Österreich

Ist Fernlehre das Zukunftsmodell?

Aufgrund der Coronakrise mussten die Hochschulen im Jahr 2020 großteils auf Fernlehre umstellen. Laut Experten waren die Universitäten der Herausforderung grundlegend gewachsen, es gibt jedoch noch Verbesserungsbedarf. Doch wie kommen die Studierenden mit der veränderten Situation zurecht?

Müssen wir uns an leere Hörsäle gewöhnen? SN/wildbild/herbert rohrer
Müssen wir uns an leere Hörsäle gewöhnen?

Fernlehre: Ein Wort, das wohl viele Studierende auch in Jahren noch an das Jahr 2020 erinnern wird. Durch die Beschränkungen aufgrund der Coronakrise kam es nach dem Schließen sämtlicher Hochschulen in Österreich ab Mitte März zu einer beispiellosen Umstellung fast aller Lehrveranstaltungen auf Fernlehre. Sowohl für die österreichischen Hochschulen als auch für Teile der Studierenden war es nicht leicht, den Anforderungen, die die Fernlehre mit sich bringt, gerecht zu werden. Das zeigte sich auch bei einer Umfrage der Studienvertretung am Fachbereich Kommunikationswissenschaft (KoWi) der Universität Salzburg zur Lernsituation während der COVID-19-Pandemie. An dieser haben 201 Kommunikationswissenschaft-Studierende teilgenommen. 95 Prozent der Befragten gaben an, dass sie einen eigenen PC oder Laptop hätten, aber ungefähr jeder Vierte hat nur ein begrenztes Datenvolumen zur Verfügung. Außerdem haben fast 25 Prozent kein eigenes Arbeitszimmer, in dem sie ungestört arbeiten können. Die plötzliche Umstellung eröffnet jedoch auch bisher ungenutzte Möglichkeiten.

Die Digitalisierung durchdringt seit Jahren immer mehr nahezu all unsere Lebensbereiche, zunehmend auch das Bildungswesen. Stefan Schmid, Experte für digitales Lernen, sieht die Digitalisierung als große Chance für Österreichs Universitäten. "So können Lernprozesse einfacher personalisiert werden und Lernen wird zunehmend zeit- und ortsunabhängiger." Auch das Bildungsministerium sieht in der Digitalisierung enormes Potenzial für das Bildungssystem, es gebe jedoch noch großen Nachholbedarf. Minister Heinz Faßmann bemängelte bereits 2018 im "Masterplan für die Digitalisierung im Bildungswesen", dass kein umfassendes Digitalisierungskonzept im Bildungsbereich vorhanden sei. Auch fehle eine flächendeckende Umsetzung von Maßnahmen. Im universitären Bereich versuchte das Ministerium mit der 2019 geschlossenen Leistungsvereinbarung mit den 22 öffentlichen Universitäten Abhilfe zu schaffen. Die Vereinbarungen sehen einen Ausbau der Digitalisierung in Lehre und Studium vor und verlangen von jeder Universität bis 2021 eine institutionelle Digitalisierungsstrategie vorzulegen.

Diese Pläne für mehr Digitalisierung sollen dazu dienen, Studium, Lehre und Forschung flexibler zu gestalten. Die Universitäten traf die Umstellung also nicht völlig unvorbereitet. Auch das Prinzip des Fernstudiums gibt es schon lange und bietet vor allem Arbeitstätigen die Möglichkeit eines akademischen Abschlusses. Dass jedoch so schnell alle Studierenden in Österreich auf ein solches Modell umsteigen, war so nicht vorauszusehen. Daher traf es auch viele Lehrende recht unerwartet. Stefan Schmid ist der Überzeugung, dass die technischen und infrastrukturellen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Umsetzung von Fernlehre gegeben sind. "An vielen Hochschulen gibt es hier schon jahrelange Expertise und eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema "Hochschulbildung in einer Welt unter den Bedingungen der Digitalität." Laut Stefan Schmid sind auch die Dozenten in Österreich den Anforderungen der Digitalisierung im Großen und Ganzen gewachsen. Digitalisierungsexperte David Röthler, der an der Universität Salzburg im Fachbereich Kommunikationswissenschaft als Lehrbeauftragter tätig ist, teilt diese Meinung. Er sagt, dass die Überforderung mancher Dozenten vor allem auf den Mangel an praktischer Erfahrung zurückzuführen sei. Eine Psychologie-Studentin (19) der Universität Innsbruck sieht das ähnlich. "Unsere Universität war leider mit der Situation etwas überfordert, deshalb lief es bei uns nicht sehr gut. Allerdings wurde es mit der Zeit etwas besser."

