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Rot, schwarz, blau: Welche politische Farbe hat mein Studentenbau?

Mit dem Einzug in ein Heim kommt manchen Studenten die überraschende Offenbarung: Der Vorstand ihres Heimes hat angeblich eine politische Ausrichtung. Woher kommt das, was bedeutet es - und ist es bedenklich?

Eine riesige Pinnwand am Ende des Flures im Egger-Lienz-Heim. Hier wird Nachhilfe angeboten, da ein Konzert beworben. Und rechts daneben, fast unscheinbar in einem Glaskasten ausgestellt, findet sich der Aushang einer freiheitlichen Studierendenverbindung. Kaum mehr deutet darauf hin, dass hinter dem Salzburger Studentenheim in der Herrnau ein Verein steht, der für die Instandhaltung und Finanzierung des Heimes zuständig ist. Der Verein fühlt sich der freiheitlichen Gesinnungsgemeinschaft zugehörig.

In manchen Heimen steckt tatsächlich eine Partei hinter der Gründung des Vereins, in anderen das katholische Hochschulwerk oder wie beim Egger-Lienz der Studentenhilfsverein. "Da gibt es freilich unterschiedliche Konstrukte", erklärt Andreas Bleckmann, Vorstandsvorsitzender im Egger-Lienz-Heim. "Wenn wir uns auf Salzburg beschränken, ist da zum Beispiel das Studentenhilfswerk. Dahinter stehen meines Wissens die Interessen der österreichischen Volkspartei, wobei ich glaube, dass es inzwischen genauso liberal geführt wird wie auch unser Heim."

Dass Studentenheime überhaupt von einer solchen Organisation unterstützt werden können, wissen wohl nicht alle Studenten. Tobias Huber, der seit fünf Jahren im Egger-Lienz-Heim wohnt, berichtet, dass er erst in seinem zweiten Semester von dem Verein erfahren habe. Er habe Gerüchte gehört, demnach der Vorstand sich einer politischen Partei zugehörig fühle, dieser aber nicht angehöre. Negativ nahm er diese Nachricht nicht auf. "Ich fand es lustig, weil es mir nicht bewusst war, dass es einen Bezug von Studentenheimen zur Politik oder zu anderen Organisationen gibt und ich mich nicht konkret in einer politischen oder religiösen Schiene sehen würde. Auch bei der Heimleitung oder den Studenten merkt man gar nichts davon."

"Dieses alte System hat sich inzwischen überholt"

Während es Heime gibt, die ganz offiziell von einer Partei unterstützt und geleitet werden, gibt es auch solche, die zwar im Ruf stehen, eine politische Ausrichtung zu haben, das jedoch gar nicht tun. Immanuela Wehrschütz, Leiterin des Egger-Lienz-Heimes, betont, dass es in ihrem Fall überhaupt nicht korrekt sei, von einem politisch gefärbten Heim zu sprechen. Es gäbe zwar solche in Salzburg, wie beispielsweise das Stanislaus-Pacher-Heim der SPÖ. Doch der Verein, welcher das Egger-Lienz-Heim leitet, arbeite ehrenamtlich und würde auch keine Finanzierung durch eine Partei erhalten. "Vielleicht sind manche aus dem Vorstand irgendwie politisch aktiv gewesen, ich weiß es nicht genau. Aber das wirkt sich nicht auf die Führung des Heimes aus." Dass die meisten Heime in Salzburg vor vierzig Jahren parteiliche Zuordnung hatten, sei auch ein Auslöser für die Gründung des Egger-Lienz-Heimes gewesen. "Der Vorstand wollte den Studenten eine Wohnmöglichkeit bieten, die jedem unabhängig seiner politischen Angehörigkeit offen steht", beschreibt Wehrschütz. Das bestätigt auch Andreas Bleckmann: "Wenn Leute kein Empfehlungsschreiben von einer der großen Parteien hatten, haben sie nirgends einen Heimplatz bekommen." Der Zugang für die Studierenden habe sich seitdem wesentlich verändert. "Die Studenten sind erwachsen geworden", beschreibt Andreas Bleckmann. "Sie kümmern sich selbst um den Heimplatz und suchen nicht nach irgendeinem Onkel, der ihnen hilft. Dieses alte System hat sich inzwischen überholt."

Dieser Beitrag wurde von Studenten der Universität Salzburg im Rahmen einer Lehrredaktion in Kooperation mit den "Salzburger Nachrichten" erstellt.

Quelle: SN

Aufgerufen am 04.12.2020 um 03:48 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/rot-schwarz-blau-welche-politische-farbe-hat-mein-studentenbau-76997860

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