Österreich

Coronavirus: Viele Geschäfte sperren ab Montag zu, Restaurants schließen früher, Teile Tirols abgeriegelt

Österreich wird auf Minimalbetrieb heruntergefahren. Das kündigte Bundeskanzler Sebastian Kurz am Freitag an. Viele Geschäfte bleiben ab Montag geschlossen, einzelne Gebiete im Bundesland Tirol werden unter Quarantäne gestellt. Bundespräsident Alexander Van der Bellen appellierte in einer TV-Ansprache am Freitagabend an die Bevölkerung.

Österreich setzt im Kampf gegen das Coronavirus auf drastische Maßnahmen: Die Orte Galtür, Ischgl, See und Kappl im Paznauntal sowie St. Anton am Arlberg wurden unter Quarantäne gestellt, nicht essenzielle Geschäfte müssen für eine Woche schließen und Lokale dürfen nur mehr bis 15.00 Uhr offen haben. Nachweislich infiziert mit dem Virus waren Freitagnachmittag in Österreich 504 Personen, in Salzburg 24.

Statement Bundeskanzler Sebastian Kurz:

"Wir erleben eine herausfordernde Zeit", sagte Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) bei der Pressekonferenz am Freitagnachmittag. "Es ist notwendig, dass wir zusammenstehen. Das bedeutet weitreichende Einschränkungen." Diese betreffen vor allem unser Sozialleben: Restaurants, Bars und Cafés haben ab Montag nur mehr bis 15 Uhr geöffnet. Geschäfte werden geschlossen, davon ausgenommen sind Lebensmittelgeschäfte, Apotheken, Drogerien, Tankstellen, Banken und Tierfuttergeschäfte. Die Versorgung mit Nahrungsmitteln, Arzneimitteln und Toilettenartikeln sei damit gesichert. Auch Lieferservices und Zustelldienste seien nicht betroffen. Dennoch werden Unternehmerinnen und Unternehmer dazu aufgefordert, ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Teleworking zu ermöglichen.

Paznauntal und St. Anton am Arlberg werden isoliert

Da es im Bundesland Tirol zu einer rasanten Ausbreitung des Virus kommt, werden einzelne Gebiete für zwei Wochen isoliert: Das Paznauntal und St. Anton am Arlberg sind ab sofort unter Quarantäne gestellt, wie Bundeskanzler Kurz verkündete. Die Quarantäne-Maßnahmen betreffen insgesamt rund 9500 Einheimische. Zusätzlich zu den Einheimischen sind auch noch die Angestellten in den Hotels sowie die österreichischen Urlauber von der 14-tägigen Isolation betroffen. Um wie viele Personen es sich dabei handelt, war vorerst unklar. Ausländische Urlauber dürfen abreisen.

Die Isolierungs-Maßnahmen der Bundesregierung für die Orte haben keine häusliche Quarantäne für die einheimische Bevölkerung, Hotelmitarbeiter und österreichische Urlaubsgäste zur Folge. Es sei eine "Quarantäne für das Tal" angeordnet worden sagte der Bürgermeister von Galtür, Anton Mattle. Die Betroffenen können sich also in den Orten bewegen, müssten aber klarerweise ihre sozialen Kontakte reduzieren bzw. minimieren, so Mattle.

Das Bundesheer verstärkte seinen Einsatz in Tirol mit weiteren 30 Soldaten. Dabei geht es vor allem um die geordnete Rückreise von ausländischen Gästen in ihre Heimatländer.

Reisewarnung für Frankreich, Spanien und Schweiz

Die Regierung teilte außerdem mit, dass die Flugverbindung zu Spanien, der Schweiz und Frankreich unterbrochen werde. Die Grenzen zu Liechtenstein und der Schweiz werde zudem kontrolliert, sagte Innenminister Karl Nehammer (ÖVP). Das Außenministerium gab anschließend eine Reisewarnung für die genannten Länder heraus. Vor Reisen nach Frankreich, Spanien und in die Schweiz werde daher gewarnt. Es werde dringend geraten, nicht notwendige Reisen zu verschieben oder von derzeit noch bestehenden Rückreisemöglichkeiten Gebrauch zu machen. Österreicherinnen und Österreicher, die sich in Südfrankreich befänden, sollten jedoch nicht über Italien heimkehren, da für dieses Land bereits eine Reisewarnung besteht.

Statement Innenminister Nehammer:

504 bestätigte Erkrankungen bei 6600 Testungen von Verdachtsfällen gab es Freitagnachmittag in Österreich. Eine Entwicklung wie in Italien, wo man derzeit 15.000 Kranke und 1100 Tote verzeichnet, wolle man mit allen Mitteln verhindern, sagte Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne). Die Ressourcen in den Krankenhäusern seien gesichert. "Wir überprüfen derzeit, ob die in Japan entwickelten Schnelltests ebenso hohe Aussagekraft haben. Wenn ja, können wir diese auch in Österreich flächendeckend einsetzen", bestätigte der Gesundheitsminister.

