Österreich

Wenn Priester sich bekennen: "Ich wollte ein Vater für mein Kind sein"

Zwei ehemalige römisch-katholische Priester erzählen, warum sie sich für eine Familie entschieden haben. Und eine Pfarrerstochter hinterfragt den Zölibat.

Für Priester in der römisch-katholischen Kirche gilt seit dem 12. Jahrhundert der Pflichtzölibat.  SN/pixabay
Für Priester in der römisch-katholischen Kirche gilt seit dem 12. Jahrhundert der Pflichtzölibat.

"Keine Antwort ist auch eine Antwort", so fasst Richard Gödl das Gespräch mit dem Bischof im Jahr 2010 zusammen. Er war damals römisch-katholischer Priester in Kärnten - und Vater eines Sohnes geworden. "Ein Jahr nach der Geburt war ich noch im Dienst, aber ich konnte so nicht weitermachen. Ich wollte es nicht an die große Glocke hängen, aber trotzdem ein Vater für mein Kind sein dürfen", sagt Gödl. Es ließ sich keine Lösung mit dem Bischof finden. Kurz darauf wurde er von seinem Amt suspendiert.

Seit dem 12. Jahrhundert ist die Ehelosigkeit und Keuschheit für römisch-katholische Priester Pflicht. Diskussionen um den Zölibat gab es in der Vergangenheit immer wieder. Kürzlich entfachte der steirische Pfarrer Andreas Monschein aus Kindberg die Debatte neuerlich, nachdem er in der Messe verkündet hatte, der Liebe wegen sein Priesteramt zurückzulegen.

Richard Gödl ist heute altkatholischer Priester. Bevor er sich zu seinem Sohn bekannte, war er als römisch-katholischer Pfarrer tätig.  SN/privat
Richard Gödl ist heute altkatholischer Priester. Bevor er sich zu seinem Sohn bekannte, war er als römisch-katholischer Pfarrer tätig.

Ein einfacher Schritt ist das für die betroffenen Männer nicht, wie Richard Gödl weiß. "Mit einem Schlag sind viele soziale Kontakte weggefallen und auch beruflich muss man sich umorientieren. Das war eine Herausforderung", erzählt der heute 51-Jährige. Sieben Jahre lang habe er sich mit Anstellungen in der Jugendarbeit, der Erwachsenenbildung oder als Religionslehrer über Wasser gehalten. Seit 2017 ist er Priester in der altkatholischen Kirche in Linz. Bei den Altkatholiken gibt es keinen Pflichtzölibat, auch Frauen, Homosexuelle und Geschiedene dürfen sich weihen lassen.

Ehemaliger Pfarrer: "Wir sind eine richtige Patchworkfamilie"

Diese Offenheit hat auch den Linzer Albert Haunschmidt dazu bewogen, die Kirche zu wechseln. Der 56-Jährige war zehn Jahre römisch-katholischer Priester. "Doch dann begann ein Entfremdungsprozess. Ich konnte nicht mehr hinter den konservativen Regeln stehen." Zwei Jahre nahm er sich für die Entscheidung, bevor er im Jahr 2002 in die altkatholische Kirche eintrat.

In dieser Zeit lernte er seine spätere Frau kennen. Sie bekamen eine Tochter, außerdem nahm sie zwei Kinder aus erster Ehe in der Partnerschaft mit. "Wir sind eine richtige Patchworkfamilie", sagt Haunschmidt. Zu Beginn sei das eine enorme Umstellung für ihn gewesen. "Aber ich konnte einen guten Draht zu den Stiefkindern finden." Mittlerweile ist er geschieden, die Tochter ist bei beiden Elternteilen aufgewachsen. Feste feiern sie nach wie vor gemeinsam. Er beobachte auch bei Kollegen, dass es nicht einfach sei, als Geistlicher eine Ehe zu führen. "Am Wochenende ist man großteils in der Kirche, das belastet das Familienleben natürlich." Er bereue jedoch keine seiner Beziehungen, sagt Haunschmidt. "Es waren schöne Zeiten, ich habe viel an Lebenserfahrung gewonnen. Und ich bin froh, ein Kind zu haben."

Albert Haunschmidt wechselte im Jahr 2002 in die altkatholische Kirche. Er ist Theologe und Jurist und Vater einer Tochter.  SN/privat
Albert Haunschmidt wechselte im Jahr 2002 in die altkatholische Kirche. Er ist Theologe und Jurist und Vater einer Tochter.

"Viele haben eine geheime Beziehung"

Mit dem Zölibat hatte er von Anfang an gehadert. "Ich habe mich schon während des Studiums zwei, drei Mal verliebt. Aber ich wollte unbedingt Priester werden, diese Berufung spüre ich bis heute." Haunschmidt schätzt, dass es den meisten Priestern so gehe. "Wirklich zölibatär bis zum Ende des Lebens bleiben die wenigsten, vielleicht zehn Prozent. Viele haben eine geheime Beziehung mit Frauen oder Männern." Das befremde ihn an der römisch-katholischen Kirche, sagt Haunschmidt: "Wenn moralische Ansätze zu hoch sind, endet man bei der Heuchelei. Wenn nur zum Schein der Zölibat aufrechterhalten wird, was bringt das dann?"

Auch Richard Gödl sagt, dass er viele Priester kenne, die Partnerinnen oder Kinder hätten, dies aber nicht offiziell bekannt machen würden. "Solange es keine Wellen schlägt, gibt es keine Probleme. Steht man dazu, ist klar, dass man seinen Dienst beenden muss."

