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Tiermedizin studieren: Auf der Suche nach des Pudels Kern

Beaglefarmen, Pferdekoppeln, Kuhställe und ein riesen Knochenarchiv. So tierisch geht es auf der Veterinärmedizinischen Universität in Wien zu.

Gruppenweise drängeln sich Studenten durch den gläsernen Torbogen auf den Campus. Autos mit Pferdeanhängern rattern vorbei. Von den Hinterbänken recken Hunde hechelnd ihre Köpfe aus dem Fenster. Die Veterinärmedizinische Universität in Wien verfügt über 15 Hektar und ist die älteste Hochschule für Tiermedizin im deutschsprachigen Raum. In Österreich ist sie sogar die einzige, die das Diplomstudium anbietet. Nachdem die Studenten das Gelände betreten, finden sie sich von 47 Backsteinhäusern umgeben. Links geht es zu den Hörsälen, zur Mensa und der Bibliothek, von rechts wiehern Pferde und bellen Hunde aus Ställen, Koppeln und der Tierklinik. Die Tiergehege sind auf dem ganzen Campus zu riechen.

Die vielen Grünflächen bieten Erholungsplätze zwischen den Lehrveranstaltungen. Die Stimmung ist angenehm und familiär. Karin, die im vierten Semester studiert, schwärmt: "Die Uni ist einfach mehr. Sie ist eine richtige Familie und alle sind echt hilfsbereit." Neben ihr sitzt ihre Studienkollegin Anne-Marie, auf dem Schoß hat sie die kleine Chihuahua-Dame Lucie. Die beiden Mädels kraulen die Hündin hinter den Ohren, während sie erzählen.

Viele der Studenten sind mit ihren Haustieren unterwegs. Dies ist jedoch nicht jedem erlaubt. Um seinen Hund mit auf den Campus nehmen zu dürfen, müssen die Besitzer eine Hundemarke und einen Zwinger beantragen, in dem die Vierbeiner während der Kurse unterkommen können. Denn "in den Hörsälen selbst sind Hunde nicht gestattet", sagt Vizerektorin Sibylle Kneissl. Da Zwinger und Marken jedoch begrenzt sind, warten die Betroffenen oft monatelang auf eine Bestätigung.

Für diejenigen, die keine eigenen Hunde mitbringen, gibt es die Möglichkeit, einen der Beagles, welche auf dem Gelände auf der Beaglefarm untergebracht sind, zu betreuen. Die Studenten können Partner der Tiere werden und diese regelmäßig Gassi führen oder mit ihnen spielen. Dasselbe gilt auch für die Pferde. Als offizieller Partner eines Pferdes kann man dieses täglich striegeln und spazieren führen. Das Reiten ist nur wenigen, qualifizierten Angehörigen der Universität erlaubt, um auch auf das Wohl der Tiere zu achten.

Doch auch die Studenten, welche weder ein eigenes Haustier haben noch Partner eines Versuchstiers sind, haben oft genug die Möglichkeit, mit den Tieren in Kontakt zu kommen. "Man verbringt viel Zeit mit den Tieren, wenn man jedes Semester von einer anderen Tierart lernt und dann in den Ställen oder in der Kleintierklinik aushelfen kann und den Umgang übt", erzählt die 28-jährige Studentin Johanna. Langweilig werde ihr auf keinem Fall. Auch den Tieren, welche große Auslaufflächen zur Verfügung haben und rundum versorgt werden, geht es sichtlich gut auf dem Campus. Wenn sie nicht gerade von den Studenten durch das Gelände geführt werden, galoppieren sie über die Koppeln oder lassen sich von der Sonne wärmen.

Gegenüber der Hörsäle und der Bibliothek befindet sich die Tierklinik, die täglich neue Patienten bekommt. Dort treffen Kleintiere, Pferde, Wiederkäuer, Schweine, Geflügel und sogar Fische auf angehende Tiermediziner. Bei besonders aufregenden Behandlungen oder Operationen haben die höhersemestrigen Kollegen die Möglichkeit zuzuse-hen und manchmal sogar zu assistieren. "Die Tierklinik gehört schon seit der Gründung zur Universität. Sie garantiert, dass die Studierenden auch durch Praxiserfahrungen lernen." Erste operative Eingriffe lernen die Anfänger am sogenannten VetSim: Tierähnliche Simulatoren stehen für erste Übungseinheiten zur Verfügung.