Doch bringt die Zeit zu Hause auch mehr Lernaufwand mit sich? Erste Auswertungen einer Studie der Universität Wien ergaben, dass sich die Befragten im Durchschnitt rund 24 Stunden pro Woche mit studienbezogenen Aktivitäten befassen. Der Zeitaufwand vor der Coronakrise wurde jedoch mit durchschnittlich 32 Stunden pro Woche angegeben. Die Motivation zu Lernen sinke vor allem aufgrund der Ungewissheit, wann und wie Prüfungen abgehalten werden. Eine Studentin der Molekularen Biowissenschaften, Sarah O. (19) aus Salzburg, spricht davon, dass sich die Professoren sehr bemühen würden, jedem Studierenden in diesem Semester erfolgreiche Kursabschlüsse zu ermöglichen. Jedoch empfindet sie den Lernaufwand zu Hause größer als in der Lehrveranstaltung selbst. Zu dieser Erkenntnis kam auch die Studie der Studienvertretung KoWi in Salzburg. Nur jeder Zehnte findet Online-Lehrveranstaltungen effektiver als Präsenzveranstaltungen und auch der Arbeitsaufwand wird deutlich höher eingeschätzt. Eine Studentin der Werbeakademie Wien, Lisa R. (22), berichtet ebenfalls, dass sie sich zu Hause schlechter konzentrieren könne. "Es hat gut funktioniert, aber nicht extrem gut. Wir haben insgesamt weniger gelernt, als wir es im richtigen Unterricht hätten."

Die große Frage ist nun: Wird diese Form des Studierens auch in Zukunft die Präsenz-Uni ablösen? Stefan Schmid sagt: "Nur weil eine Lehrveranstaltung online gehalten wird, ist sie didaktisch noch nicht besser geplant und umgesetzt. Eine monotone vierstündige Vorlesung wird auch online vermutlich nicht zu einer "Traumlehrveranstaltung" für Studierende. Dennoch bieten passende Online-Formate viele Möglichkeiten, Studieren besser in den Alltag der Studierenden zu integrieren: Die örtliche und zeitliche Flexibilität steigt." Auch David Röthler ist ein Befürworter der Fernlehre, die das Studium vor allem Menschen mit Behinderung oder anderen Einschränkungen sowie Betreuungspflichtigen zugänglicher mache.

Alexander M. (21) studiert Wirtschaftsingenieurwesen an der FH Kufstein und bemängelt an der Fernlehre: "Es kommen viel weniger Diskussionen als in Präsenz-Lehrveranstaltungen zu Stande und Praxisprojekte können nur theoretisch und nicht wie vorgesehen im Labor stattfinden." Für ihn ist also unter diesen Umständen Fernlehre die beste Alternative, jedoch definitiv kein Dauerzustand. Das zeigt sich auch in der Umfrage der Studienvertretung an der KoWi Salzburg. Zwei Drittel der Befragten gaben an, dass sie das Uni-Leben und ihre Kommilitonen vermissen würden, zudem sehen mehr als 60 Prozent die Fernlehre als weniger motivierend an als die Präsenzlehre. Doch auch fast 60 Prozent der Studierenden finden, dass sie durch die Fernlehre mehr Flexibilität haben. Auch die Präsidentin der österreichischen Universitätenkonferenz Sabine Seidler zeigte sich in einem Interview davon überzeugt, dass Präsenz-Uni nicht durch digitale Lehre ersetzbar sei. Vor allem der intellektuelle Austausch in der Universität sei unverzichtbar.

Stefan Schmid denkt trotz der kritischen Stimmen, dass die Fernlehre das Zukunftsmodell des Studierens sein wird. "Ich gehe davon aus, dass nun viele Hochschulen bereit sind ihre Studiengänge gänzlich online anzubieten, aber auch bei berufsbegleitenden Studiengängen die physischen Präsenzphasen zu reduzieren! Man wird im Sinne des Flipped-Classroom-Konzeptes vieles schon virtuell vorbereiten und die reduzierte Präsenzzeit für wichtige kooperative und kollaborative Dinge nützen. Ein respektvoller Umgang mit der zeitlichen und örtlichen Flexibilität der Studierenden kann ein entscheidender Standort- und Studiengangsvorteil werden."

Dieser Beitrag wurde von Studenten der Universität Salzburg im Rahmen einer Lehrredaktion in Kooperation mit den "Salzburger Nachrichten" erstellt.

Quelle: SN

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