Pfarrerstochter: "Habe lange nichts davon gewusst"

Eine 19-jährige Salzburgerin, die lieber anonym bleiben will, ist eines dieser Pfarrerskinder. Ihr Vater war römisch-katholischer Priester, als er ihre Mutter kennenlernte. Nachdem klar war, dass ein Kind unterwegs war, hieß es für ihn, eine Entscheidung zu treffen. "Auch für meine Mama war es eine schwere Zeit, wie sie mir erzählte. Aber es war dann schnell klar, dass er sich zu mir bekennen würde und sein Amt niederlegt."

Sie habe lange nichts von der Vergangenheit ihres Vaters gewusst. "Als Kind habe ich Gesprächsfetzen aufgeschnappt, aber erst als ich 13 war, hat mein Vater mit mir darüber gesprochen." Zunächst sei es komisch für sie gewesen. Sie habe sich gefragt: "Hat er Gott betrogen? Was bedeutet das für mich?" An ihrer Beziehung zu ihrem Vater habe sich nichts geändert, wie sie sagt. Ablehnung habe sie als Pfarrerstochter bislang nicht erfahren. "Jedem erzähle ich aber nicht sofort davon." Von der Kirche habe sie sich nicht abgewandt. "Ich glaube an Gott, bin aber nicht hochreligiös", sagt die junge Frau. Ihr Vater habe sie nie dazu gedrängt, in die Kirche zu gehen. "Aber er freut sich, wenn ich ihn begleite. Und wir diskutieren offen über Glaubensfragen."

Wie viele Priesterkinder gibt es - und wer zahlt?

Wie viele Priesterkinder es in Österreich gibt, ist nicht bekannt. "Es gibt keine offiziellen Zahlen, weil das die Priester in der Regel nicht melden", sagt Michael Kraml von der Diözese Linz. Auch die Erzdiözese Wien antwortet auf SN-Anfrage: "Uns liegen keine Zahlen vor. Bei Tausenden Pfarrern sind das nur wenige Einzelfälle."

Der Salzburger Erzbischof Franz Lackner lässt über seinen Sprecher Kurt Sonneck wissen, dass ihm aus seiner Amtszeit (seit 2014) kein einziger Fall eines Priesters mit Kind in der Erzdiözese Salzburg bekannt sei. Für die Zeit davor könne man keine Angaben machen. Sollte es jedoch dazu kommen, dass ein Pfarrer seine Vaterschaft bekannt gibt, gibt es Sonneck zufolge klare Richtlinien: "Zuerst muss man sich zusammensetzen und ein Gespräch führen. Es braucht einen offenen Umgang. Der jeweilige Priester trägt natürlich Verantwortung gegenüber dem Kind und der werdenden Mutter." Der Priester werde suspendiert, bis er eine Entscheidung getroffen habe. "Die Beziehung zur Frau muss geklärt werden. Denn er kann nicht Priester sein und gleichzeitig Frau und Kinder haben."

Dass die Kirche für Unterhaltszahlungen aufkommen würde, bezeichnet Sonneck als ein "Gerücht, das sich hartnäckig hält". Rechtlich sei der Vater unterhaltspflichtig. "Fakt ist: Die Erzdiözese hat noch keinen Cent gezahlt."

Dass ehemalige Pfarrer von der Kirche unterstützt werden, sei durchaus üblich, sagt Haunschmidt. Er habe nach seiner Entscheidung noch zwei Jahre ein Stipendium von der Erzdiözese Linz erhalten, um sein Jusstudium abzuschließen. Schwieriger sei es für Ordensleute, die im Gegensatz zu Pfarrern kein Gehalt beziehen.

Erzabt Korbinian: "Entscheide dich für dein Kind und die Mutter"

Erzabt Korbinian vom Stift St. Peter sagt dazu: "Natürlich wird es auch vorgekommen sein, dass Patres von St. Peter Väter geworden sind." Ihm sei nur ein Fall aus den vergangenen 20 Jahren bekannt. "Der Vater hat sich zu seinem Kind und zur Mutter bekannt und hat den Orden verlassen." Finanziell habe ihm die Abtei geholfen, um sich eine neue Existenz aufzubauen. Dass "Mönchskinder" verschwiegen wurden, könne er nicht ausschließen. Wie würde er reagieren, wenn ein Mitbruder ihm eine Vaterschaft offenbaren würde? "Dann könnte ich ihm nur antworten: Gut, dann entscheide dich jetzt - nachdem dir dein Gelübde für dein Mönchtum offensichtlich nicht mehr verbindlich erscheint - für dein Kind und für die Mutter. Ein unaufrichtiges Doppelleben geht einfach nicht."

Österreichweit gibt es rund 700 verheiratete Priester, die ihren Beruf nicht ausüben können. Die Entscheidung, Verheiratete zur Priesterweihe zuzulassen, könne nur der Vatikan treffen, hieß es vonseiten der Erzdiözese Salzburg. Dass der Pflichtzölibat in der römisch-katholischen Kirche in naher Zukunft abgeschafft wird, halten die ausgetretenen Priester Gödl und Haunschmidt aber für nicht realistisch, Letzterer sagt: "Kein Papst traut sich, diese gewaltige Wende zu vollziehen." Auch für die 19-jährige Pfarrerstochter ist der Zölibat nicht mehr zeitgemäß: "Das Konzept ist zum Scheitern verurteilt. Lieber offen als Familie leben, als diese geheim zu halten."

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