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Studieren ohne anwesend zu sein

Österreichs Universitäten setzen immer stärker auf E-Learning. Wie ein digital begleitetes Studium gestaltet sein sollte. Und wieso "Blended Learning" groß in Mode ist.

Es ist ein befremdliches Bild. Ein Universitätsdozent sitzt in seinem Wohnzimmer. Obwohl sonst niemand im Raum ist, quatscht er vor sich hin. Irgendwo Richtung Wand über seinen Laptop hinweg. Doch der Lektor führt kein Selbstgespräch. Er hält gerade eine Lehrveranstaltung - ein sogenanntes Webinar. Unter Webinaren werden Vorträge verstanden, die der Lehrende über eine Web-Plattform abhält. Weder der Dozent noch seine Studenten müssen dafür an die Uni pilgern. "Rein theoretisch könnte man sogar nackt sein - zumindest unten herum", sagt Gergely Teglasy mit einem Augenzwinkern. Der Wiener, der selbst nur "TG" genannt werden will, ist sowohl an der FH Burgenland als auch für das WIFI als Lektor tätig. "Beide Einrichtungen setzen stark auf Online-Einheiten. An der FH verteile ich über die hausinterne E-Learning-Plattform Aufgaben und gebe Feedback. Beim E-Learning-Day des WIFI halte ich jährlich ein Webinar ab."

Unter dem Begriff E-Learning werden all jene Lernformen subsumiert, die Online-Elemente beinhalten. Und auf eben diese Lernformen setzen immer mehr Bildungseinrichtungen. "E-Learning ist mittlerweile angekommen", sagt Elfi Furtmüller vom Institut für Informatik der Universität Innsbruck. Parallel zu ihrer Tätigkeit an der Tiroler Uni begleitet sie als Eigentümerin des "Austrian Management Centers" (AMC) Hochschulen bei der Entwicklung von E-Learning-Programmen. Ferner bietet das AMC eigene Kurse an, bei denen physische Präsenz gar nicht mehr nötig sein muss: "Ab acht Teilnehmern gibt es Treffen. Bei weniger Anmeldungen gibt es zwar Präsenztermine, die werden aber virtuell abgehalten."

Doch nicht nur Kurse, sondern ganze Studiengänge werden mittlerweile online abgehalten - Stichwort Fernlehre. Die Donau-Universität Krems bietet etwa gleich mehrere Fernstudien an, zum Beispiel für "General Management" oder einen Master of Arts im Bereich Personalmanagement.Der Trend geht in Richtung Integriertes LernenDer Haupttrend gehe aber in Richtung Hybridform, sogenanntes Integriertes Lernen oder "Blended Learning", sagt Furtmüller: "Über die E-Learning-Plattformen können Sie Studenten Lernmaterialien zur Verfügung stellen. Bei den Präsenzterminen können Sie darauf aufbauen." Dieser Ablauf habe den Lehrenden eine gewisse Furcht genommen: "Am Anfang hatten viele Angst, dass sie ihre Jobs verlieren, wenn Vorlesungen online abrufbar sind. Aber in Wirklichkeit wurden die Vorlesungen intensiver - und die Lehre besser." Parallel falle den Hochschulen die Qualitätssicherung leichter, da sie einen Überblick bekämen, welcher Student welche Inhalte wann nutzt.

Ursula Maier-Rabler ist ähnlicher Meinung. Die Wahlsalzburgerin ist Gründerin des ICT&S-Centers der Uni Salzburg, also jener Einrichtung, die sich mit der Schnittstelle aus IT-Welt und Kommunikation auseinandersetzt. "Hands-on-Wissen, also praktisches Wissen, oder Fakten, die man normalerweise im Frontalunterricht vermittelt hätte, passen wunderbar in die Digitalwelt", sagt Maier-Rabler. Wenn es hingegen um Inhalte geht, die man in einem gewissen Kontext rezitieren und interpretieren sollte, sei ein Präsenztermin unersetzbar. Aber dieser könne auf den Online-Inhalten aufbauen: "Man kann so auf höherem Level mit den Studierenden arbeiten und tiefer in die Materie eindringen." 90 Prozent der LVs digital begleitetDurch diverse Initiativen versuchen auch Wissenschafts- oder Bildungsministerium E-Learning in Schulen ebenso wie in Universitäten zu verankern. Und die bloßen Zahlen lassen auch einen Trend zu Integriertem Lernen erkennen. Nach Auskunft der "Zentralen Servicestelle für Flexibles Lernen und Neue Medien" (ZFL) an der Uni Salzburg sind von knapp 2000 Lehrveranstaltungen 90 Prozent auf der hausinternen E-Learning-Plattform Blackboard abgebildet. Parallel seien in "exemplarischen Hörsälen an sämtlichen zentralen Standorten" Videorekorder installiert, mit denen die Lehrveranstaltungen mitgefilmt und dann ins Netz gestellt werden können, beschreibt Richard Posch, Leiter der ZFL.Was E-Learning heutzutage leisten mussDoch eine Vorlesung zu filmen und diese ins Netz zu stellen, sei zu wenig, sagt Ursula Maier-Rabler. Oder anders: E-Learning muss heutzutage mehr können. "Es braucht neue Kompetenzen, die wir alle in Erstinstanz nicht gelernt haben - mich eingeschlossen", sagt die Expertin. Man müsse lernen, wie man einen Lehrfilm dreht, wie man Inhalte multimedial vermittelt oder wie man YouTube sowie Facebook in eine Übung einbaut. Dafür brauche es "begleitende didaktische Unterstützung für die Lehrenden" sowie mehr Personal, das die Lehrbeauftragten technisch unterstützt. Doch nicht nur die Dozenten und Professoren müssen sich weiterentwickeln. "Auch die Studierenden müssen das selbstbestimmte Lernen verinnerlichen. Zuerst müssen sie die online vermittelten Inhalte studieren, bevor sie darüber mit anderen Studierenden via Social Media und schließlich in der Lehrveranstaltung diskutieren."

Lektor TG gibt allen Lehrenden noch eine pragmatischen Tipp. "Ich würde erst dann eine Online-Einheit abhalten, nachdem man sich schon ein erstes Mal gesehen hat. Das nimmt bei vielen die Hemmschwelle." Nicht nur deshalb sei bei aller Online-Affinität der Präsenztermin unverzichtbar, ergänzt TG: "Eine gewisse Stimmung, ein gewisser Humor, eine gewisse Atmosphäre kann nur Face to Face vermittelt werden."

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