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Homeoffice spornt Mitarbeiter an

Laptop, Handy, Sofa: Erst wenige arbeiten von zu Hause aus. Soll es ein Recht auf Homeoffice geben?

Wenige nutzen Homeoffice – noch. SN/olezzo - stock.adobe.com
Wenige nutzen Homeoffice – noch.

Thomas Lutz sitzt in seinem Haus im niederösterreichischen Guntramsdorf am Schreibtisch, als die "Salzburger Nachrichten" den Sprecher des IT-Riesen Microsoft am Telefon erreichen. Zwei große Bildschirme stehen vor ihm, erzählt er, dazu Lautsprecher für Audio- und Videokonferenzen.

Mehr als die Hälfte seiner Kolleginnen und Kollegen im Konzern arbeiten von zu Hause oder unterwegs, erklärt er. In der Zentrale in Wien habe er nicht einmal einen eigenen fixen Platz zum Arbeiten. "Das passt zu unserer Branche, zu dem, was wir tun - und zu unserer Unternehmensphilosophie", begründet er, warum Microsoft vielen Angestellten seit gut acht Jahren die Wahl lässt, wo sie werken.

Von dem Vorstoß der deutschen SPD, Arbeitnehmern ein Recht auf Homeoffice einzuräumen, hält Lutz allerdings wenig. "Es sind Freiheitsgrade, die ein Unternehmen im Vertrauen gewährt, und nicht Rechte, auf die man pochen können sollte", sagt er. Daheim oder mobil zu arbeiten solle also eine Möglichkeit bleiben, die in jedem individuellen Fall extra bewertet werde.

Potenzial für Heimarbeit nicht ausgeschöpft

Das deutsche Arbeitsministerium kündigte indes eine rechtliche Regelung noch für dieses Jahr an. "Homeoffice ist bei Millionen Arbeitsplätzen möglich", sagte die SPD-Partei- und Fraktionschefin Andrea Nahles. Das Potenzial sei längst nicht ausgeschöpft; rund 40 Prozent der Beschäftigten könnten in Deutschland Telearbeit leisten. Doch nur zwölf Prozent tun es. Wer genauso gut von zu Hause aus arbeiten könne, solle die Chance dazu bekommen, hieß es von der SPD. Koalitionspartner CDU/CSU lehnt den gesetzlich verankerten Anspruch jedoch ab. Auch Deutschlands Arbeitgeber stemmen sich gegen das SPD-Vorhaben.

In dieselbe Kerbe schlägt Christa Schweng, Referentin in der sozialpolitischen Abteilung der Wirtschaftskammer Österreich. Mit Blick auf Zahlen der Statistik Austria - der zufolge arbeiten 3,7 Prozent der Arbeitnehmer hierzulande teils zu Hause, teils im Büro - sagt sie: "Denen, die das machen, ist klar, dass sie jedenfalls Ausnahmen darstellen." Schweng plädiert dafür, über den Arbeitsort von Fall zu Fall und je nach Einsatzgebiet zu entscheiden. "Platt gesprochen: Jemand an der Supermarktkassa kann schwer von daheim aus arbeiten. Das ist eben nicht überall zielführend. Deshalb finde ich eine rechtliche Verbindlichkeit schwer merkwürdig und auch nicht notwendig."

Soziale Anbindung dürfe nicht verloren gehen

Überzeugt ist die Wirtschaftskammer-Fachfrau hingegen von den Vorteilen von Homeoffice: "Leute sind zu Hause oftmals viel produktiver als im Büro." Bei allem Freiheitsdrang der Arbeitnehmer fordert sie, dass Arbeit kein reines Homeoffice - also ganz ohne Anbindung an das Büro - sein dürfe, sondern maximal Telearbeit. Sie argumentiert, dass Tage im Unternehmen wichtig seien, damit die soziale Anbindung nicht verloren gehe.

Außerdem betont sie, dass diese Form der Arbeit viel Vertrauen und Verständnis von drei Seiten brauche: vom Arbeitgeber, dem Arbeitnehmer - und dessen Kollegen. "Nicht nur Vorgesetzte müssen vertrauen dürfen, sondern auch die anderen Teammitglieder", sagt Schweng. Dank Digitalisierung und technischer Mittel gelinge das aber meist recht gut, solange Leute in der Telearbeit per Mail und Telefon sowie für Videokonferenzen gut erreichbar seien.

Dass Unternehmen, welche die Chance auf Homeoffice oder Telearbeit anbieten, am Markt sehr gefragt sind, bestätigt Microsoft-Österreich-Sprecher Thomas Lutz. "Weibliche Talente in unserer Branche fühlen sich von solchen Angeboten sehr angezogen. Sie ermöglichen ihnen auch, Job und Freizeit oder Familie unter einen Hut zu bekommen. Und wir gelangen an Expertinnen, die sonst schwieriger zu rekrutieren gewesen wären."

Dankbare Mitarbeiter als Konsequenz

Dass immer mehr größere Unternehmen Homeoffice anbieten, nimmt die Wiener Arbeits- und Organisationspsychologin Christina Beran wahr. Konsequenz: höchst dankbare Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Beran beschreibt Arbeit von zu Hause aus als beinahe logische Folge der Digitalisierung. "Wir haben durch sie eine flexiblere Arbeitsgesellschaft bekommen. Darauf müssen Unternehmen heute reagieren." Doch auch sie merkt an, dass ausschließliches Werken außerhalb des Büros schlecht ist. Warum? "Über unsere Arbeit integrieren wir uns in die Gesellschaft, knüpfen Kontakte. Der Anschluss an Kollegen ist nicht zu unterschätzen." Je weniger direkten Kontakt es zur Belegschaft gebe, desto mehr würde er fehlen, erklärt die Psychologin.

Dabei ist Homeoffice nicht für jeden geeignet - verlangt diese Arbeitsweise doch ein hohes Maß an Selbstorganisation und Zeitmanagement. Während es sich manche im Pyjama auf dem Sofa mit dem Laptop gemütlich machen, richten sich andere ein eigenes Arbeitszimmer oder zumindest einen fixen Platz ein. Wie man für Ruhe sorgt? "Dazu braucht es vor dem Start ein gutes Gespräch mit allen Mitbewohnern oder Familienmitgliedern. Denn auch wenn man zu Hause ist, arbeitet man und das muss respektiert werden", so Beran.

Schwierig werde es auch, wenn Arbeit und Freizeit verschwimmen, also nach Ende des Dienstes immer noch Mails und Nachrichten gecheckt und vermeintlich kleine Handgriffe "schnell nebenbei" erledigt werden. In solchen Fällen sei es besser, sich abzugrenzen und nach einem Arbeitstag einen Schlussstrich zu ziehen. Ein Diensthandy, das man ausschaltet, könne helfen. "Sonst kann sich unser innerer Kompass nicht mehr auf das ausrichten, was uns wichtig ist."

Aufgerufen am 20.10.2020 um 01:21 auf https://www.sn.at/panorama/medien/homeoffice-spornt-mitarbeiter-an-66427399

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