Momentan studieren rund 2340 Personen an der Veterinärmedizinischen Hochschule. Davon sind 80 Prozent Frauen und 20 Prozent Männer. "Früher war das genau umgekehrt. Da waren nur 20 Prozent Frauen", sagt eine Studentin. Vizerektorin Kneissl sieht den Grund für diese Entwicklung darin, dass heute vorrangig Kleintiere behandelt würden: "Die Arbeit ist körperlich nicht mehr so anstrengend. Früher war sie mit mehr Kraftaufwand verbunden und daher war Tiermedizin in erster Linie ein Männerjob."

Es geht zurück über den Hof, auf dem sich nun noch mehr Studenten zusammengetroffen sind. Im hinteren Teil des Geländes versteckt befindet sich das Knochenarchiv. Der Name allein lässt bereits Unheimliches vermuten. Tatsächlich verbirgt sich in dem besagten Gebäude ein riesiges Lager an Knochen, Präparaten und sonstigen Untersuchungsgegenständen. In einem Labor stehen Studenten in weißen Kitteln um einzelne Tische herum. Und in deren Mitte ein großer präparierter Pferdefuß. Der Leiter des Kurses erklärt, dass das Fotografieren leider verboten sei, nur Schauen sei erlaubt. Ein paar Studenten erzählen in der Zwischenzeit, was genau sie hier machen. Muskeln, Sehnen oder Gefäße werden freigelegt und untersucht. Auch Übungen, wie Spritzen geben oder operative Eingriffe können ausprobiert und gelernt werden. All jene Aufgaben, die am lebenden Tier nicht ausgeführt werden dürfen.

Das Studium der Veterinärmedizin ist aber kein Ponyhof. Neben den vielen praxisbezogenen Einheiten müssen die Studierenden über die zwölf Semester verteilt auch einiges an Theorie lernen. Die zukünftigen Veterinärmediziner setzten sich unter anderem mit acht verschiedenen Tierarten auseinander, erklärte Vanessa (21) und beginnt an ihren Fingern abzuzählen: "Hunde, Kühe, Geflügel, Ziegen, Schafe, Lämmer, Pferde und Schweine. Vor allem in den ersten zwei Semestern gibt es vieles zu lernen." Noch dazu kommen Teilgebiete wie Chemie und Physik sowie wissenschaftliche und persönliche Kompetenzen.

Egal ob die diplomierten Absolventen nach ihrer Ausbildung als Tierärzte oder in der Forschung tätig werden, die Veterinärmedizinische Universität in Wien bereitet sie auf alle möglichen Bereiche vor. Noch dazu bietet die zugehörige Tierklinik den Studenten die Möglichkeit, laufend Praxiserfahrungen zu sammeln, welche sie bestens auf das Berufsleben einstimmt.

Gewöhnlichen Besuchern der Vetmeduni ist der Zugang zu den Kliniken jedoch untersagt. Der Rundgang endet somit bei dem großen Torbogen, durch den die Studenten das Gelände am Abend ebenfalls wieder verlassen.

Info: Veterinärmedizinische Universität Wien

  • Das Diplomstudium Veterinärmedizin dauert zwölf Semester und ist in drei Studienabschnitte gegliedert
  • 47 Gebäude auf 15 Hektar Fläche, 1996 fertiggestellt
  • Die Aufgaben der Universität bestehen in Forschung, Lehre und dem Betrieb des Tierspitals, unterstützt von den Dienstleistungseinrichtungen der Universität
  • 2338 Studierende gesamt, davon 1832 Frauen (rund 80 Prozent Frauen)

Dieser Beitrag wurde von Studenten der Universität Salzburg im Rahmen einer Lehrredaktion in Kooperation mit den "Salzburger Nachrichten" erstellt.

Quelle: SN

Aufgerufen am 16.01.2021 um 12:53 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/tiermedizin-studieren-auf-der-suche-nach-des-pudels-kern-40789030

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