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ORF-Wahl: Kandidatenrunde stellte sich der Belegschaft

Der ORF-Zentralbetriebsrat hat am Donnerstag eine interne Präsentation der Bewerberinnen und Bewerber für den ORF-Generaldirektorenposten abgehalten. Große Überraschungen waren für Zuhörende mit Kenntnis der Bewerbungskonzepte nicht dabei. Fragen nach politischen Abhängigkeiten oder gar Deals blieben den Kandidaten vonseiten der ORF-Mitarbeitenden erspart.

Auch Amtsinhaber Alexander Wrabetz stand Rede und Antwort (Archivbild). SN/orf/thomas jantzen
Auch Amtsinhaber Alexander Wrabetz stand Rede und Antwort (Archivbild).

Noch am ehesten zeichnete sich ein Konflikt in Hinblick auf die Besiedelung und Inbetriebnahme des ORF-Campus bzw. des multimedialen Newsrooms ab. Diese verschieben möchte ORF-Vizefinanzdirektor Roland Weißmann zwar nicht. Aber er möchte, dass die Mitarbeiter bei der Umsiedelung bestmöglich "mitgenommen" werden. "Wenn ich und die Mitarbeiter das Gefühl haben, es ist noch nicht alles optimal vorbereitet, dann geht es mir auch nicht darum, punktgenau fertig zu werden. Wenn es ein bis zwei Monate länger dauern sollte, dann handelt es sich um gut investierte Zeit", meinte Weißmann, der als ÖVP-Wunschkandidat gilt und sich somit angesichts der Kräfteverhältnisse im Stiftungsrat gute Chancen bei der Wahl ausrechnen darf. Dass dadurch Millionen an Euro verloren gehen würden, stimme nicht, meinte er.

Der amtierende ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz pochte dagegen erneut darauf, die Besiedelung nach Plan umzusetzen. "Egal wie die Wahl ausgeht, es muss umgesetzt werden, sonst kostet es Motivation und Geld", so der ORF-Chef, der bei seiner Präsentation durchblicken ließ, dass er viele seiner Vorhaben von Mitbewerbern kopiert sieht. Auch positionierte er sich als erfahrener Verhandler und Jurist, der in seiner Zeit an der Spitze des ORF im Austausch mit den anderen Marktteilnehmern stets "gute Lösungen" für den ORF auf gesetzlicher Ebene erwirken habe können. Das wolle er im Herbst weiterführen, um die dringend etwa für ORF-Player und Social-Media-Offensive benötigte ORF-Gesetzesnovelle zu erwirken. "Das erfordert Verhandlungserfahrung. Auf der anderen Seite sind gewiefte Verhandler", so Wrabetz.

Die Möglichkeit einer eigenen Informationsdirektion, wie sie ORF-1-Channelmanagerin Lisa Totzauer in ihrem Konzept vorsieht, erregte das Interesse der ORF-Belegschaft. Derzeit ist der Generaldirektor zugleich Informationsdirektor. Das soll unter Wrabetz und Weißmann auch so bleiben. "Information ist unser sensibelstes Ressort, darum muss es beim Generaldirektor angedockt sein. Das ist Chefsache", meinte Weißmann. Er übernehme dann auch die Verantwortung, sollte es zu Kritik kommen. Freilich plane er eine weisungsfreie Chefredaktion im multimedialen Newsroom - wie die anderen Bewerber auch. Wrabetz betonte, dass es nicht Aufgabe des Generaldirektors sein könne, bei Beiträgen zu intervenieren.

ORF-Technik-Vizedirektor Thomas Prantner referierte sein Vorhaben, eine "massive Offensive im Bereich Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Umweltschutz" durchzuführen. Dafür will er eine eigene multimediale Abteilung schaffen. Auf Nachfrage der Belegschaft, ob das auch für die anderen Bewerber infrage komme, meinte Totzauer, dass das bereits von ihr angedacht sei. Ein Konzept sei schon weit fortgeschritten, und sie wolle unabhängig von der Wahl am 10. August noch im Herbst damit starten. Wrabetz antwortete, dass es "nicht immer gleich eine eigene Struktur" brauche. Mit Inbetriebnahme des multimedialen Newsrooms sei auch die Möglichkeit von Ad-Hoc-Teams gegeben. Diese könnten einen passenden Rahmen für derartige Vorhaben darstellen.

Wrabetz bekannte sich zum Radio Symphonie Orchester (RSO) des ORF. Schließlich habe er es über die Jahre "begleitet, verteidigt und unterstützt". Weißmann sieht das RSO als Produzent "zeitgenössischer Musik auf Weltniveau". Es schaffe Identität und solle erhalten bleiben. Totzauer habe mittlerweile den Wert des RSO erkannt. "Zu einer Kulturinstitution gehört auch ein Orchester", bekannte sie sich zur Fortführung des Orchesters. Weißmann, Totzauer und Wrabetz sprachen sich zudem allesamt soweit möglich gegen weitere Auslagerungen aus.

Prantner erklärte bei seiner Präsentation, den ORF modernisieren und neue digitale Angebote entwickeln zu wollen, wobei die Gleichbehandlung von Parteien entscheidend für den ORF und dessen öffentlich-rechtlichen Auftrag sei. Die Regionalschiene am Vorabend möchte er ausweiten und mehr Eigenproduktionen aus den Landesstudios ermöglichen, indem er diese mit zusätzlichen Ressourcen ausstattet. Die Führungsstrukturen im Unternehmen will er dagegen verschlanken. Sein Konzept sieht drei anstatt vier zentrale Direktionen vor. Die derzeit 90 Leitungsfunktionen möchte er im Laufe der Jahre auf 50 reduzieren, was aufgrund steigender Multimedialität in den Redaktionen möglich sei, erklärte Prantner auf Nachfrage der ORF-Mitarbeiter. Die freiwerdenden Mittel möchte er in die Digitalisierung und das Programm stecken.

Der ORF-Journalist Julius Kratky, der ein 600 Seiten schweres Konzept vorlegte, betonte, das Vertrauen in die Informationsangebote des ORF "hegen und pflegen" zu wollen. Dafür will er eine beratend tätige Informationsdirektion schaffen, die sich nicht ins Tagesgeschäft einmischt. Auch eine europäische Plattform namens "ORF-Europe-Connect" wolle er umsetzen.

Kratky warb im Zuge seiner Präsentation um die Stimme eines Stiftungsrats für das nicht öffentliche Hearing am Tag der Wahl. Nur wer zu diesem eingeladen wird, kann auch künftiger ORF-Chef werden. Derzeit sind Wrabetz, Weißmann, Totzauer und Prantner geladen. Auch Harald Thoma dürfte dies gelingen.

"Mich hat vor kurzem ein Stiftungsrat angerufen und mir zugesichert, dass ich zum Hearing am 10. August eingeladen werde. Alles andere wäre auch skurril gewesen, dann hätte man sich die Mühe auch sparen und in der ORF-Mitarbeiterzeitung ausschreiben können", sagte Thoma gegenüber dem Branchenmedium "Horizont". Der Sohn des früheren RTL-Chefs Helmut Thoma startete seine Karriere bei der "Kronen Zeitung". Später war er bei RTL II, den Universal Studios sowie Bertelsmann tätig. Derzeit ist Thoma Geschäftsführer der Pocketfilm Media Entertainment.

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