Denn sie wissen nicht, was zu tun ist

"Hat noch jemand eine Frage?". Egal ob am Ende einer Lehrveranstaltung oder eines Meetings: Das ist Programm. Ja, fast wie das Amen im Gebet. Und was folgt darauf? Genau: (meist) nichts. Auch das scheint dem Amen im Gebet gleichzukommen - obwohl manchen einiges unklar ist. Aber warum nur lassen wir zu, dass Fragen offen bleiben?

Standpunkt Roland Dick

Der Klassiker. In knapp fünf Minuten ist die Lehrveranstaltung oder das Seminar vorbei. Die Teilnehmer gehen tief in sich und schauen die Unterlagen noch mal ganz ernst und innig an. Auch die Mitstreiter werden beobachtet. Dann meldet er sich; der innere Quatschi: "Puh. Eigentlich kenn ich mich überhaupt nicht aus." Ein Blick zum Nebenmann genügt. Die Studierenden verstehen sich praktisch blind und sind paradoxerweise zufrieden. Denn der Nebenmann kennt sich nämlich auch nicht aus. Wunderbar. Die Teilnehmer sind nicht so unbegabt, wie sie eine Millisekunde lang von sich dachten und verlassen guter Dinge den Hörsaal oder den Meetingraum.

Unklarheiten sind tatsächlich nervenaufreibend. Aber wo haben die ihren Ursprung? Hier - in den knapp fünf Minuten vor Schluss. Eben da ergibt sich die Chance, für die Aufgabenstellung alles klar zu machen. Tut allerdings niemand. Warum? Zumindest das scheint sonnenklar zu sein. Weil es die Teilnehmer eilig haben, sich nicht trauen oder in der Tat alles verstanden haben. Wer nämlich jetzt noch die Unverschämtheit besitzt, eine Frage an den Vortragenden zu richten, wo doch jeder schon am Sprung ist, der hat echt Nerven. Nicht zu fassen wäre, dass die Antwort dann sogar sechs oder überhaupt sieben Minuten aus den ursprünglich verbleibenden fünf machen würde. Ja, das kommt glatt einem Weltuntergang gleich. Wenn das jeder machen würde, undenkbar. Fast schon unaussprechlich scheint zudem der Gedanke, dass jemand gar nachfragt, weil er etwas nicht verstanden hat.

Dazu gibt es, ganz trocken formuliert, noch die Checker. Ihnen ist wahrhaftig nichts unklar und es besteht einfach kein Handlungsbedarf.

Für die anderen bleibt die Spannung zweifelsfrei aufrecht. "Die Angaben sind doch falsch, oder?", fragt man sich. Zu einem späteren Augenblick tritt manchmal auch sie in Erscheinung: die Selbstgeißelung. Gerne mit einem Satz wie "Die Welt ist gegen mich." Spätestens dann sind Sie ehrenamtlich unrund. Es ist zum Haareraufen. Die Zeit zur Abgabe verrinnt zwischen den Fingern wie der umgeschüttete Kaffee am Vormittag. Und weil die Frist bald abläuft, fassen sich eben jene, die nicht wissen, was zu tun ist, ein Herz und arbeiten mit vollem Elan drauf los. Auf was eigentlich? Sie arbeiten ins Blaue und hoffen, damit ins Schwarze zu treffen.

Viele Unklarheiten lassen sich freilich vermeiden. Die Unklarheit liegt meist im Ursprung. Beim Erzähler sozusagen. Das kann der Professor sein. Das kann der Projektleiter sein. Oder der Auftraggeber. Nicht, weil die Ihnen etwas Böses wollen. Nein, lediglich - weil die sich auskennen und Sie sich (noch) nicht.

So bleibt zum Ende hin ja wohl nur noch das: "Haben Sie noch Fragen?". Vielleicht diese, wie Unklarheiten wirklich vermieden werden können. Das geht ganz einfach: Wenn Ihnen etwas unklar erscheint, dann fragen Sie künftig direkt nach. Nein, nicht bei Ihren Kollegen, die sich auch nicht auskennen. Sie fragen den Vortragenden. Er kann Ihnen am ehesten helfen. Wenn das vor Ort - aus irgendwelchen Gründen - tatsächlich nicht möglich ist, dann vereinbaren Sie einen Termin. Wenn auch das nicht möglich ist, schreiben Sie ein E-Mail. Nein, nicht an Ihre Kollegen. An den Vortragenden. Danach werden Sie sich sicherer fühlen und der Aufgabe gewachsen sein.

Ansonsten erlangen Sie dennoch Gewissheit. Allerdings darüber, dass Sie der Aufgabe nicht gewachsen sind. Nämlich dann, wenn Sie während der Veranstaltung nicht aufgepasst haben. Im Übrigen gibt es aber auch dafür einen Tipp: Die Veranstaltung dauert immer gleich lang. Ob Sie aufpassen, oder nicht. Verstanden?

Dieser Beitrag wurde von Studenten der Universität Salzburg im Rahmen einer Lehrredaktion in Kooperation mit den "Salzburger Nachrichten" erstellt.

Aufgerufen am 24.11.2020 um 10:42 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/standpunkt-denn-sie-wissen-nicht-was-zu-tun-ist-95591845

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