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Österreichs Freimaurer sind ins Netz gegangen

Bislang verweigerten Österreichs Freimaurer, sich detailliert im Internet darzustellen. Jetzt nicht mehr. Ein Grund: das "bisserl Freimaurerei" im Bundespräsidentenwahlkampf.


Es kommt selten vor, dass eine neue Homepage in den unendlichen Weiten des World-Wide-Web für Aufsehen sorgt. Diese tut das ohne Zweifel: www.freimaurerei.at. Freimaurer im Internet? Das ist zunächst nicht recht spannend. Wer bei Google Freimaurer eingibt, der erhält in 0,88 Sekunden 1.180 000 Treffer.

Was daran liegt, dass im Internet viel über Freimaurer geschrieben wird - aber die Freimaurer selbst das zumindest in Österreich bislang unterlassen haben.

Aber diese Homepage ist nun tatsächlich jene des seit 1717 diskret wirkenden sagenumwobenen Männerbunds. Und zwar von dem offiziellen Bund.

Dieser führte bisher nur eine mickrige Seite mit Musik des Freimaurers Wolfgang A. Mozart. Zu sehen war das Freimaurermuseum Schloss Rosenau im Waldviertel sowie das offizielle Logo, eine Art "Flammender Stern" in knallgelb. Der zurückhaltende Auftritt war wohlüberlegt. Denn Freimaurerei ist ja das genaue Gegenteil des Internets. Marktschreierei gegen Geheimbund.

"Geheimbund? Wir sind kein Geheimbund", sagt der Großmeister der österreichischen Freimaurer, Georg Semler, im SN-Gespräch. "Denn sonst würde ja niemand wissen, dass es uns gibt. Aber wir sind - das geben wir gerne zu - ein diskreter Bund. Und damit können viele Menschen heute nicht mehr umgehen."

Das sich die Freimaurer im Internet jetzt mit einer umfassenden Selbstdarstellung präsentieren, das sei einem ganz simplen Vorfall geschuldet. "Wir haben jetzt nicht zuletzt auf die Vorfälle während des Wahlkampfs zur Bundespräsidentenwahl reagiert." Da sei ja plötzlich "ein bisserl Freimaurerei" aufgetaucht.

Norbert Hofer und seine FPÖ hielten Alexander Van der Bellen urplötzlich seine ehemalige Mitgliedschaft bei einer Innsbrucker Loge vor. Offenbar wollte man bei mithilfe von Verschwörungstheorien bei den Wählern punkten. Van der Bellen berachtete die Sache gelassen und sprach nur in guten Tönen von der Zeit seiner aktiven Mitgliedschaft in der er "höchst aufgeschlossene Menschen" kennengelernt habe, mit denen es sich vortrefflich philosophieren ließ.

Mit Büchern vor Dan Brown gewappnet

Mehr Stress hatte aber plötzlich der aktuelle Großmeister der Freimaurer: "Die Journalisten bombardierten mich mit den immer gleichen Fragen", erzählt er. "Also habe ich einen Bruder beauftragt, er möge alles, was wir zu diesem Thema zu sagen haben, auf unsere Homepage schreiben. Darauf habe ich dann bei Anfragen verwiesen. Diese Maßnahme war sehr effektiv", sagt Semler, der offensichtlich die positiven Seiten guter Pressearbeit diskreter Bünde zu schätzen gelernt hat.

Neu ist es allerdings nicht, dass sich Freimaurer in Österreich an die Öffentlichkeit wenden. So erschien etwa 2008 ein Buch, in dem der damalige Großmeister Michael Kraus als Herausgeber aufschien. Es trug den Namen "Die Freimaurer" und bot mit Essays aus den Federn einiger Mitglieder einen kleinen Abriss der Ziele und des Wirkens von Freimaurerei. Was allerdings auch nicht ganz uneigennützig geschah. Damals wurde bekannt, dass der Autor Dan Brown nach seinem Weltbestseller "Sakrileg" sich als nächstes thematisch mit den Freimaurern auseinander setzen wollte. "Man wusste damals nicht, wie er unseren Bund mit dem Halbwissen, für das seine Bücher bekannt waren, darstellen wird. Es stand uns gut an, rechtzeitig Stellung zu beziehen", begründete der damalige Großmeister Kraus das Erscheinen dieses Buchs. Als Browns Roman "Das verlorene Symbol" dann erschien, waren die Freimaurer weltweit fast erleichtert, dass er sie nahezu als Weltretter präsentierte.

Inzwischen ist die neue Homepage nach mehrmaliger Überarbeitung zu einer wahren Fundgrube für Interessenten dieses Bundes geworden. Es gibt historische Erklärungen, Gedanken zu aktuellen Themen und zahlreiche weiterführende Informationen - auch zu anderen internationalen Großlogen.

Wichtig ist hierbei, dass die sogenannte "Deckung" der Mitglieder hundertprozentig gewährt bleibt. "Deckung" bedeutet unter Freimaurern: Es gibt keinerlei Hinweise auf Mitglieder und deren Rituale. Was aber nichts mit Geheimniskrämerei zu tun habe. "Ob Sie es glauben oder nicht: Datenschutz ist auch ein Menschenrecht", sagt der aktuelle Großmeister Georg Semler. Die jeweiligen Großmeister sind immer so etwas wie ein Sprachrohr des Bundes, nach außen also eher Pressesprecher als Oberhaupt. "Bei uns gibt es ohnehin kein hierarchisches Denken", sagt Semler.

Das Dschungelbuch ist voller Freimaurer-Codes

Es gebe Ämter, die jenen Brüdern, die sie ausführen, nur größere Pflichten abverlangen. Aber Befehle könne in der Freimaurerei niemandem erteilen.

