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Impfung für Jugendliche bleibt ein Streitthema

Seit Anfang Juni können Zwölf- bis 15-Jährige geimpft werden. Der Andrang hält sich aber in Grenzen. Was Experten Betroffenen raten. Und wie es um die Impfung für noch Jüngere bestellt ist.

Soll man seinem Nachwuchs raten, sich gegen das Coronavirus impfen zu lassen? SN/stock.adobe.com/africa studio
Soll man seinem Nachwuchs raten, sich gegen das Coronavirus impfen zu lassen?

Die 13-jährige Lisa ist seit wenigen Tagen geimpft. Sich gegen Corona immunisieren zu lassen sei ihre eigene Entscheidung gewesen, beschreibt ihre Mutter. Und die Wahl sei Lisa nicht besonders schwergefallen. "Sie wollte sich schützen lassen - und ein Stück Normalität zurückkriegen."

Die Frage, ob man Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren gegen Corona impfen lassen soll, treibt dieser Tage nahezu jede Familie mit Nachwuchs um. Und beileibe nicht in jedem Haushalt fällt die Entscheidung derart schnell wie in jenem der 13-jährigen Lisa. Dies belegt der Blick auf die Zahlen: Wie das Gesundheitsministerium auf SN-Anfrage auswies, sind mit Stand Montag 14,3 Prozent der Zwölf- bis 15-Jährigen teil- sowie 1,6 Prozent vollimmunisiert. In Salzburg haben sieben Prozent der Zwölf- bis 14-Jährigen und somit 1128 Jugendliche eine Erstimpfung erhalten, dazu 37 Prozent der 15- bis 24-Jährigen. Auch die Zahl der Anmeldungen hält sich in Grenzen: Bei den Zwölf- bis 15-Jährigen gebe es mit Stand Dienstagmittag 26 vorgemerkte Impfungen, beauskunftet das Land Salzburg.

Corona-Impfung für Jugendliche: Manche Behörden geben keine Empfehlung

Dass sich viele Jugendliche und deren Eltern mit der Entscheidung schwertun, liegt wohl auch daran, dass es von einigen Behörden keine Empfehlung zu einer Impfung für Kinder gibt. Während die Europäische Arzneimittelagentur den Impfstoff uneingeschränkt zugelassen hat, ist die WHO zurückhaltender. Etwa da die Entscheidung, Kinder zu impfen, die Ungerechtigkeit bei der globalen Verteilung der Vakzine verschärfen könnte.

Auch die in Deutschland verantwortliche Ständige Impfkommission (Stiko) sieht bislang von einer generellen Impfempfehlung für Jugendliche ab - trotz starken Gegenwinds aus der Politik. Die Stiko empfiehlt Impfungen nur bei bestimmten Vorerkrankungen wie Diabetes, Adipositas oder chronischen Lungenerkrankungen. Das Gremium begründete seine Entscheidung vor allem mit dem fehlenden medizinischen Nutzen: Das Risiko einer schweren Covid-19-Erkrankung sei für diese Altersgruppe gering. Der Vorsitzende der Stiko, Thomas Mertens, ergänzte dieser Tage, dass sich die Einschätzung ändern könne. Dafür brauche man jedoch zusätzliche Daten - etwa zu Impfreaktionen bei Jugendlichen. Diese sollten "in den nächsten Wochen" aus den USA kommen. Eine Impfung von Jugendlichen ist in Deutschland derweil ohne Stiko-Empfehlung möglich.

In Österreich ist die Sachlage eine andere. Das Nationale Impfgremium (NIG) beschloss Anfang Juni einstimmig, die Impfung für Zwölf- bis 15-Jährige zu empfehlen. Auch in dieser Altersgruppe überwiege der Nutzen der Impfung gegenüber dem Risiko von Nebenwirkungen.

Virologin: Das Alter macht einen Unterschied

Ob man sein Kind tatsächlich impfen lassen sollte, sei aber freilich von Fall zu Fall abzuwägen, sagt Ursula Wiedermann-Schmidt, NIG-Mitglied, Immunologin an der MedUni Wien und Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Vakzinologie. Eine Rolle spiele etwa, wie alt das Kind sei. "Es ist ein Unterschied, ob mein Kind gerade zwölf wurde - oder 17 ist und diesen Sommer groß Party machen will." Das potenzielle Risiko, ob sich ein Kind anstecken könnte, sei sowieso stark zu berücksichtigen - und mit dem Risiko auf eine Nebenwirkung abzugleichen. "Fährt mein Kind demnächst in ein Ferienlager oder machen wir irgendwo Urlaub, wo es mehr Infektionen gibt, würde ich mein Kind jedenfalls schützen lassen", sagt Wiedermann-Schmidt.

Auch Jugendliche seien vor schweren Krankheitsverläufen nicht vollends gefeit. Zwar fehlten noch gewisse Studiendaten, vor allem zu einer Erkrankung mit der Delta-Variante, erläutert die Immunologin. Vorliegende Erhebungen wiesen jedoch aus, dass es unter anderem in einem von tausend Fällen zu einem sogenannten multisystemischen inflammatorischen Syndrom komme könne. Dabei haben infolge der Krankheit nicht nur die Lunge, sondern mehrere Organe mit Entzündungen zu kämpfen. Im schlimmsten Fall könne es zu einem dramatischen Verlauf kommen mit einem Multiorganversagen bis hin zum Todesfall.

Infektionsstand bei Jugendlichen höher als in der Gesamtbevölkerung

Bei der Entscheidung, ob man seinen Nachwuchs impfen lässt, sollte man ferner berücksichtigen, ob es im Umfeld Risikopersonen gibt, die man durch die Impfung schützen kann - etwa kranke Großeltern. Spätestens sobald die Schule wieder beginnt, würde Wiedermann-Schmidt jeden Jugendlichen impfen lassen. Denn dann sei das Infektionsrisiko noch höher.

Spätestens im Herbst solle man seine Kinder impfen lassen, rät Immunologin Wiedermann-Schmidt. SN/APA/ROLAND SCHLAGER
Spätestens im Herbst solle man seine Kinder impfen lassen, rät Immunologin Wiedermann-Schmidt.

Indessen lässt sich in Österreich jener Infektionstrend erkennen, der aus anderen Ländern wie Spanien gemeldet wird: In der Woche vom 3. bis 10. Juli lag die Sieben-Tage-Inzidenz in Wien bei den Zehn- bis 19-Jährigen bei 46 - und war somit mehr als doppelt so hoch wie jene in der gesamten Stadt (21,5).

Wann kommt der Impfstoff für Kinder unter 12 Jahren?

Kinder mit weniger als zwölf Lebensjahren sind indessen die letzte Bevölkerungsgruppe, die nicht geimpft werden kann - da entsprechende Zulassungen fehlen. Erste Entwicklungen in diese Richtung gibt es aber bereits: Sowohl Biontech/Pfizer als auch Moderna haben Studien für Kinder im Alter zwischen sechs Monaten und elf Jahren in Auftrag gegeben. Laut Pfizer könnten Ergebnisse im September für Kinder ab fünf Jahren bzw. wenig später für noch jüngere vorliegen. Im Anschluss an die Studien könnten die Hersteller beantragen, dass die Zulassung der Vakzine auf Kinder erweitert wird. Experten gehen aber nicht davon aus, dass es vor Ende 2021/Anfang 2022 eine Impfzulassung für die Jüngsten geben wird.

Aufgerufen am 25.07.2021 um 11:19 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/impfung-fuer-jugendliche-bleibt-ein-streitthema-106540180

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