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Neue Coronavariante ist "infektiöser" als das ursprüngliche Virus

Die menschlichen Zellen werden leichter geknackt. Ob die Erkrankung dadurch schwerer wird, ist unklar.

Eine elektronenmikroskopische Aufnahme eines Coronavirus.  SN/apa/ages/ susanne richter
Eine elektronenmikroskopische Aufnahme eines Coronavirus.

Eine derzeit weltweit vorherrschende Variante des neuartigen Coronavirus befällt einer Studie zufolge die menschlichen Zellen leichter als der ursprüngliche Erreger aus China. Die in der Fachzeitschrift "Cell" veröffentlichte Studie weist darauf hin, dass das inzwischen mutierte Virus ansteckender sein könnte als die in China aufgetretene Urform.

Ob es damit für den Menschen gefährlicher wird, ist aber unklar. Für die Studie schlossen sich Forscher des Los Alamos National Laboratory in New Mexico und der Duke-Universität in North Carolina mit einer Forschungsgruppe der britischen Universität Sheffield zusammen und analysierten Genomsequenzen von SARS-CoV-2. Sie fanden bereits im April heraus, dass die Virusvariante D614G aufgrund einer einzigen, aber entscheidenden Änderung bei einem Protein mehr Zellen infiziert - unter Laborbedingungen.

Nach Kritik an der ersten Studie und auf Aufforderung von "Cell" fügten die Forscher nun zusätzliche Untersuchungen hinzu: Unter anderem analysierten sie die Daten von 999 britischen Patienten, die wegen Covid-19 im Krankenhaus behandelt werden mussten. Sie stellten fest, dass Patienten mit der Variante D614G mehr Viruspartikel in sich trugen - sich dadurch aber am Schweregrad der Krankheit nichts änderte.

Die Viruslast ist möglicherweise höher

In Labortests war die Fähigkeit der Virusvariante, die menschlichen Zellen zu befallen, drei bis sechs Mal höher. "Es sieht so aus, als handelte es sich um ein leistungsfähigeres Virus", sagte Erica Ollmann Saphire vom La Jolla Institute for Immunology, die eines der Experimente vornahm.

"Ich glaube, die Daten zeigen, dass sich das Virus durch die Mutation besser replizieren kann und möglicherweise eine hohe Viruslast mit sich bringt", so kommentierte US-Präsidentenberater und Immunologe Anthony Fauci die Studie gegenüber dem Fachblatt "Journal of the American Medical Association". Er wies aber gleichzeitig darauf hin, dass eine Bestätigung der These noch fehlt. Ungewiss sei auch, ob die Variante schwerere Erkrankungen auslöse oder nicht.

In einem Kommentar zu der Studie schrieb der Virologe Nathan Grubaugh von der Yale School of Public Health, Fakt sei, "die neue Variante ist nun die Pandemie". Für die Menschen aber ändere sich dadurch nur wenig: Auch wenn dies die Entwicklung eines Medikaments oder eines Impfstoffs beeinflussen könnte, "rechnen wir nicht damit, dass D614G unsere Kontrollmaßnahmen ändern oder die einzelnen Infektionen verschlimmern wird".

Zufälle spielen bei Mutationen eine große Rolle

Zig Millionen Menschen hat das vor etwa einem halben Jahr aufgetauchte Coronavirus schon infiziert - mutiert es inzwischen und wird gefährlicher? In einer noch nicht begutachteten Preprint-Veröffentlichung schlossen kürzlich Forscher des amerikanischen Scripps-Research-Instituts aus Genomanalysen, dass eine Mutation mit der Bezeichnung D614G das Virus infektiöser macht. Unter Laborbedingungen könne der Erreger mehr Zellen infizieren, berichtete das Team.

