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Neue Regeln für Farben treffen viele Branchen

Während die Tattoo-Szene über neue EU- Vorgaben klagt, sehen sie die Lack- und Kosmetikbranche eher gelassen.

 SN/ajlatan - stock.adobe.com

Viele Tätowierer stehen derzeit ohne Farben da: Denn seit 4. Jänner 2022 unterliegen in der EU rund 4000 Substanzen, die in Tattoo-Farben enthalten sind, Beschränkungen. Ursache ist eine Novelle der sogenannten REACH-Verordnung (die SN berichteten). Für Tätowierer Erich Mähnert, der auch stellvertretender Innungsmeister bei der Wirtschaftskammer in Wien ist, kommt dies "quasi einem Berufsverbot" gleich. Die REACH-Verordnung legt unter anderem die Etikettierung sowie die Grenzwerte einiger Substanzen fest, die zur Herstellung von Farben gebraucht werden. Die Grenzwerte etwa für Zusatzstoffe seien "unrealistisch", sagt Mähnert. In Europa gebe es kaum ein Labor, das diese messen könne.

Die EU-Chemikalienagentur ECHA betont, durch die Verschärfung Tätowierfarben und Permanent-Make-up sicherer machen zu wollen.

Walter Gössler, Chemie-Professor an der Uni Graz, findet die Novelle "sinnvoll". Betroffen seien alle Produkte am Markt, die chemische Stoffe enthielten, "wie Farben, Lacke oder Reinigungsmittel, aber auch Kleidung, Möbel und Elektrogeräte". Seiner Erfahrung nach hätten die meisten Branchen das Thema rechtzeitig angegangen - bis auf manche Tätowierer: "Aber wenn ich Farben habe, die Schwermetalle beinhalten, ist das bedenklich."

Für die Lackbranche sei die Anpassung der Produkte an die REACH-Verordnung ein permanentes Thema, sagt Frank Brotzel von Akzonobel. Er ist der REACH-Experte beim holländischen Konzern am Standort Elixhausen: "Bei einem Farbenhersteller kann das kein Einzelner mehr allein bewältigen - da haben selbst Mittelständler eine eigene Abteilung oder beauftragen Consulter." Farben und Lacke seien Gemische aus 30 bis 40 Stoffen. Als etwa 2021 die EU Titan-Dioxid, ein weißes Pigment, neu bewertet habe, habe man die Kennzeichnung mancher Lacke ändern müssen. Zudem seien Trockenstoffe von Alkydharzlacken in Verdacht geraten, Krebs zu erregen: "Die mussten wir austauschen." Aktuell sei die Frage spannend, wie die EU-Neubewertung von Ethanol, also chemisch hergestelltem Alkohol, ausgeht: "In Lebensmitteln ist er erlaubt (da eine andere rechtliche Basis gilt, Anm.). Aber wenn man zum Urteil kommt, dass er Krebs auslösen kann, kann man ihn in Handdesinfektionsmitteln nicht mehr verwenden."

Die Kosmetikbranche ist von der REACH-Novelle nur indirekt betroffen, wie Doris Brandhuber sagt. Sie ist Gründerin des Wiener Biokosmetikherstellers "Less is more" und als Chemikerin selbst Expertin: "Die Verordnung betrifft uns nur über die Rohstoffe, die wir einkaufen. Da sind aber primär die Hersteller zuständig, die Datenblätter etc. auszufüllen." Allerdings ist auch die Kosmetikbranche streng reguliert, wie sie betont: "Für uns gibt es eine eigene EU-Kosmetik-Verordnung, die in Österreich durch das Lebensmittelgesetz umgesetzt wird."

Aufgerufen am 22.05.2022 um 12:07 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/neue-regeln-fuer-farben-treffen-viele-branchen-115740136

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