Österreich

Die Jäger der verlorenen Stammbäume

Immer mehr Menschen wollen ihre Familiengeschichte erforschen. Dabei kommt so manches Geheimnis zutage. Aber nur, wenn man es richtig anstellt.

In den Wochen nach Weihnachten steigt das Interesse an der Familiengeschichte. SN/stock.adobe.com/anhees
In den Wochen nach Weihnachten steigt das Interesse an der Familiengeschichte.

Was hat die berühmteste Schweizer Mumie mit dem britischen Außenminister zu tun? Die Antwort überrascht: Sie sind miteinander verwandt. Erst kürzlich konnten Wissenschafter die Identität der äußerst gut erhaltenen Mumie identifizieren, die 1975 in einer Gruft in der Barfüßerkirche in Basel entdeckt worden war. Es handelt sich um die Pfarrersfrau Anna Catharina Bischoff, die 1787 an Syphilis starb. Man gehe davon aus, dass sie sich bei der Pflege Kranker infiziert habe, hieß es. Die Forscher konnten das Rätsel dank historischer Dokumente, der Hilfe eines Ötzi-Experten und DNA-Analysen lösen. Dabei kam auch ans Tageslicht: Bischoffs Ururururururenkel ist Boris Johnson. Der twitterte, die Information sei "sehr aufregend". Seine Vorfahrin sei "eine Pionierin der Sexualmedizin" und er sei "sehr stolz".

Auch wenn Johnson nicht aus eigenem Antrieb nach seinen Vorfahren gesucht hat: Das Interesse an der eigenen Familiengeschichte steigt - auch in Österreich. Der Wiener Berufsgenealoge Felix Gundacker beobachtet dies vor allem im Jänner und Februar. Der Grund ist Weihnachten, wie der Experte im SN-Gespräch erklärt. "Da sitzen alle beisammen und es tauchen oft Fragen auf, etwa: Wie war das mit der Oma, die ich nicht kannte?" Die eigenen Großeltern nicht zu kennen nage oft im Unterbewusstsein und sei mitunter ein Auslöser, ein Hobby-Ahnenforscher zu werden.

Das wachsende Interesse an der Ahnenforschung ist zutiefst menschlich: Viele wollen wissen, woher sie kommen, was der Familienname bedeutet und welches Schicksal ihre Ahnen hatten. Die steigende Nachfrage liege aber auch am heute leichteren Zugang zu den Daten. So sind Einträge in die Kirchenbücher im Internet abrufbar. "In Österreich geht es uns da sehr gut. Bis auf das Burgenland sind alle Kirchenbücher kostenlos einsehbar", erklärt Gundacker. Doch viele Anfänger stoßen bei der Suche nach ihren Vorfahren schnell an die Grenzen. Gundacker bietet daher auch Seminare an und gibt dabei wertvolle Tipps, beispielsweise in welchen kirchlichen und staatlichen Archiven man welche Informationen findet, welche Probleme auftauchen und wie man sie lösen kann. Oft geht es dabei um das Lesen von Kurrentschrift, die geografische Lage von Orten oder die Zuverlässigkeit von Einträgen.

"Wichtig ist es, nicht zu hudeln, sondern Schritt für Schritt vorzugehen. Das ist einer der Fehler, weil man nicht richtig vorgeht - und dann ist der Stammbaum falsch", erklärt Gundacker. Ein weiterer Fehler sei, sich auf Spekulationen einzulassen. "Es gibt einen Unterschied zwischen Geschichte und Geschichten", betont der Experte. Im Auftrag seiner Kunden erstellt er auch Stammbäume. Damit verdiene er sein Geld, erklärt er. Weil er aber auch die Freude an der Ahnenforschung wecken will, verweist er auf die kostenlose Internetplattform GenTeam (www.genteam.at), auf der 17,5 Millionen Einträge frei zugänglich sind. Gundacker war im Jahr 2010 einer der Mitbegründer. Zudem gebe es verschiedene Facebook-Gruppen, bei denen sich Forscher Hilfestellung geben.

Gundacker hat die Erfahrung gemacht, dass Informationen innerhalb der Familie nur gefiltert oder verfälscht weitergegeben werden. So fand er etwa für einen Kunden heraus, dass sein Vater gar nicht in Stalingrad gefallen war, wie ihm die Mutter erzählt hatte. Eine Amerikanerin, die etwas über ihre Großmutter wissen wollte, erfuhr, dass diese als Prostituierte gearbeitet hatte.

Gundacker selbst interessierte sich schon als Kind für die Geschichte seiner Vorfahren. "Mein Großvater hat mich infiziert. Wenn er bei Familienfeiern von den ersten Gehversuchen in der Ahnenforschung erzählt hat, war ich der Einzige, der das spannend fand." Doch mit der Zeit schlief dieses Interesse ein, Gundacker arbeitete als Tiefbautechniker, fühlte sich aber in der Branche nie besonders wohl.

Vor fast 30 Jahren half ihm dann der Zufall auf die Sprünge: Er inserierte - nur mit Telefonnummer - in einer Zeitung, als jemand bei ihm anrief, der denselben Nachnamen hatte. "Wir haben uns getroffen und festgestellt, dass wir tatsächlich verwandt sind - Cousins sechsten oder siebten Grades." Das sei die Initialzündung gewesen, sein Hobby zum Beruf zu machen, sagt Gundacker. 1989 gründete er dann das Institut für Historische Familienforschung.

SN-Info:Felix Gundacker bietet übermorgen, am Samstag, zum ersten Mal in Salzburg ein Seminar an. Es sind noch wenige Restplätze frei. Informationen und Kontakt unter:www.felixgundacker.at


Aufgerufen am 22.10.2020 um 12:19 auf https://www.sn.at/panorama/oesterreich/die-jaeger-der-verlorenen-stammbaeume-23654926

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