Days Gone

An Tagen wie diesen

"Days Gone" ist wie Easy Rider auf einem Zombietrip. Kreative Ansätze vermisst man, aber das Spiel ist trotzdem gut.


Ob ein Videospiel passabel oder großartig ist, lässt sich oft schon nach den ersten Minuten beurteilen. Nach dem beklemmenden Start in "The Last of Us" war sofort klar, dass dieses Spiel ein ganz außergewöhnliches Erlebnis werden würde - mit einer Geschichte, so bittersüß und packend, wie sie ein Buch oder ein Film nicht besser erzählen kann. Es ist die Liebe zum Detail, die Kunst, Computer-Figuren Leben einzuhauchen, die den Unterschied zwischen einem bloß gelungenen und einem unvergesslichen Spiel ausmacht.

Mit "The Last of Us", diesem Meilenstein der Videospielgeschichte, wollen sich Entwickler nicht gerne messen lassen - man kann nur verlieren. Das neue Zombiespiel "Days Gone", auch ein Sony-Exklusivprodukt, muss sich diesen Vergleich aber gefallen lassen, auch wenn die Macher mit ihrem Open-World-Szenario spielerisch einen anderen Ansatz gewählt haben und die Untoten hier "Freaker" heißen.

Sechs Jahre mussten Genre-Fans auf den Titel warten, entsprechend hoch sind die Erwartungen. In Trailern wurden spektakuläre Szenen gezeigt: Horden von Zombies, die sich wie Flutwellen hinter dem Protagonisten türmen, dichte Wälder im amerikanischen Hinterland, komplexe Kämpfe. Alles deutete auf ein episches Open-World-Abenteuer hin, thematisch ganz im Stile von "The Walking Dead" oder "World War Z".

Leider hat die lange Entwicklungszeit dem Game nicht gut getan. "Days Gone" wirkt an vielen Stellen überholt und nicht mehr zeitgemäß. Das betrifft die Mechanik, aber auch die Missionen, die wenig innovativ sind und die man aus anderen Spielen schon zu Genüge kennt. Im besten Fall kann es mit aktuellen Spielen mithalten, neue Wege werden aber kaum beschritten. Hinzu kommen Fehler, die einen unfertigen Eindruck hinterlassen: Zombies, die durch das Feuer laufen, ohne zu brennen? Das haben die kreativen Köpfe, die hinter "The Last of Us" stecken, schon 2013 besser hinbekommen. Überhaupt wirken die Übergänge zwischen spielbaren Passagen und Zwischensequenzen anfangs oft deplaziert, was sich negativ auf den Spielfluss auswirkt. Später wird das besser.

Was aber wirklich irritiert, ist die teils lieblose und einfallslose Inszenierung, die sich auf Klischees und altbekannte Stilmittel beschränkt. Schon der Anfang enttäuscht: Protagonist Deacon St. John und seine Frau Sarah werden getrennt, als sie aufgrund einer Verletzung in ein Lazarett geflogen wird. Er bleibt zurück, hoch oben auf einem Hausdach, während unten in den Straßen das Chaos tobt. An dieser Stelle hätte sich eine packend inszenierte Flucht aus der Stadt in das amerikanische Hinterland angeboten. Doch die Macher begnügen sich mit einer Überblendung.
Zum Glück nimmt das Spiel dann doch recht zügig und zunehmend Fahrt auf und entwickelt eine Atmosphäre, die von einer ständigen Bedrohung geprägt ist und ein Gefühl des Unbehagens erzeugt. Die Jahre vergehen und die Welt ist kaum noch wiederzuerkennen. Die wenigen Menschen, welche die Pandemie überlebt haben, hausen zusammengepfercht in Lagern. Rivalisierende Banden verbreiten Angst und Schrecken. Wie in "28 Days Later" sind die Lebenden meist gefährlicher als die Toten. In dieser Apokalypse ist sich jeder selbst der Nächste.
Am besten ist das Action-Adventure, wenn der Spieler losgelöst von der Handlung durch die Wälder pirscht und Vorräte sucht. Plötzlich ein Stöhnen - ein Zombie irrt planlos umher. Dann noch einer, und noch einer. Leer stehende Farmen oder Werkstätten werden zu tödlichen Fallen - und jede Straßensperre könnte ein Hinterhalt sein. Überall lauert das Verderben.

 SN/sony

Ein Gefühl der Ohnmacht macht sich breit, wenn einem die Zombiehorde dicht auf den Fersen ist und die Lage aussichtslos scheint. Hier macht "Days Gone" vieles richtig: Die permanente Gefahr, ob durch Menschen oder jene, die es einmal waren, sorgt für anhaltende Spannung und für ein Gefühl der Unsicherheit. Toll gemacht sind die Nahkämpfe. Und auch die Landschaft - malerische Seen und dichte Wälder - sieht klasse aus. Zum Meisterwerk hat es letztlich nicht gereicht, weder inhaltlich noch technisch. Vielleicht schafft das dann ja Teil 2.

Info
Days Gone
Sony
USK: 18
PS4

Aufgerufen am 06.12.2021 um 11:54 auf https://www.sn.at/panorama/medien/days-gone-an-tagen-wie-diesen-69646786

homo ludens - die spielerische Seite der SN

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