Orte mit Geschichte

Leopold Figls Grüner Veltliner aus der Wachau: Weintrinken für die Freiheit

In den Kellereien der Domäne Wachau wurde Geschichte geschrieben. Dort liefen die Vorgespräche mit den Russen zum Staatsvertrag. Immer wenn es sich spießte, ließ Leopold Figl einen Grünen Veltliner "Katzensprung" kredenzen.

Um Leopold Figl, erster Bundeskanzler Österreichs nach dem Zweiten Weltkrieg, ranken sich viele Legenden. Wahr ist jedenfalls, dass der Bauernbündler ein Botschafter des Weins war, die Weinbauern der damaligen Winzergenossenschaft Wachau dem ÖVP-Politiker einen Schlüssel für die Kellereien gaben und er davon regen Gebrauch gemacht haben soll. Oft sei er in seiner Amtszeit mit Gästen in Dürnstein gewesen und habe zum Abschluss mit Speck, Bier und Wein im Keller des barocken Schlössels gefeiert, erzählt Hans-Georg Schwarz, Ehrenobmann der Domäne Wachau (so heißt das Weingut heute).

"Figl war der mit Abstand Fittere." Heinz Frischengruber, Kellermeister

Kellermeister Heinz Frischengruber weiß über eine andere "Schnurre" zu berichten: "Der russische Außenminister Molotow und sein Amtskollege Figl haben richtig viel getrunken im Keller - und Figl war der mit Abstand Fittere. Wenn man gut reden kann und die Russen unter den Tisch trinkt, dann sind sie sehr beeindruckt. Das hat zum Zustandekommen des Staatsvertrags viel beigetragen." Frischengruber zufolge haben immer wieder zwei Buben von Winzern der Genossenschaft im abhörsicheren Keller ausgeschenkt und später erzählt, wie frivol es in dem historischen Gemäuer zugegangen sei.

Andere Verhandlungen als heute

Schwarz wiederum kennt eine andere Version: "Die Verhandlungen sind anders gelaufen als heute. Nicht digital, sondern man hat saufen müssen. Figl hat den Keller zugesperrt und niemanden hinausgelassen, bis das Ergebnis da war. Er war überall dabei, Figl hat sich richtiggehend geopfert." Von einer Dienstreise nach Moskau ist Folgendes überliefert: Die Delegation hat feinsten Wein als Gastgeschenk mitgebracht, den die Russen allein getrunken haben. Die Österreicher bekamen Wodka. "Figl hat den nicht so gut vertragen und ist gegen eine Glastür gerannt", sagt Schwarz. Dass Figl so trinkfest gewesen sei, sei eine Mär, vielmehr sei er von seiner Kriegsgefangenschaft in einem KZ noch gesundheitlich beeinträchtigt gewesen, er habe an einem Nierenleiden laboriert.

Gedenken im "Figl-Eck"

Jedenfalls wird das Gedenken an den großen Staatsmann im Weingut hochgehalten. In den verschlungenen Wegen unter der Erde, wo Tausende Hektoliter Wein in Stahltanks lagern, stößt man irgendwann auf einen verborgenen Platz im alten Fasskeller, dem sogenannten Figl-Eck. Dort stehen zwei alte Holztische mit Kerzenständern und drüber rankt eine Steinbüste Leopold Figls - so als würde er ein Auge auf die Trinkenden werfen. Und Frischengruber verhehlt nicht, dass Gäste an diesem Platz schon so manche weinselige Stunde zugebracht haben. Geschichten über Figl inklusive.

Besonders begeistert dürften die Russen vom "Dürnsteiner Katzensprung" gewesen sein. Das war ein reinsortiger Grüner Veltliner, der in der Nähe der Burgruine Dürnstein wuchs. "Der Name kommt daher, weil er nur einen Katzensprung vom Weingut entfernt lag", erklärt Schwarz. Frischengruber zufolge gehörte der "Katzensprung" neben der "Himmelsstiege" und dem "Flohhaxn" damals zu den bekanntesten und besten Weinen Österreichs. Er spricht von einer Marke, an die man sich erinnert und die man heute noch kennt. Heute gibt es vom Original-Staatsvertragswein Lese 1954 noch eine einzige Flasche, die an ein Museum in St. Pölten verliehen ist.

Edle Tropfen beim Bankett

Am 15. Mai 1955 beim Bankett anlässlich der Unterzeichnung des Staatsvertrags wurden im Oberen Belvedere in Wien und im Schloss Schönbrunn neben dem "Katzensprung" und der "Hollerin" auch ein Retzer Rotwein und Hochriegel brut zu folgendem Menü kredenzt: "Brandteigkrapferln mit Gansleber, Kraftsuppe mit Markscheiben, Seezungenfilet in Weißweinsauce und Spargel, Filet mit Champignons und Paradeiser, Erdäpfel, gefülltes Huhn, grüner Salat mit harten Eiern, Eiscreme und Mokka." (Quelle: Österreichische Mediathek). Nachdem die Abordnungen der vier Besatzungsmächte fein getafelt hatten und der Vertrag unterzeichnet war, durfte Figl feierlich verkünden: "Österreich ist frei!"

Staatsvertragswein wieder zu kaufen

Die Domäne Wachau hat 50 Jahre später einen "Originalen Staatsvertragswein", Jahrgang 2004, nachgebaut. Seit einigen Jahren gibt es wieder einen "Katzensprung" im Sortiment. "Es ist ein Federspiel - frisch, fruchtig, elegant, typisch Wachau", beschreibt Frischengruber den Wein. Und Geschäftsführer Roman Horvath schwärmt: "Es ist die Eleganz, die Finesse, die Mineralität des Urgesteinsbodens, die typische Würzigkeit, die feine Säurestruktur, das leichte ,Pfefferl', das diesen Wein wohl zum Favoriten Leopold Figls gemacht hat."

Nichts würde sein Wirken besser beschreiben als ein Gedicht aus der Feder von Otto Zernatto, das selbst Figl zu Lebzeiten zum Schmunzeln gebracht haben soll:

Kellermeister Heinz Frischengruber und sein Weingut.  SN/pessl
Kellermeister Heinz Frischengruber und sein Weingut.

"Unter diesem Maulwurfshügel ruht der Bundeskanzler Figl, der in schweren Nachkriegsjahren unsern Karren hat gefahren.

Auf des Dritten Reiches Trümmern mußt' er sich um alles kümmern, stets beflügelt durch den Wein krächzend laute Reden schrei'n, neben andern Schwierigkeiten mit Besatzungsmächten streiten und mit jenen aus dem Osten Wodka literweis verkosten, was sogar für den nicht leicht ist, der auf Heurigen geeicht ist!

Ach, es sträubte sich sogar oft sein rotes Schnauzbarthaar, doch er meisterte die Lage bis hinauf zum Staatsvertrage, und kein andrer kam ihm gleich: Denn er soff für Österreich!"

Aufgerufen am 17.10.2021 um 08:39 auf https://www.sn.at/panorama/oesterreich/video-orte-mit-geschichte-leopold-figls-gruener-veltliner-aus-der-wachau-weintrinken-fuer-die-freiheit-107285371

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