Weltpolitik

Groß angelegter Angriff Russlands auf Ukraine

Russland hat am Donnerstag über mehrere Flanken einen groß angelegten Angriff auf die Ukraine gestartet. Russische Bodentruppen drangen nach Angaben des ukrainischen Grenzschutzes aus mehreren Richtungen in das Nachbarland ein. Begleitet wurde der Einmarsch von massivem Beschuss aus der Luft. Explosionen wurden im ganzen Land gemeldet, auch in der Hauptstadt Kiew wurde Luftalarm ausgelöst. Russische Truppen bewegten sich laut Grenzschutz auf die Hauptstadtregion Kiew zu.

Russland griff russische Städte aus der Luft an SN/AFP
Russland griff russische Städte aus der Luft an

Bis um 12.00 Uhr (MEZ) am Donnerstag habe Russland mehr als 30 Attacken mit Flugzeugen, Artillerie und Marschflugkörpern "auf ukrainische zivile und militärische Infrastruktur" ausgeübt, teilte der ukrainische Generalstab mit. Laut der ukrainischen Polizei erstrecken sich die Kämpfe fast auf das ganze Land. Russland habe bei heftigen Gefechten im Osten des Landes Gefangene genommen, sagt der ukrainische Vize-Verteidigungsminister.

Schwere Gefechte wurden auch vom Militärflughafen Hostomel bei Kiew gemeldet. Es könnte sein, dass russische Fallschirmspringer über Kiew abspringen und versuchen in das Regierungsviertel einzudringen, so ein Berater des ukrainischen Präsidialamts.Bei den Gefechten in Hostomel wurden laut ukrainischem Verteidigungsministerium mindestens drei russische Hubschrauber abgeschossen. Beim Absturz eines ukrainischen Militärflugzeugs südlich von Kiew wurden nach offiziellen Angaben mindestens fünf Menschen getötet worden. Die Absturzursache war zunächst unklar.

Explosionen waren auch in der Hauptstadt Kiew, in Charkiw und der Hafenstadt Mariupol zu hören. In Kiew wurde am Nachmittag Luftalarm ausgelöst. Die Stadtverwaltung rief alle Bürgerinnen und Bürger dazu auf, sich in Luftschutzbunkern in Sicherheit zu bringen. Bereits zuvor versuchten viele Menschen, die Hauptstadt zu verlassen, auf den Ausfallstraßen bildeten sich kilometerlange Staus.

Koordinierte Angriffe gab es zunächst vor allem im Osten der Ukraine. Im Süden würden ukrainische Stellungen mit Raketensystemen und Hubschraubern attackiert, erklärte der Grenzschutz. Die ukrainischen Behörden meldeten Dutzende Tote und Verletzte. Mehr als 40 Soldaten seien getötet worden, es gebe auch Opfer unter den Zivilisten, hieß es. Bei einem Angriff im Osten der Ukraine wurde den Rettungsdiensten zufolge ein Bub getötet. In der Region des ukrainischen Schwarzmeer-Hafens Odessa gab es den örtlichen Behörden zufolge bei einem Raketenangriff mindestens 18 Tote. In der Stadt Browary bei Kiew starben laut dem dortigen Bürgermeister mindestens sechs Menschen. Einzelheiten wurden zunächst nicht bekannt.

Pro-russische Separatisten brachten nach eigenen Angaben zwei Orte in der Region Luhansk unter ihre Kontrolle, wie die russische Nachrichtenagentur Ria berichtete. Die Ukraine dementierte, dass die Frontlinie in der Ostukraine durchbrochen worden sei.

