Österreich

"Mama, warum ist es nicht mehr wie früher?"

Sie ist über 80 Jahre alt und kümmert sich um ihre 58-jährige psychisch kranke Tochter. Denn: Ohne Mama geht es nicht.

Symbolbild. SN/imago stock&people
Symbolbild.

Es ist ein kalter, nebliger Novembermorgen. Die mittlerweile verwitwete Frau Schmidt - so nennen wir sie an dieser Stelle - lebt allein in einem Stadtteil von Salzburg. Das Gebäude, in dem sie eine geräumige Eisenbahnerwohnung bewohnt, ist umgeben von großen Laubbäumen, die schon fast alle ihre Blätter verloren haben. Die Szenerie wirkt abweisend, aber als Frau Schmidt die Tür öffnet, fühlt man sich gleich willkommen. Die ältere Dame wirkt viel jünger und hat ein herzliches Lächeln im Gesicht.

Die Wohnung ist mit dicken Polstermöbeln eingerichtet und mit kleinen Tierfiguren dekoriert. Auffällig ist das große Tonherz, das über dem Esstisch hängt. Darauf steht: "Das Leben ist schön". Diese Zuversicht strahlt Frau Schmidt auch aus, aber in ihr sieht es anders aus. Ihre Stimme wird brüchig, als sie von ihrer Tochter erzählt. Sybille ist 58 Jahre alt und Frau Schmidt kümmert sich rund um die Uhr um sie - seit 33 Jahren.

Damals fingen ihre psychischen Auffälligkeiten an. Zuerst hatte Sybille Depressionen und - aus heutiger Sicht - ein Burnout. Mittlerweile lautet die Diagnose: schizoaffektive Psychose. Normale luzide Phasen wechseln sich mit extrem aggressiven, psychotischen Phasen ab. Ihre Mutter erklärt sichtlich betrübt: "Sie hat mich auch schon im Auto grün und blau geschlagen." So schlimm kann es also werden, wenn Sybille wieder einmal die Herrschaft über ihren Geist verliert. Frau Schmidt sagt, sie habe dann natürlich einen Groll auf ihre Tochter, aber sie liebe sie und freue sich über die Phasen, wenn sie wieder ganz klar und bei ihr sei, fast wie früher.

Wenn Frau Schmidt von früher erzählt, kommen ihr die Tränen, weil ihr klar wird, wie viele Jahre sie schon in diesem ständigen Auf und Ab lebt. Sie hat alles auf kleinen Zetteln notiert, für sich selbst, wie sie sagt, damit "ich nichts vergesse". Sie habe mit ihrer Tochter viele Therapien probiert, aber im Endeffekt wirken bei ihren Aggressionen nur harte Medikamente. An Sybilles Gesamtzustand ändern diese aber seit Jahren nichts. "Sie machen sie nur gefügig, aber sie helfen nicht", klagt Frau Schmidt. Sie nehme seit Jahren jeden einzelnen Arzttermin mit ihrer Tochter wahr, denn "ohne Mama geht sie nicht". Im August waren es zum Beispiel 24 Termine. Zu viel für die alte Dame: "Was, wenn ich nicht mehr bin, was passiert dann mit Sybille? Ich werde nicht immer da sein können." Schon lange drängt Frau Schmidt ihre Tochter dazu, sich in ein Heim mit 24-Stunden-Betreuung zu begeben. Im Moment wohne ihre Tochter nach wie vor allein in einer Garçonnière und habe als einzigen Bezugspunkt ihre Mutter.

Mitten im Gespräch klingelt plötzlich das Handy von Frau Schmidt, ihr Gesicht erstarrt. Als sie das Telefonat beendet, kullern Tränen aus ihren Augen: "Es ist die Polizei, sie wollen meine Sybille in die Geschlossene bringen. Nein, das kann nicht sein." Sie habe schon seit Tagen versucht, den betreuenden Psychiater zu kontaktieren, und wollte, dass er nach Sybille schaut. Passiert sei nichts. "Von wegen Hilfe, man bekommt einfach keine." Das Telefon klingelt ein weiteres Mal, nun wollen die Beamten die Tür aufbrechen, weil Sybille nicht aufmacht. Frau Schmidt ist entsetzt und versucht zu erklären, wo der Zweitschlüssel hinterlegt ist. Die Tür bleibt verschont, aber Sybille wird von den Beamten abgeführt.

Ihre Tochter sei schon seit Jahren nicht mehr eingewiesen worden, erzählt Frau Schmidt. Sie kämpfe jeden Tag darum, dass genau das nicht passiere. Nun fühle sie sich hilflos, wie so oft in der Beziehung zu ihrer Tochter. Die Zuneigung zu Sybille sei dennoch ungetrübt und auch Sybille sei ihr mehr als zugetan. "Sie ruft mich jeden Tag mehrmals an und schickt mir liebevolle SMS. Jede Nachricht beginnt sie mit ,Liebe Mami'." Sie würden sich auch fast täglich sehen, wenn es Sybilles Zustand zulasse und sie keine Gefahr für ihre Mutter darstelle.

Wenn Frau Schmidt bei Sybille zu Besuch ist, bleibt sie auch immer eine ganze Weile bei ihr: "Einmal bin ich anscheinend zu früh gegangen und sie ist mir durchs ganze Treppenhaus nachgerannt und hat ,Mami, bleib da!' gerufen." In guten Phasen übernachte sie sogar bei ihrer Mutter. Dann fühle es sich fast so an wie damals, als Sybille noch keine Störung hatte. Und dann fragt sie auch: "Mama, warum ist es nicht mehr so wie früher?"


Für fundierte Informationen zu psychischen Krankheiten, wenden Sie sich an pro mente Salzburg.

Hilfe in Krisensituationen

Wenn Sie selbst in einer Krisensituationen sind oder Angehörigen helfen möchten, gibt es eine Reihe von Anlaufstellen:

Die Telefonseelsorge erreichen Sie täglich von 0 bis 24 Uhr unter der Nummer 142.

Für Kinder und Jugendliche gibt es unter www.bittelebe.at eine spezielle Website. Rat auf Draht ist unter 147 telefonisch erreichbar.

Pro Mente Salzburg hilft Menschen und deren Angehörigen in akuten Not- und Krisensituationen täglich 0–24 Uhr.
Salzburg: 0662 / 43 33 51
Pongau: 06412 / 200 33
Pinzgau: 06542 / 72 600

Aufgerufen am 11.08.2022 um 10:21 auf https://www.sn.at/panorama/oesterreich/mama-warum-ist-es-nicht-mehr-wie-frueher-112223698

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