Podcast "Frauengesundheit"

"In den Wechseljahren sind Frauen unterwegs zu sich selbst"

Mit dem Älterwerden stellen sich viele Frauen Lebensfragen. Warum man diese Zeit des Umbruchs - und der Emanzipation - zulassen sollte.

Die Kinder sind aus dem Haus und viele Verpflichtungen fallen weg. In den Wechseljahren entdecken sich Frauen oft neu.  SN/ikoni/alice mollon
Die Kinder sind aus dem Haus und viele Verpflichtungen fallen weg. In den Wechseljahren entdecken sich Frauen oft neu.

Die Wechseljahre sind für viele Frauen nicht nur eine Phase der körperlichen Umstellung, sondern auch der emotionalen Neuorientierung. Die Salzburger Gerontologin Sonja Schiff ist Expertin für das Älterwerden. Sie hat jahrzehntelange Erfahrung in der Altenpflege und arbeitete als Wechseljahreberaterin. In der letzten Folge der SN-Podcast-Staffel zu Frauengesundheit spricht sie über diese Zeit des Umbruchs.

Was ist für Sie das Schöne am Älterwerden? Sonja Schiff: Man kann sich viel mehr auf sich selbst konzentrieren, weil man Verpflichtungen aus den vorigen Lebensphasen bereits absolviert hat. Man kann sich fragen: Wer bin ich eigentlich? Was will ich noch erleben? Was ist mir wichtig? Das Zweite, was ich spannend am Älterwerden finde, ist, dass man plötzlich so viel Selbstbewusstsein und Stärke hat wie nie zuvor. Ich erinnere mich oft mit Schaudern an mich als junge Frau. Was ich für ein unsicheres Ding war und wie viele Ängste ich hatte!

Wie alt fühlen Sie sich selbst? Ganz unterschiedlich. Wenn ich gerade Rückenschmerzen habe, fühle ich mich wie 80. Ein anderes Mal fühle ich mich wie 35. Und natürlich fühle ich mich auch wie 57, so alt bin ich in Wahrheit. Beim Alter gibt es keine Nummer. Eine Hundertjährige hat einmal zu mir gesagt: "Die Seele hat kein Alter."

Warum wird über das Älterwerden, gerade bei Frauen, nicht gerne gesprochen? Ich glaube, wir sind nicht geübt, älter zu werden. Die vorherigen Generationen haben sich früher aus dem Leben verabschiedet. Das Zweite ist natürlich die Prägung bei Frauen zum Thema Schönheit. Einem faltigen Gesicht und einem älter werdenden Körper wird in unserer Gesellschaft nicht die Zuschreibung Schönheit gegeben. Viele Leute verbinden mit dem Älterwerden Defizite. Diese Bilder, die wir im Kopf haben, beeinflussen unsere Einstellung.

Was macht für Sie die Wechseljahre aus? Die Wechseljahre sind ein langer Prozess. Die körperliche Ebene ist natürlich die langsame hormonelle Umstellung von der Frau im Gebäralter zur Frau, die keine Kinder mehr bekommen kann. Aber es ist auch ein psychischer Prozess. Meistens waren die Frauen vorher total eingeteilt mit Kindern, Familie, Beruf. In den Wechseljahren stellen sich Frauen Lebensfragen: Wer bin ich noch, außer die Mutter? Wer bin ich noch, außer die Partnerin?

Sind die Wechseljahre für manche Frauen vielleicht sogar eine Chance für eine verspätete Emanzipation? Ja, durchaus. Von Männern wird die Frau in den Wechseljahren ja oft als eine gedeutet, die am Selbsterfahrungstrip ist. Aber es ist auch tatsächlich so. Frauen sind in den Wechseljahren unterwegs zu sich selbst und im Aufbruch. Und dann gibt es natürlich Frauen, die würden sich gerne in den Aufbruch begeben und trauen sich das nicht. Da kommen dann die Wechseljahrebeschwerden ins Spiel. Ich glaube wirklich, dass Beschwerden in den Wechseljahren oft damit zu tun haben, dass Frauen diese große Veränderung nicht wagen.

Das heißt, der Körper gibt das Signal: Du musst dich jetzt mit etwas auseinandersetzen. Und wollen Frauen da lieber mit geschlossenen Augen durch, kommen die Beschwerden? Es gibt natürlich ganz klar Beschwerden, die sind hormonell bedingt - zum Beispiel die Hitzewallungen. Es gibt sehr viele Frauen, die in den Wechseljahren extrem leiden, und da ist es mir wichtig, dass man die auch ernst nimmt. Aber ich war einige Jahre als Wechseljahreberaterin tätig und für mich war das schon bezeichnend, dass die meisten Frauen gekommen sind und gegen ihre Beschwerden einfach nur eine Pille, einen Tee oder irgendein Wundermittel haben wollten, das alles wegmacht. Also etwas, das zum Beispiel Traurigkeit wegmacht oder Lustlosigkeit oder Schlaflosigkeit. Ich habe mir oft gedacht: Es wäre aber wichtig, dass du dich damit auseinandersetzt, denn das sind ja innere Stimmen, die dir etwas sagen wollen. Diese Auseinandersetzung war vielfach überhaupt nicht gewollt. Die Frauen haben zu mir gesagt: "Können Sie mir nicht etwas geben, damit ich wieder die Alte werde?" Und ich habe gesagt: "Aber Sie sind nicht mehr die Alte, Sie sind in einem Prozess. Sie werden nicht mehr so sein wie mit 30."

Wie geht die Gesellschaft mit Frauen in den Wechseljahren um? Das Thema Wechsel ist immer noch stark tabuisiert. Die Prozesse der Frau sollen möglichst unsichtbar sein, vorher bei der Regel, dann bei den Wechseljahren. Doch ich kann sagen, dass man wirklich gute Erfahrungen macht, wenn man offen damit umgeht. Ich hatte mal ein Vorstellungsgespräch, in dem ich zu Beginn eine extreme Hitzewallung hatte. Und ich habe das dem Herrn einfach gesagt und er war richtig unterstützend und wollte mir sofort helfen, denn seine Frau war auch gerade in den Wechseljahren. Es war ein total nettes Gespräch und ich habe den Job dann bekommen (lacht).

Wie können Frauen in den Wechseljahren in der Gesellschaft sichtbarer werden? Frauen sollten sich zusammentun und Gemeinschaften bilden. Das macht stärker und mutiger. Ich bin sehr froh, dass es da heute schon eine gewisse Dynamik gibt. Frauen sollten sich selbst sichtbar machen, dann kann man sie auch nicht unsichtbar machen.

Im Podcast spricht Sonja Schiff auch darüber, was sie jungen Frauen im Umgang mit älteren mitgeben möchte. Und sie erzählt, wie sie selbst altern will - und wie sie dabei von einer alten Dame inspiriert wird, die einst mit geschlossenen Augen durch eine Galerie tanzte.

Aufgerufen am 24.09.2022 um 10:03 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/podcast-frauengesundheit-in-den-wechseljahren-sind-frauen-unterwegs-zu-sich-selbst-127059988

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