Österreich

Nach Corona-Lockerungen: Unsichtbare Hand sichert den Abstand

Wie kann die Ansteckungsgefahr eingedämmt werden, obwohl die Massen wieder Bahnhöfe oder Museen stürmen? Wiener Forscher helfen mit raffinierten Tricks, Menschenansammlungen zu vermeiden.

Intelligente Software hilft künftig auch im Schloss Schönbrunn, Abstand zueinander zu halten. SN/dapd
Intelligente Software hilft künftig auch im Schloss Schönbrunn, Abstand zueinander zu halten.

Bahnhöfe, Einkaufszentren und Museen füllen sich wieder, die latente Gefahr einer Ansteckung mit Covid-19 bleibt. Doch an Punkten wie einer Nahverkehrs-Drehscheibe kommen fast zwangsläufig so viele Menschen auf engem Raum zusammen, dass das Abstandhalten kaum einzuhalten ist. Werkzeuge von Wiener Forschern helfen, diese Ansammlungen von vornherein deutlich zu reduzieren. Die Software "Simulate" wird von Wiener Forschern des Austrian Institute für Technology (AIT) bereits seit Jahren eingesetzt.

Mit Hilfe von Simulationen kann sehr genau vorhergesagt werden, ob, wo und unter welchen Bedingungen unerwünschte "Hotspots" mit vielen Menschen entstehen.

Für eine der bekanntesten Tourismusdestinationen weltweit sowie das beliebteste Freizeitziel Österreichs, das Schloss Schönbrunn mit seinen bis zu 10.000 Besuchern täglich, haben die Experten des AIT Center for Mobility Systems bereits eine Lösung für die Nach-Corona-Zeit entwickelt.

Stefan Seer, der Leiter des Forschungsbereichs, erklärt: "Seitens Schloss Schönbrunn erfolgt das BesucherInnen-Strom-Management u.a. via eines bereits bewährten Ticketing-Systems, welches genau festlegt, wie viele Tickets in welchem Zeitfenster zur Verfügung stehen. In Kombination mit unseren Erhebungen und Planungsmodellen lassen sich somit präzise Gästeströme simulieren und neu aufsetzen." Schon in der Vergangenheit fand das AIT den Schlüssel für die Entzerrung eines zu starken Besucherstroms, der sich stets im ehemaligen Schlafzimmer von Kaiser Franz Joseph gebildet hatte: Dank verkürzter Audio-Guide-Ansagen kann seither ein optimaler Gästefluss erreicht werden.

Für den Wiener Hauptbahnhof haben die Mobilitätsforscher schon in der Planung mögliche Staupunkte ermittelt und beseitigt. Die Verkehrsbetreiber sind jetzt auch unter den geänderten Umständen vorbereitet, wenn die Öffis wieder ihre volle Auslastung erreichen.

Für einen U-Bahn-Knotenpunkt wurde mit "Simulate" errechnet, dass sich die durchschnittliche Kontaktzeit zwischen Fahrgästen - also weniger als ein Meter Abstand - von 50 Sekunden auf weniger als fünf Sekunden reduzieren lässt. Umsteige- oder Fahrzeiten müssen dafür nicht verändert werden: "Es reicht, die Wegeleitungen zu optimieren", erklärt Stefan Seer. So würden zum Beispiel beidseitig benützte Durchgänge zu Einbahnen umfunktioniert oder die Fahrtrichtung von Rolltreppen umgedreht. Zu sehen in den Vergleichsvideos:

Ohne Maßnahmen:


Mit Maßnahmen:

Für einen Supermarkt wurde bei gleichbleibender Verweildauer der Kunden ein Einbahnsystem als optimale Lösung ermittelt. All das basiere immer auf exakt berechneten Simulationen: "Auf das Prinzip ,Trial and error' können wir uns nicht verlassen", betont Seer.

Die AIT-Experten setzen auf 15 Jahre Erfahrung, unter anderem auch bei Großevents wie dem Donauinselfest oder "Nova Rock". Neben mathematischem Input spielt die Psychologie der Massen eine große Rolle bei den Planungen. Das "Herdentier" Mensch agiert vorhersehbar. "Wie man einander ausweicht, wie viele Gehspuren sich auf einem Weg bilden: Die selbstorganisierenden Effekte lassen sich immer übertragen", erklärt Stefan Seer.

Allerdings sind die Forscher schon gespannt, was sich durch Corona geändert hat. Seer sagt: "Es muss noch empirisch belegt werden, ob wir jetzt frühzeitiger ausweichen als zuvor." In jedem Fall sind die Europäer auch ohne Virus-Gefahr vergleichsweise distanzierte Menschen. Bei seiner letzten Dienstreise vor Corona hat er das Gegenteil erlebt: "Es ging um Mobilität im Bahnverkehr in Indien. Dort stehen die Menschen wirklich sehr dicht beisammen. Was als persönliche Distanz empfunden wird, ist je nach Kultur sehr unterschiedlich."

Internet: AIT - Integrierte Mobilitätssysteme

Aufgerufen am 28.11.2021 um 10:49 auf https://www.sn.at/panorama/oesterreich/nach-corona-lockerungen-unsichtbare-hand-sichert-den-abstand-88410721

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