Die D614G-Mutation sei in den in Europa und an der Ostküste der USA kursierenden Virusstämmen tatsächlich stark präsent, erklärt Richard Neher von der Universität Basel dazu. "Aus dieser Dominanz lässt sich aber nicht schließen, dass sich das Virus mit der Mutation schneller verbreitet." Die Dominanz sei nicht zwingend auf eine höhere Übertragungsrate oder Virulenz zurückzuführen, sondern den Zufall, erklärt der Leiter der Forschungsgruppe Evolution von Viren und Bakterien: Die D614G-Virusvariante sei am Beginn einzelner größerer Ausbrüche gestanden und habe sich in der Folge stärker ausgebreitet als andere Varianten. "Zufälle spielen gerade am Anfang eine unglaublich große Rolle."

Das Coronavirus ist bereits gut angepasst

Generell seien Mutationen bei dem Coronavirus absolut nicht ungewöhnlich, betont Neher. In seinen 30.000 Basen komme es im Mittel alle zwei Wochen zu einer Mutation. Damit sei die Mutationsrate pro Base etwas niedriger als etwa bei Influenza oder HIV, wegen des größeren Genoms von SARS-CoV-2 sei der Wert aber letztlich in etwa gleich. Anhand der Mutationen könne man darauf schließen, ob zwei Ausbrüche zusammenhängen - Infektionsketten von Mensch zu Mensch seien darüber nicht nachzuvollziehen. Beim jüngsten Ausbruch in Peking etwa lassen Genomvergleiche demnach darauf schließen, dass der Erreger von außen ins Land eingeschleppt wurde - woher genau, sei nicht zu sagen.

SARS-CoV-2 sei schon sehr gut an den Menschen angepasst, sagt Friedemann Weber, Direktor des Instituts für Virologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen. "Da frage ich mich schon erst einmal: Was braucht es mehr?" Laut einer aktuellen Studie verleihe die D614G-Mutation allerdings etwas mehr Stabilität, dies könne für die Partikel durchaus ein Vorteil sein. Dass eine einzelne Mutation einen großen Unterschied mache, sei vor allem bei einem auf nur ein bestimmtes Enzym wirkenden Medikament denkbar. Viele Medikamente und auch Impfstoffkandidaten seien aber auf breiterer Basis aufgestellt und daher zumeist unempfindlich gegenüber Einzelmutationen.

Derzeit sei weltweit kein einziges Virusisolat mit veränderter Pathogenität bekannt, betont Neher auch. "Wir können nicht ausschließen, dass es sie gibt, es ist aber eher unwahrscheinlich." Sein Team hat gemeinsam mit US-Kollegen die Webanwendung "Nextstrain" (nextstrain.org) entwickelt, mit der sich über eingespeiste Genomsequenzen verfolgen lässt, über welche Wege sich Viren ausbreiten. Die Software analysiert, wie sich ein Erreger verändert, also welche Mutationen er während der Ausbreitung ansammelt - eine Art Stammbaum entsteht.

Das Coronavirus wurde mehrfach eingeschleppt

Aus den gesammelten Daten lasse sich zum Beispiel ablesen, dass SARS-CoV-2 nicht nur ein Mal in Ländern wie Deutschland, Österreich oder den USA landete, sondern mehrfach eingeschleppt wurde, erläutert Andreas Bergthaler vom Forschungsinstitut für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (CeMM) in Wien. Rückschlüsse zu den Folgen erfasster Mutationen seien nach einem halben Jahr Pandemie noch nicht möglich. Sehr wohl aber könnten Genomvergleiche dabei helfen, zu bestimmen, woher das Virus hinter einem bestimmten Ausbruch stamme. Das wiederum nütze beim Unterbrechen von Infektionsketten.

Die Daten von "Nextstrain" lassen auch Rückschlüsse auf den Ursprung von SARS-CoV-2 zu. "Wir gehen mit großer Sicherheit davon aus, dass das Virus in China von Tieren auf den Menschen übergesprungen ist", so Neher. Das sei ein Mal und in der Region Wuhan geschehen. Auf künftige Anpassungen und Veränderungen hingegen lässt sich aus den Daten nicht schließen. Bergthaler dazu: "Die Zeit wird zeigen, in welche Richtung sich das Virus entwickelt."

Quelle: Apa/Afp/Dpa

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