Die Schließungen der Lokale solle vorerst eine Woche dauern, werden aber laufend evaluiert und können verlängert werden, hieß es von Seiten der Bundesregierung. "Das sind sehr harte Einschränkungen, die aber notwendig sind, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen", sagte Kurz. Man sei sich bewusst, dass damit auch wirtschaftliche Probleme einhergingen. Bezüglich der Gerüchte und "Fake News", die im Zusammenhang mit den Maßnahmen in Umlauf sind, betonte Innenminister Nehammer: "All das, was in sozialen Medien herumgeistert, hat keine Substanz. Lassen Sie diese Nachrichten nicht an sich herankommen. Wir informieren Sie, sodass Sie mit Ihrem Alltag gut zurechtkommen."

Statement Gesundheitsminister Anschober:

Van der Bellen: "Wir müssen gemeinsam durch"

Bundespräsident Alexander Van der Bellen hat sich Freitagabend in der Coronakrise an die Bevölkerung gewandt. "Wir müssen jetzt gemeinsam durch diese Situation durch", sagte er in einer Fernsehansprache und rief dazu auf, die Empfehlungen von Regierung und Experten ernst zu nehmen. Es gehe darum, die Verbreitung des Virus zu verlangsamen, damit das Gesundheitssystem weiter funktionieren kann. Van der Bellen sprach von einer "ernsten Situation": "Die Coronakrise betrifft uns alle. Und sie schneidet tief in unseren Alltag ein. Und wir alle können etwas tun. Ganz konkret. Indem wir ernst nehmen, was die Bundesregierung und die Expertinnen und Experten empfehlen. Indem wir auf uns achten. Und auf andere." Er sei "zuversichtlich", dass "wir auch das schaffen". - "Also, schauen Sie bitte auf sich. Und gemeinsam schauen wir auf unser Österreich."

Lob des Staatsoberhaupts gab es für die Regierung, die umsichtig und angemessen agiere, und für die Opposition, die jetzt zusammenhalte. Und "ein herzliches Danke" sagte er allen Menschen in medizinischen und pflegenden Berufen und den Einsatzkräften.

Ansturm auf Supermärkte und Banken war groß

Bereits am Donnerstag waren weitere Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus angekündigt worden. Daher herrschte Unsicherheit in weiten Teilen der österreichischen Bevölkerung. Das führte Freitagfrüh zu Hamsterkäufen von Grundnahrungsmitteln und Toilettenpapier sowie zu einem "Run" auf die Banken, um Bargeld abzuheben. Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) ist bereits im Vorfeld den Gerüchten entgegengetreten, die Regierung könnte eine Ausgangssperre verhängen oder alle Geschäfte in Österreich schließen. "Es wird natürlich keine Ausgangssperren geben", versicherte Nehammer im Ö1-"Mittagsjournal" und warnte vor "Fake News". "Die Grundversorgung ist natürlich gesichert", betonte er. Die konkret geplanten Maßnahmen wollte er noch nicht vorweg nehmen. Wichtige Infrastruktur wie Banken, Apotheken und Supermärkte "bleiben selbstverständlich geöffnet und erhalten". Und: "Es gibt keinen Grund, einen Banken-Run zu machen und Bargeld in Massen abzuheben."

Politik ist um "soziale Distanzierung bemüht"

Die Regierung ist derzeit bemüht, die sozialen Kontakte der Bevölkerung so weit wie möglich zu reduzieren, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. Ziel ist, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mittlerweile als Pandemie eingestufte Verbreitung der Krankheit soweit zu verzögern, bis die aktuell noch laufende Grippewelle abebbt und somit Spitalsbetten für Corona-Patienten frei werden.

Auch im eigenen Bereich ist die Politik bemüht, den Grundsatz der "sozialen Distanzierung" umzusetzen. Im Vorfeld der Pressekonferenz hat der Bundespressedienst an die Medien appelliert, nach Möglichkeit nur ein Redaktionsmitglied (plus allenfalls ein Kamerateam) zu entsenden. Fotoredaktionen werden ersucht, auf Bilder der APA - Austria Presse Agentur sowie des Bundeskanzleramts zurückzugreifen. Wer kürzlich in einem Corona-Risikogebiet war oder Symptome wie hohes Fieber, Husten oder Atembeschwerden spürt, soll der Veranstaltung ohnehin fernbleiben.

Schüler dürfen schon ab Montag daheimbleiben

Ab Montag dürfen alle Schüler daheimbleiben. An den Oberstufenschulen wird ohnehin kein Unterricht mehr vor Ort stattfinden, an Volksschulen, AHS-Unterstufen und Neuen Mittelschulen (NMS) gelten alle Schüler, die nicht kommen, automatisch als entschuldigt. Das teilte das Bildungsministerium der APA mit.

Am Montag und Dienstag findet an den Schulen für Unter-14-Jährige also noch grundsätzlich regulärer Unterricht statt. Dieser muss von den Kindern jedoch nicht besucht werden - eine Entschuldigung muss dafür nicht erbracht werden.

Am Mittwoch gibt es dann auch wie geplant keinen regulären Unterricht mehr. Schüler unter 14 Jahren ohne Betreuungsmöglichkeit daheim werden am Schulstandort betreut.

Die aktuellen Entwicklungen im Liveblog:

Aufgerufen am 01.12.2021 um 03:03 auf https://www.sn.at/panorama/oesterreich/coronavirus-viele-geschaefte-sperren-ab-montag-zu-restaurants-schliessen-frueher-teile-tirols-abgeriegelt-84792190

Das Coronavirus und seine Folgen

Das Coronavirus und seine Folgen

Jetzt lesen

Kommentare

Schlagzeilen