Österreich

Bilanz der Operation Aderlass: Strafrechtlich blieb wenig übrig

Im zweiten Anlauf erreichte Ex-Radprofi Stefan Denifl einen Freispruch in seinem Dopingprozess - trotz eines Teilgeständnisses. Sein Beispiel zeigt die große Kluft zwischen Sport- und Strafrecht.

Am 27. Februar 2019 erfolgte die wohl größte Antidoping-Razzia, die es in Österreich je gab. Die Aufnahmen von der "Operation Aderlass" waren beinahe live im Fernsehen zu sehen, denn die Fahnder aus Österreich und Deutschland schlugen öffentlichkeitswirksam während der nordischen Ski-Weltmeisterschaft in Seefeld in Tirol zu.

Neun Festnahmen und ein Inflagranti-Bild mit der Nadel im Arm

Es gab insgesamt neun Festnahmen, davon fünf in Seefeld, parallel dazu wurde in Erfurt (Thüringen) unter anderen der Mediziner Mark S. (43) geschnappt. Als dann auch noch aus einer polizeiinternen WhatsApp-Gruppe widerrechtlich ein Foto des Langläufers Max Hauke publik wurde, das ihn mit der Nadel im Arm beim Blutdoping zeigte, als er in einem Pensionszimmer auf frischer Tat erwischt worden war, schien der Skandal perfekt.

In Österreich gab es nur einige bedingte Freiheitsstrafen

Knapp vier Jahre später ist aber endgültig klar: Strafrechtlich blieb von der Aktion in Österreich außer einigen bedingten Freiheitsstrafen von je ein paar Monaten nichts übrig. Denn der ehemalige Profi-Radrennfahrer Stefan Denifl (35) erreichte am vergangenen Freitag im zweiten Anlauf in seinem Prozess einen Freispruch. Dabei bleibt es, obwohl Denifl Blutdoping immer zugegeben hatte. Nur den Betrug an Sponsoren hatte er stets bestritten. Die Staatsanwaltschaft Innsbruck werde kein Rechtsmittel gegen den Freispruch für Denifl einlegen, sagte Behördensprecher Hansjörg Mayr am Montag den SN.

Sportarzt in München erhielt fast fünf Jahre Gefängnis

In München hingegen wurde Sportarzt S. Anfang 2020 zu fast fünf Jahren Gefängnis sowie drei Jahren Berufsverbot verurteilt, sein wichtigster Helfer zu knapp zweieinhalb Jahren Haft.

Zurück zu Denifl: Er wurde im Februar 2019 sogar vorübergehend festgenommen. Bei dem deutschen Sportarzt wurden auch Blutbeutel gefunden, die Denifl zugeordnet werden konnten. Der Radprofi beendete daraufhin seine Karriere. Im ersten Prozess erhielt er zwei Jahre teilbedingte Haft und 349.000 Euro seines Vermögens wurden für verfallen erklärt. Doch der Oberste Gerichtshof hob das Urteil auf, da Österreich nicht verpflichtet sei, im Ausland begangene Taten zu verfolgen, wenn diese dort nicht strafbar seien.

Ex-Teams von Radprofi erhoben keine Schadenersatzansprüche

Denifls Anwalt Norbert Winkler aus Innsbruck sagte, das Teilgeständnis seines Mandanten habe nur die Österreich-Tour 2017 betroffen. Da der spätere Sieger - die Trophäe wurde nach dem Dopinggeständnis aberkannt - damals aber nicht Kapitän gewesen sei, sondern nur Teamfahrer, habe für den Schöffensenat die subjektive Tatseite gefehlt. Der Freispruch vom Betrugsvorwurf wurde damit begründet, dass die früheren Radteams IAM (Schweiz) und Aqua Blue Sport (Irland) keine Schadenersatzforderungen gegen Denifl erhoben hätten. Zudem wäre die Vorgangsweise in diesen Ländern nicht als Betrug strafbar wie in Österreich. Anwalt Winkler: "Der österreichische Straftatbestand des Sportbetrugs war ein vorauseilender Gehorsam, das Sportrecht reicht völlig aus." Für seinen Mandanten beginne nun nach fast vier harten Jahren "eine Phase der beruflichen Neuorientierung".

Verteidiger: "Straftatbestand des Sportbetrugs war vorauseilender Gehorsam"

Der Paragraf war 2008 eingeführt worden, bisher kam er aber kaum zur Anwendung. Im Aderlass-Komplex wurden die fast durchwegs geständigen Athleten zu bedingten Haftstrafen und geringen Geldstrafen verurteilt. Ex-Langläufer Johannes Dürr (35) erhielt als Wiederholungstäter die höchste Strafe (15 Monate bedingt), der ausgesprochene Vermögensverfall wurde aber nicht extra eingetrieben. Ex-Radprofi Georg Preidler (32) erhielt ein Jahr bedingt, ein Vermögensverfall wurde nicht ausgesprochen. Verurteilt wurden auch die beiden Ex-ÖSV-Trainer Gerald Heigl und Walter Mayer.

Nationale Anti-Doping-Agentur: Sportrecht lässt sich international durchsetzen

Der Sprecher der Nationalen Anti-Doping Agentur (NADA), David Müller, bestätigte, dass es in vielen anderen Länder kein so strenges Dopingstrafrecht gebe wie in Österreich. "Hier gibt es ein buntes Bild", teilweise kämen gedopte Athleten auch mit Diversion davon. Sportrechtlich ließen sich strenge Sanktionen aber international ziemlich einheitlich durchsetzen, so Müller.

Oft wurden durch die NADA mehrjährige Sperren - bei Johannes Dürr sogar lebenslang - ausgesprochen. Eine jahrelange Sperre bedeutet im Profisport meist das Karriereende.

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