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Weißmann geht ins Rennen um den ORF-Chefposten

ORF-Vizefinanzdirektor Roland Weißmann bewirbt sich für den ORF-Generaldirektorenposten. Das kündigte er am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in Wien an: "Lange wurde spekuliert, jetzt kann ich sagen: Ja, ich trete an." Bisher haben unter anderen Amtsinhaber Alexander Wrabetz und ORF 1-Channelmanagerin Lisa Totzauer ihre Kandidatur für die Wahl am 10. August bekannt gegeben.

Roland Weißmann SN/orf/thomas ramstorfer
Roland Weißmann

"Auf den ersten Blick ist der ORF gut aufgestellt, auf den zweiten Blick werden die Herausforderungen deutlich", meinte der 53-jährige gebürtige Linzer, der auch als Chefproducer Fernsehen, dritter Geschäftsführer von orf.at und Projektleiter des ORF-Players agiert. So müsse der ORF in den nächsten Jahren digitaler, jünger und diverser werden. "Für diese Veränderungen benötigen wir auch in der Unternehmenskultur einen Wandel", so Weißmann. Der geplante ORF-Player als auch der in Bau befindliche multimediale Newsroom seien wesentliche Säulen der Transformation.

"Ich habe mich heute hier beworben, weil ich davon ausgehe, dass ich gewinne", sagte er. Er hoffe auf möglichst viele Stimmen der Stiftungsräte und das aus allen "Freundeskreisen". Weißmann gilt als Favorit der ÖVP für den Generaldirektorenposten. Er hat laut APA-Informationen die besten Karten und kann voraussichtlich mit einer Mehrheit im Stiftungsrat rechnen. Er nahm an Treffen des bürgerlichen "Freundeskreises", der mit bürgerlichen Unabhängigen auf eine Mehrheit im Stiftungsrat kommt, teil und gilt als gut vernetzt.

"Ich bin kein Kandidat einer Partei. Ich fühle mich zu hundert Prozent dem ORF und seinem Publikum verpflichtet", sagte er bei der Pressekonferenz. Politische Interventionen hätten bei ihm keinen Sinn, weil er ihnen nicht nachgebe. Er will zudem von keinem Wahlkampf sprechen, sondern sieht einen "Wettbewerb der besten Ideen" gegeben. Tagesgeschäft und gute Zusammenarbeit - etwa mit dem amtierenden Generaldirektor - laufen weiter, so Weißmann.

Die Information erachtet er als wichtige Säule des ORF, deren Unabhängigkeit und Objektivität er wahren wolle. Beides müsse auch nach der Übersiedelung in den multimedialen Newsroom erhalten bleiben. Zudem müsse man darauf achten, den Meinungspluralismus im neuen Newsroom hoch zu halten. Dabei handelt es sich um eine Forderung, die auch Thomas Zach, Leiter des bürgerlichen "Freundeskreises" wiederholt aufstellte.

Lineare ORF-Kanäle würden zwar noch länger relevant bleiben, der Schwerpunkt müsse sich aber ins Digitale verlagern. "Online-first" solle zu einer zentralen Regel werden, wobei es weiterhin auch Exklusivgeschichten für Journale oder ZiBs geben solle, kündigte Weißmann an. Für "Online-first" oder "online-only" ist jedoch bekanntermaßen eine ORF-Gesetzesnovelle nötig. "Ich bin zuversichtlich, dass der ORF mehr digitale Bewegungsfreiheit bekommt", meinte Weißmann. Dafür wolle er sich einsetzen. "Nur so hat der ORF eine Chance, relevant zu bleiben." Ganz klar trete er auch für das Schließen der Streaminglücke in Bezug auf die ORF-Gebühren ein.

Besorgt zeigte er sich angesichts des Umstands, dass internationale Konkurrenz zusehends Marktanteile - vor allem bei den jungen Zielgruppen - und Werbung vom heimischen Markt abschöpfen. "Ich werde auf jeden Fall die Kooperation mit heimischen Medien suchen. Wir stehen vor völlig neuen Aufgaben", so Weißmann.

Er kündigte an, im Falle einer Bestellung eine Einheit für Innovation im ORF aufzubauen und den Kulturwandel voranzutreiben. Als eine seiner ersten Aufgaben erachte er es zudem, eine schlüssige Social-Media-Strategie zu erarbeiten. "Die ZiB auf Instagram ist ein sehr guter Anfang, aber wir brauchen neue und gute digitale Produkte." Denn junge User würden sich ihre Inhalte selbst im Netz suchen, lediglich lineare Inhalte ins Netz zu bringen, reiche nicht.

Um junge Zielgruppen besser ansprechen zu können, will er die zahlreich anstehenden Pensionierungen im Unternehmen nutzen, um junge Journalisten anzustellen und zugleich den Gender-Gap zu schließen. Generell sei Genderdiversität eine klare Schwerpunktsetzung in seiner Bewerbung. "Ich bin aber Gegner von Prozentzahlen", wollte er sich nicht auf Zahlen festlegen lassen.

Großes Potenzial verortet er in den Bundesländern. Zu wissen, was in den Regionen los ist, interessiere sehr viele - auch junge - Menschen. Daher wolle er, der viele Jahre in Niederösterreich verbrachte, die Landesstudios stärken und deren Budget für regionale Produktionen erhöhen.

Weißmann bezeichnete sich als Teamplayer, der für die Mitarbeiter ein gutes Umfeld schaffen möchte. Über sein künftiges Team habe er sich bereits Gedanken gemacht, für den Fall, dass er am 10. August gewählt werde. Es handle sich um ein "Team der besten Köpfe", das sowohl aus internen als auch externen Experten und Expertinnen bestehe. Da die Digitalisierung sehr stark im Fokus seiner Überlegungen stehe, habe er das auch hinsichtlich der Struktur entsprechend berücksichtigt. Diese wolle er aber zunächst den Stiftungsräten vorstellen.

Wrabetz will noch heuer die vielen Führungspositionen im multimedialen Newsroom besetzen. Als Problem wollte Weißmann das nicht bezeichnen. "Der aktuell gewählte Generaldirektor ist bis Ende des Jahres im Amt. Wie ich den Generaldirektor kennengelernt habe, vertraut er aber auf Kooperation bei den Bestellungen", so der Vizefinanzdirektor des ORF.

Die Bewerbungsfrist für den ORF-Generaldirektorenposten endet mit 28. Juli. Eine Möglichkeit für Nachbewerbungen ist bis 3. August eingeräumt. Um zum nicht-öffentlichen Hearing am 10. August und damit dem Tag der Wahl eingeladen zu werden, müssen Bewerber mindestens von einem Stiftungsrat des 35-köpfigen obersten ORF-Gremiums nominiert werden. Diese haben dafür bis 6. August Zeit.

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