Österreich

Österreich und seine Spione: Oberst Redl, die Russen und James Bond

Das neutrale Österreich ist die Schnittstelle zwischen Ost und West, aber auch zwischen Nord und Süd. Immer wieder werden Fälle bekannt, wie Agenten und Spione von hier aus die Welt (und einander) belauschen. Ein paar Beispiele.

Heute tummeln sich die Spione oft in der Welt der Daten SN/apa (afp)
Heute tummeln sich die Spione oft in der Welt der Daten

"Die Deutschen haben Österreich ausspioniert", hieß es im Sommer 2018. Konkret: Rund 2000 österreichische Zieladressen fanden sich auf Listen des deutschen Bundesnachrichtendienstes (BND). "Unüblich" und "unerwünscht" nannten Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Kanzler Sebastian Kurz diese Enthüllungen, vor allem, weil sich die Spionage zwischen zwei befreundeten Staaten abgespielt hat. Sie forderten volle Aufklärung.

Die Neugier des deutschen Nachrichtendienstes war breit gefächert; Regierungsbehörden, ausländische Vertretungen und die wichtigsten heimischen Industriebetriebe waren ebenso Ziele wie islamische Prediger, Großbanken und Waffenhersteller. Die BND-Affäre mag unangenehm sein, war aber beinahe zu erwarten. Denn es wird immer wieder bekannt, dass der Nachrichtendienst seine Nachbarländer abhört.

"Grundsätzlich ist Österreich für Geheimdienste durch dessen Neutralität von besonderem Interesse. Dazu kommt, dass in Österreich Organisationen wie die OPEC und die IAEO ihren Sitz haben", erklärt Martina Renner, Abgeordnete für die Linken im deutschen Bundestag, am Freitag im SN-Gespräch. Ob man sich die Aktivitäten wie aus einem Thriller bekannt vorstellen kann? "Die geheimdienstlichen Aktivitäten beschränken sich aber keineswegs auf persönliche Treffen. Aus der Arbeit des NSA-Untersuchungsausschuss weiß ich, dass österreichische Einrichtungen in großem Ausmaß auch Ziel von elektronischer Ausspähung durch den BND und Partnerdienste sind", sagt sie.

Das Siegel des Bundesnachrichtendienst (BND) prangt in Berlin auf einem Rednerpult in der Zentrale des Geheimdienstes. Der deutsche Bundesnachrichtendienst (BND) hat zwischen 1999 und 2006 systematisch die Telekommunikation zentraler Einrichtungen in Österreich überwacht. SN/APA (AFP)/Fabrizio Bensch
Das Siegel des Bundesnachrichtendienst (BND) prangt in Berlin auf einem Rednerpult in der Zentrale des Geheimdienstes. Der deutsche Bundesnachrichtendienst (BND) hat zwischen 1999 und 2006 systematisch die Telekommunikation zentraler Einrichtungen in Österreich überwacht.

"Eurocopter-Fall": Ein Oberösterreicher, Hubschrauber-Daten und die Russen

Spionage oder Agentenposse? Diese Frage stellte sich 2011 bei dem Prozess rund um einen Bundesheer-Vizeleutnant aus Oberösterreich, der jahrelang Informationen über Helikopter vom Fliegerstützpunkt Linz-Hörsching an den russischen Geheimdienst weitergegeben haben soll. Der Beschuldigte soll seinem russischen Führungsoffizier den Kontakt zu einem Mitarbeiter der EADS-Tochter "Eurocopter" vermittelt haben. Dadurch sei es ihm gelungen, auch Wartungs- und Flughandbücher für verschiedene Hubschraubertypen aus dem deutsch-französischen Rüstungskonzern für die Russen bereitzustellen. Dafür habe er mindestens 10.500 Dollar bekommen, wirft die Bundesanwaltschaft dem österreichischen Soldaten vor.

