M’Balling im Senegal.

Sie werden von den gesunden Bewohnern unter der Anleitung der Leprahilfe Österreich versorgt. Wären die pflegebedürftigen Kranken nicht, dann wären die Gesunden wohl längst weg. Vom Osten frisst sich die Sahara jährlich um acht Kilometer näher an das Dorf heran. Und im Westen stehen die Bewohner mit dem Rücken zum Atlantik. Ihre Fischgewässer wurden längst von europäischen Fangflotten geplündert. Diese haben auch mit ihren Schleppnetzen dem Meeresboden vor der Küste irreparable Schäden zugefügt.

Awa lebt im Lepradorf M’Balling im Senegal.  SN/joachim bergauer
Awa lebt im Lepradorf M’Balling im Senegal.

Vor allem die Jugendlichen wollen dem Elend entkommen. Ihr Ziel sind die Kanarischen Inseln, ihr Motto lautet "Barça oder Barsax." Das heißt so viel wie: "Barcelona oder die Hölle." Allein im Jahr 2008 starben bei den Überfahrten von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt mehr als 6000 Menschen.

Awa lebt im Lepradorf M’Balling im Senegal.  SN/joachim bergauer
Awa lebt im Lepradorf M’Balling im Senegal.

Seit 2009 fährt der Salzburger Fotograf Joachim Bergauer regelmäßig in das Lepradorf M'Balling. Jahr für Jahr besucht er dort seinen Freund Günter Hainzl, der seit 19 Jahren das Projekt "Leprahilfe im Senegal" leitet. Bergauer ist kein Fotograf, der an einen Krisenort kommt und schießwütig drauf los fotografiert. Er erzählt, dass ihm in den ersten beiden Jahren nur wenige brauchbare Bilder gelangen. Um einen unverstellten Blick auf die Peulh - so heißt die Volksgruppe, die in M'Balling lebt - habe ihm zunächst eher sein komödiantisches Talent beim Fußballspielen geholfen. "Fußball ist perfekt um Kontakt aufzunehmen", sagt Bergauer. "Man hat sogar Hautkontakt - und ein gemeinsames Ziel."

Acht Jahre ließ er sich nun Zeit, um Augenblicke einzufangen, die mehr sagen als tausend Worte. Die besten Bilder hat er in einem prächtigen Bildband gesammelt. Der Erlös kommt dem Lepradorf M'Balling zugute.

Der Fotograf

Joachim Bergauer fährt seit acht Jahren in das Lepradorf.  SN/joachim bergauer
Joachim Bergauer fährt seit acht Jahren in das Lepradorf.

Joachim Bergauer ist ein international ausgezeichneter Fotograf. Das Projekt "Leben im Lepradorf" im Senegal begleitet er seit 2009. Er sagt, dass er zwei Jahre brauchte, um als "Teil des Dorfs" anerkannt zu werden.

Das Buch

Der Bildband "Leben im Lepradorf" wird am Montag, 20 November, (19 Uhr) im SN-Saal im Beisein des Künstlers präsentiert. Anmeldung bitte unter unter www.sn.at/reservierung oder telefonisch unter 0662/8373-222

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