Ein wenig wird dann auf der Homepage dann aber doch aus der Schule geplaudert. Etwa wenn es Brüder gibt, die ihre Mitgliedschaft stolz in dem Medien vor sich her tragen. Aktuell ist das etwa der Gute-Zeiten-Schlechte-Zeiten-Star Wolfgang Bahro. Im Fernsehen ist er der Fiesling Jo Gerner. Im richtigen Leben wird er in der Bild-Zeitung so zitiert: "Ich bin für Toleranz und Menschlichkeit. Und die Frage, wie man diese Werte jeden Tag aufs Neue umsetzen kann, hat mich beschäftigt. Darum bin ich Freimaurer geworden." Dann werden noch weitere "bekennende" Freimaurer wie der österreichische Industrielle und Kunstmäzen Hans Peter Haselsteiner, der ehemalige Bundeskanzler Fred Sinowatz und der Schauspieler und Begründer der Äthiopienhilfe "Menschen für Menschen" Karl Heinz Böhm aufgelistet.

Überhaupt lesen sich die Logenregister der internationalen Großlogen wie das Who is Who großer Denker. Mozart, Haydn, List, Voltaire, Goethe, Heine, Tucholsky, Twain und Rudyard Kipling sind da etwa zu nennen. Kipling packte gar eine Menge Codes der Freimaurer in seinen Weltbestseller "Das Dschungelbuch". Der Wiener Kulturjournalist Heinz Sichrovsky beschreibt das im Detail in seinem jüngsten Buch "Mowgli, Mozart, Sherlock Holmes - Die Königliche Kunst in Musik und Dichtung der Freimaurer." Vor allem in der britischen Musikwelt ist die Freimaurerei gut verankert: Bob Geldof, Sting, Peter Gabriel, Phil Collins, Roger Waters, Van Morrison … die Liste ist lang.

Und da wird dann auch schon langsam klar, dass man mit diesem Hinweis auf der Hompage auch schon an die Grenzen der Freimaurerei stößt. Freimaurerei hört nach der Eigendarstellung nämlich dort auf, wo begonnen wird, Geschäfte zu machen. Und als solche darf man das Bewerben von Büchern auf Homepages ruhig bezeichnen. Im Logenalltag dagegen sei Freimaurerei nämlich dezidiert ein Ausschlussgrund. So wie das auch jüngst beim Aufkommen der Mauscheleien des Lobbyisten und Freimaurers Peter Hochegger der Fall war.

Die Franzosen verkaufen "Freimaurer-Übungshefte" für alle

Politisch verweisen die Freimaurer am liebsten auf ihre Mitglieder Benjamin Franklin, George Washington, Mustafa Kemal Atatürk, Churchhill und Allende. Aber auch Revolutionäre wie Garibaldi, Bolivar und Che Guevara waren Freimaurer.

Kein Wunder, dass die Liste der Aufnahmewilligen bei den internationalen Großlogen lang ist. In Österreich sind sie am längsten. Was der bisherigen Taktik der österreichischen Großloge geschuldet war, sich völlig von der Öffentlichkeit fernzuhalten. In anderen Ländern geht man da schon länger lockerer vor. In Frankreich etwa können im Buchhandel regulär "Schulhefte für Freimaurer" gekauft werden. Illustriert wurden sie von Jihu, einem Zeichner des Satire-Magazins Charlie Hebdo. Die Hefte sind scherzhaft gedacht und verraten schon auf dem Cover das jeweilige "Alter" der drei Stufen der sogenannten Selbstveredelung. Die Lehrlingszeit wird mit "ab 3 Jahren" angegeben, die Gesellenzeit mit "ab 5 Jahren" und die Meisterzeit mit "ab 7 Jahren". In den Heften befinden sich dann Multiple Choice Tests für Freimaurer, die allerdings eher scherzhafter Natur sind - samt Lösungsteil zum Schluss. Die Brüder Freimaurer, so heißt es in den Heften, sollen sie im Urlaub kaufen und darin büffeln, damit sie das wesentliche maurerische Wissen im September nach den Ferien nicht vergessen haben.

Die deutschen Freimaurer werben bereits seit Jahren auf ihrer offiziellen Homepage www.freimaurer.org für ihre Grundwerte. Hier kann man sogar mit Freimaurern aktuelle Themen mittels Chat diskutieren.

Wie weit die Öffnung der österreichischen Freimaurerei noch gehen soll? "Wir sind prinzipiell sowieso für alles offen. Wir stehen auf unserer Seite mit Telefonnummer und Adresse für jedermann sichtbar als Verein im Register. Wir haben ein Sekretariat und sind jederzeit erreichbar", sagt Semler. Aber eines werden die österreichischen Freimaurer sicher nie sein: Marktschreier. "Wenn man so will, dann kann man sagen: Wir sind der Gegenentwurf von Facebook", sagt ein Freimaurer noch abschließend. Denn man könne es in Tagen wie diesen gar nicht oft genug wiederholen: "Datenschutz ist ein Menschenrecht", sagt Semler noch einmal. Aber wer soll darauf heute noch achten - wenn er seine eigenen Menschenrechte gar nicht mehr kennt. Ein Blick auf Homepage lohnt. Auch wenn dort keine Geheimnisse verraten werden. Wolfgang Bahro sagte der Bild-Zeitung: "Das einzige Geheimnis der Freimaurerei ist, dass wir keine Geheimnisse haben." Das ist dann doch ein wenig mickrig - in der lauten und schrillen Welt der unendlichen Weiten des Internets.

Aufgerufen am 16.12.2018 um 10:37 auf https://www.sn.at/panorama/international/oesterreichs-freimaurer-sind-ins-netz-gegangen-1233016

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