Die Verhandlung fand in München statt, denn der deutsche Generalbundesanwalt hatte den Mann wegen Spionage angeklagt. Was anfangs nach dem größten heimischen Spionagefall seit vielen Jahren aussah, entwickelte sich immer mehr in Richtung Agentenposse. Der Verdächtigte brachte seinerseits Klage ein; einer der Hauptvorwürfe lautete, zentrale Beweismittel seien manipuliert worden.

Schließlich wurde der Oberösterreicher wegen geheimdienstlicher Agententätigkeit zu einem Jahr bedingter Haft verurteilt. Laut Gericht hat der als Heerestechniker bei einer Hubschrauberstaffel eingesetzte Vizeleutnant Unterlagen und Teile westlicher Hubschraubertechnologie einem Agenten des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR geliefert. Es habe sich weniger um das Weitergeben von militärischen Geheimnissen als vielmehr um Wirtschaftsspionage gehandelt.

Der Angeklagte im „Eurocopter“-Fall verbarg vor Gericht 2011 sein Gesicht hinter einer Laptoptasche. SN/dpa
Der Angeklagte im „Eurocopter“-Fall verbarg vor Gericht 2011 sein Gesicht hinter einer Laptoptasche.

Der Fall des Oberst Redl

Er gilt als der "König der Vaterlandsverräter": Oberst Redl sorgte so für den größten Spionagefall der österreichischen Geschichte. Er hatte am Vorabend des Ersten Weltkrieges militärische Informationen an Russland, Frankreich und Italien verkauft - um seinen aufwendigen Lebensstil samt Liebhaber zu finanzieren. Am 25. Mai 1913 erschoss er sich nach seiner Enttarnung.

 Oberst Alfred Redl, k.u.k. Generalstabschef des 8. Korps in Prag, zuvor stellvertretender Chef des Evidenzbüros (Nachrichtendienst) im österreichisch-ungarischen Kriegsministerium. SN/public domain
Oberst Alfred Redl, k.u.k. Generalstabschef des 8. Korps in Prag, zuvor stellvertretender Chef des Evidenzbüros (Nachrichtendienst) im österreichisch-ungarischen Kriegsministerium.

Agenten in Trenchcoats huschen über Kinoleinwände

Die Verfolgungsjagd in Schwarz-Weiß durch die Wiener Kanalisation ist bekannt wie kaum ein zweiter Film, der in Wien spielt. Harry Limes Melodie, die Anton Karas auf seiner Zither gespielt hat, ist ein Ohrwurm. Kurzum: "Der dritte Mann" ist Kult.

Der Thriller aus dem Jahr 1949 lässt lange offen, wer auf wessen Seite steht und ist voller überraschender Wendungen. Neben einem "Dritte Mann Museum" gibt es heute in Wien eine Reihe von Führungen zu den Drehorten in der Altstadt und in der Kanalisation. Diese werden teils von der Stadt Wien, teils von Privaten durchgeführt.

Harry Lime (Orson Welles) in dem Thriller „Der dritte Mann“, der im Showdown zwischen Wiener Riesenrad und Kanalisation gipfelt. SN/picturedesk.com
Harry Lime (Orson Welles) in dem Thriller „Der dritte Mann“, der im Showdown zwischen Wiener Riesenrad und Kanalisation gipfelt.

Dass Österreich ein vorzügliches Pflaster für geheime Aufträge ist, weiß auch der "Agent der Agenten", James Bond. 007 nutzt immer wieder schneereiche Gebiete für seine Einsätze. Einige Beispiele: der fiktive "Berngarten" in Österreich ("Der Spion der mich liebte", 1977) - Wien freilich (etwa für "Der Hauch des Todes" 1987, wofür Bürgermeister Helmut Zilk anbot, man könne für Bond auch "gerne die U-Bahn in die Luft sprengen") - Feldkirch ("Ein Quantum Trost", 2008) - und zuletzt Obertilliach in Osttirol, Sölden oder Altaussee ("Spectre" 2015).

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