Der russische Staatschef Wladimir Putin hatte in der Nacht zum Donnerstag in einer Fernsehansprache eine "Militäroperation" in der Ukraine befohlen. Das russische Verteidigungsministerium teilte mit, Ziel der Angriffe in der Ukraine sei "die militärische Infrastruktur". Nach den Worten des russischen UN-Botschafters Wassili Nebensia soll aber auch gegen die Regierung in Kiew, die er "Junta" nannte, vorgegangen werden. Russlands Parlamentschef Wjatscheslaw Wolodin nannte eine vollständige Entmilitarisierung der Ukraine als Ziel des russischen Angriffs. Dies sei der einzige Weg, einen Krieg in Europa zu vermeiden, schrieb Wolodin im Nachrichtenkanal Telegram.

Wenige Stunden nach dem Beginn der Offensive erklärte das Verteidigungsministerium in Moskau, die russische Armee habe die Luftabwehr sowie die Luftwaffenstützpunkte in der Ukraine außer Gefecht gesetzt. Kiew meldete den Abschuss von fünf russischen Kampfjets und einem Hubschrauber. Später hieß es aus Moskau 74 Objekte der Bodeninfrastruktur seien "außer Gefecht" gesetzt worden. Darunter seien elf Flugplätze, drei Kommandoposten und ein Marinestützpunkt gewesen. Zudem seien 18 Radarstationen der Boden-Luft-Raketenabwehrsysteme S-300 und Buk-M1 zerstört worden.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj verhängte das Kriegsrecht über die gesamte Ukraine und rief seine Landsleute zur Verteidigung des Landes auf. Der ukrainische Präsident forderte eine weltweite "Anti-Putin-Koalition". "Die Welt muss Russland zum Frieden zwingen", erklärte er nach Krisentelefonaten mit seinen westlichen Partnern. Die diplomatischen Beziehungen mit dem Nachbarland Russland brach die Ukraine ab.

Die Ukraine schloss ihren Luftraum komplett, wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk meldete. Die Europäische Flugsicherheitsbehörde EASA warnte Fluglinien davor, über die Ukraine zu fliegen. Später weitete sich ihre Sicherheitshinweise auf Teile des russischen Luftraums aus. Fluggesellschaften müssten besondere Vorsicht walten lassen, wenn sie in Gebieten operierten, die von Moskau und Rostow aus kontrolliert würden, heißt es. Es bestehe das Risiko, dass Raketen in den Luftraum eindrängen.

US-Präsident Joe Biden, die westlichen Verbündeten, Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) sowie die Europäische Union und die NATO verurteilten Putins Vorgehen scharf und kündigten umgehend weitere Sanktionen an. Russland hat nach den Worten von Biden "vorsätzlich" einen "Krieg" gegen die Ukraine begonnen. Vertreter der 30 NATO-Staaten kamen zu einer Krisensitzung zusammen. Militärische NATO-Unterstützung für die Ukraine gilt weiter als ausgeschlossen, weil dadurch ein noch größerer Krieg zwischen der NATO und Russland ausgelöst werden könnte.

Die EU wird nach Angaben von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratschef Charles Michel umgehend ein neues Sanktionspaket beschließen. Für den Abend ist ein EU-Krisengipfel in Brüssel geplant. Die USA, die EU und weitere Verbündete haben bereits Sanktionen verhängt.

Putin hatte am Montag die Unabhängigkeit der Separatistenregionen Donezk und Luhansk in der Ostukraine anerkannt und eine Entsendung russischer Soldaten angeordnet. Der Kremlchef plant zum zweiten Mal nach 2014 einen Einmarsch in die Ukraine.

Österreich verhängte am Donnerstag eine Reisewarnung für die gesamte Ukraine. "Vor allen Reisen in die Ukraine wird aufgrund der unvorhersehbaren Sicherheitssituation eindringlich gewarnt. Es wird dringend geraten, die Ukraine unverzüglich zu verlassen", so das Außenministerium auf seiner Homepage.

Aufgerufen am 07.07.2022 um 03:59 auf https://www.sn.at/politik/weltpolitik/gross-angelegter-angriff-russlands-auf-ukraine-117516457

Krieg in der Ukraine

Krieg in der Ukraine

Jetzt lesen

Kommentare

Schlagzeilen