Österreich

Ärzte-Phalanx für das Impfen: "Wir können dem Virus jetzt die Stirn bieten"

Fünf heimische Spitzenmediziner bilden die ärztliche Phalanx der Initiative "Österreich impft". Diese ist eine breit angelegte Informationskampagne zur Steigerung der Impfbereitschaft, die aktuell ungefähr ein Drittel der Bevölkerung zeigt.

Die Nadel und die Ampulle – sie sollen die Covid-19-Pandemie beenden. SN/dpa/Sven Hoppe
Die Nadel und die Ampulle – sie sollen die Covid-19-Pandemie beenden.

Fünf österreichische Topmediziner haben am Montag öffentlich einen symbolischen Schulterschluss im Kampf gegen die Coronapandemie gebildet. "Wir sind nun in der glücklichen Lage, dem Virus die Stirn bieten zu können," sagte Ursula Wiedermann-Schmidt, wissenschaftliche Vorsitzende des Nationalen Impfgremiums, Professorin für Vakzinologie, Fachärztin für Spezifische Prophylaxe, Tropenhygiene und Immunologie, Vorstand des Zentrums für Pathophysiologie, Infektiologie und Immunologie, Ärztliche Leiterin der Spezialambulanz für Impfungen, Reise- und Tropenmedizin der MedUni Wien und Referenzzentrum des Gesundheitsministeriums.

Ihr sei klar, dass es gegen das Impfen Vorbehalte gebe. In der aktuellen Situation löste unter anderem das Tempo der Impfstoffentwicklung Argwohn aus. Wiedermann-Schmidt hielt dem entgegen, dass es schon vor der wissenschaftlichen Beschreibung der Covid-19-Molekularsequenz entsprechende Impfstoffe gegeben habe, die an den neuen Erreger angepasst werden konnten.

Allgemeinmedizinerin Reingard Glehr, Tropenmediziner Herwig Kollaritsch, wissenschaftl. Vorsitzende des Nationalen Impfgremiums Ursula Wiedermann-Schmidt, MedUni Wien-Rektor Markus Müller und Arbeitsmedizinerin Eva Höltl am Montag, 11. Jänner 2021, im Rahmen der Präsentation der Sprecherinnen und Sprecher der Initiative "Österreich impft" im Bundeskanzleramt in Wien. SN/APA/GEORG HOCHMUTH
Allgemeinmedizinerin Reingard Glehr, Tropenmediziner Herwig Kollaritsch, wissenschaftl. Vorsitzende des Nationalen Impfgremiums Ursula Wiedermann-Schmidt, MedUni Wien-Rektor Markus Müller und Arbeitsmedizinerin Eva Höltl am Montag, 11. Jänner 2021, im Rahmen der Präsentation der Sprecherinnen und Sprecher der Initiative "Österreich impft" im Bundeskanzleramt in Wien.

Ein Datum dafür gibt es auch. Fast genau vor einem Jahr (13. Jänner 2020) wurde SARS-CoV-2 erstmals in seiner molekularen Struktur beschrieben. Damit fiel der Startschuss für die Entwicklung der nun vorliegenden und zum Teil auch schon bewilligten Impfstoffe. Daran erinnerte Markus Müller, Rektor der Medizinischen Universität Wien, Facharzt für Innere Medizin, Vorsitzender der Heilmittel-Evaluierungs-Kommission im Hauptverband der Österreichischen Sozialversicherungsträger, am Montag bei der Pressekonferenz in Wien.

Für Herwig Kollaritsch, Facharzt für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin, Facharzt für Hygiene und Mikrobiologie, Gerichtssachverständiger und Impfexperte und Mitglied im nationalen Impfgremium, steht der Nutzen der Covid-19-Impfungen bereits jetzt fest.

Bild: SN/APA/GEORG HOCHMUTH
Impfungen sind paradoxerweise Opfer ihres eigenen Erfolges, wir sehen viele Infektionskrankheiten nämlich nicht mehr.
Herwig Kollaritsch, Facharzt

Aber: Dass Impfungen "paradoxerweise Opfer ihres eigenes Erfolgs" sind, sehe man an zahlreichen Infektionskrankheiten, wie beispielsweise Pocken oder Keuchhusten, die es heute dank der Impfungen nicht oder kaum mehr gebe, sagte Kollaritsch. Wir sehen "die meisten Infektionskrankheiten nicht mehr", außerdem fehle uns "der Bezug zu dem Leid, das sie verursacht haben".

Deshalb würden viele Menschen nicht mehr verstehen, warum sie geimpft werden müssen. Durch den fehlenden Leidensaspekt "verschiebt sich der Blickwinkel des Einzelnen" auf denkbare Probleme und führe zu einer kritischen Haltung der Bevölkerung gegenüber Impfungen, warnte der Experte.
Hochgerechnet auf ein Jahr und unter Berücksichtigung des Wirkungsgrades müssten in Österreich lediglich fünf Menschen geimpft werden, um einen neuen Infektionsfall zu verhindern. Bei der Influenza (Grippe) beträgt dieses Verhältnis 40:1. Bei anderen Krankheiten wie etwa Gehirnhautentzündung bei Säuglingen betrage dieses Verhältnis sogar mehrere Tausend Menschen zu eins.

Allerdings räumte Kollaritsch ein, dass noch nicht gesichert sei, dass Geimpfte das Virus nicht doch übertragen könnten, wenngleich diese Personen in der Übertragung eine geringere Rolle spielen als Ungeimpfte.

Eva Höltl, Arbeitsmedizinerin, Leiterin des wissenschaftlichen Beirats der österreichischen Akademie für Arbeitsmedizin und Prävention, Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Arbeitsmedizin, sagte: "Für jeden, der geimpft ist, ist es (die Pandemie, Anm.) vorbei. Für uns alle ist es aber erst dann vorbei, wenn möglichst viele geimpft sind."

Die in diesen Tagen startende Informationskampagne richtet sich aber nicht nur an die österreichische Bevölkerung, die nach Angaben von Rektor Müller eine Impfbereitschaft von etwa einem Drittel aufweist. Auch niedergelassene Ärzte sind die Zielgruppe. Sie sollen ja im Lauf des Jahres diese Impfungen ebenfalls verabreichen können. Reingard Glehr, praktische Ärztin in Hartberg (Steiermark) und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Allgemeinmedizin und evidenzbasierte Versorgungsforschung (IAMEV) der Medizinischen Universität Graz, berichtete in diesem Zusammenhang nicht nur von großer Verunsicherung aufseiten der Patienten, sondern auch von einem uneinheitlichen Meinungsbild innerhalb ihrer Kollegenschaft.

Aufgerufen am 28.10.2021 um 02:20 auf https://www.sn.at/panorama/oesterreich/aerzte-phalanx-fuer-das-impfen-wir-koennen-dem-virus-jetzt-die-stirn-bieten-98184397

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