Weltpolitik

Johnson-Rede, Abschiedswünsche, Brexit-Feiern: Das passiert alles am Vorabend des Brexit

Der letzte Tag der britischen EU-Mitgliedschaft ist angebrochen - und es ist viel los. Ein Überblick über die Geschehnisse an diesem historischen 31. Jänner 2020.

Die Briten bereiten sich auf den Brexit vor. SN/AP
Die Briten bereiten sich auf den Brexit vor.

Eine Ära geht zu Ende. Mehr als dreieinhalb Jahre nach dem Brexit-Votum wird Großbritannien am Freitag um 24 Uhr (MEZ) die Europäische Union verlassen. Das Land war über 47 Jahre lang Mitglied in der Staatengemeinschaft und ihren Vorgängerorganisationen. In einer Übergangsphase bis zum Ende des Jahres müssen London und Brüssel aber noch ihre künftigen Beziehungen klären.

Ein Überblick, was an dem historischen 31. Jänner 2020 alles passiert:

Brexit-Partei feiert "Brexodus" in Brüssel

Die EU-Abgeordneten der Brexit-Partei haben ihren "Brexodus" aus Brüssel gefeiert. Gemeinsam marschierten die Parlamentarier am Freitagmorgen mit ihren Rollkoffern vom Europaparlament zum nahen Bahnhof am Place du Luxembourg im Europaviertel der belgischen Hauptstadt.

"Heute ist der Tag, an dem Großbritannien nach mehr als 40 Jahren wieder frei wird", sagte die Abgeordnete Ann Widdecombe in einer kurzen Ansprache. "Heute feiern wir den Anfang unserer Unabhängigkeit, unserer Möglichkeiten, unsere eigenen Gesetze, unsere eigenen Handelsabkommen, unsere eigenen Grenzen zu kontrollieren. Und wir glauben, dass Großbritannien frohlockend in die Zukunft schreiten kann." Für die 29 Abgeordneten der Brexit-Partei sei die Arbeit erledigt und die "Ernte eingefahren", sagte Widdecombe. "Das war's."

Ann Widdecombe und Jonathan Bullock von der Brexit-Partei feiern ihren Abschied von der EU. SN/APA/AFP/KENZO TRIBOUILLARD
Ann Widdecombe und Jonathan Bullock von der Brexit-Partei feiern ihren Abschied von der EU.

Großbritannien war mit insgesamt 73 Abgeordneten im Europaparlament vertreten. Mit dem Brexit in der Nacht zum Samstag verlieren sie ihr Mandat. Ein Großteil der Abgeordneten gehört EU-freundlichen Parteien an, die den Austritt des Landes bedauern.

Die Queen ist während Brexit auf ihrem Landsitz Sandringham

Die britische Königin Elizabeth II. wird den Moment des EU-Austritts ihres Landes auf ihrem Landsitz Sandringham erleben. Auf dem Anwesen in der Grafschaft Norfolk verbringt die Queen derzeit ihre jährliche Winterauszeit. Ein offizielles Statement an die Nation ist während des letzten Tages Großbritanniens in der Europäischen Union nicht vorgesehen - die Monarchin mischt sich in der Regel generell nicht in politische Angelegenheiten ein.

Hier verbringt die Queen den Brexit-Tag. SN/dpa/Britta Gürke
Hier verbringt die Queen den Brexit-Tag.

Big Ben bleibt still

Begangen wird der historische Moment in London (23 Uhr Ortszeit) aus Rücksicht auf die Brexit-Gegner ohne großen Pomp. Big Ben soll nicht läuten. Der Uhrturm des britischen Parlaments wird derzeit aufwendig restauriert und müsste dafür extra hergerichtet werden.

Der Big Ben bleibt am Freitag still.  SN/APA/AFP/DANIEL LEAL-OLIVAS
Der Big Ben bleibt am Freitag still.

Countdown und Champagner

Am Parliament Square soll an allen Fahnenmasten der Union Jack wehen. An die Fassade der 10 Downing Street wird ein Countdown projiziert.

Trotzdem dürfte im Regierungssitz der ein oder andere Sektkorken knallen. Pressefotografen hatten dort bereits vergangene Woche größere Lieferungen englischen Schaumweins erspäht - Champagner aus dem EU-Land Frankreich verbietet sich bei dem Anlass selbstredend.

An die Fassade der Downing Street 10 wird ein Countdown projiziert. SN/AP
An die Fassade der Downing Street 10 wird ein Countdown projiziert.

Boris Johnson hält eine Rede

In einer Rede, die am Abend übertragen werden soll, betont Premierminister Boris Johnson laut im Voraus verbreiteten Auszügen, der Brexit sei kein Ende, sondern ein Anfang. "Es ist ein Moment der echten nationalen Erneuerung und des Wandels", so der Premier.

Johnson hat es kurz vor dem Brexit als sein Ziel bezeichnet, die durch die erbitterte Debatte um den EU-Austritt entstandenen tiefen Risse in der britischen Gesellschaft zu überwinden. Es sei seine Regierungsaufgabe, das Land zu "vereinen" und "nach vorne zu bringen", erklärt der Premier in den veröffentlichen Auszügen der Fernsehansprache.

Den EU-Austritt bezeichnet der Premierminister darin "nicht als ein Ende, sondern als einen Anfang". Es sei der "Moment einer neuen Morgendämmerung" gekommen: "Der Vorhang hebt sich zu einem neuen Akt." Johnson beschreibt den Brexit auch als "Moment einer wahren Erneuerung" und des "nationalen Wandels" für das Vereinigte Königreich.

Boris Johnson hat sein Ziel erreicht. SN/APA/AFP/ADRIAN DENNIS
Boris Johnson hat sein Ziel erreicht.

Nigel Farage schmeißt eine große Abschiedsfeier

Ausgelassener als Johnson will der Chef der Brexit-Partei, Nigel Farage, mit seinen Mitstreitern den EU-Austritt feiern. Die Initiative "Leave means Leave" hat für Freitagabend eine Party vor dem Parlament geplant. Auch in anderen Teilen des Landes wird gefeiert. Ein Feuerwerk wurde Farage allerdings untersagt.

Hat Grund zum Lachen: Brexit-Befürworter Nigel Farage.  SN/APA/AFP/FRANCOIS WALSCHAERTS
Hat Grund zum Lachen: Brexit-Befürworter Nigel Farage.

Brexit-Gedenkmünze hat nun das richtige Datum

Wenige Tage vor dem Brexit hat die britische Regierung die 50-Penny-Münzen zum Gedenken an den EU-Austritt vorgestellt - dieses Mal mit dem korrektem Datum 31. Januar. Die Münzprägeanstalt in London musste zuvor eine Million Geldstücke zur Erinnerung an den historischen Tag einschmelzen, denn sie trugen das einst geplante Austrittsdatum vom 31. Oktober. Der Brexit wurde mehrmals verschoben, weil das Parlament sich nicht auf einen Kurs einigen konnte.

Auf den Münzen steht "Frieden, Wohlstand und Freundschaft mit allen Nationen". Finanzminister Sajid Javid sagte am Sonntag in London: "Die Europäische Union zu verlassen ist ein Wendepunkt in unserer Geschichte und diese Münze markiert den Beginn eines neuen Kapitels." Von nächsten Freitag an sollen etwa drei Millionen Münzen in den Umlauf kommen, im Laufe des Jahres nochmals sieben Millionen.

Auf den Münzen steht „Frieden, Wohlstand und Freundschaft mit allen Nationen“. SN/AP
Auf den Münzen steht „Frieden, Wohlstand und Freundschaft mit allen Nationen“.

Schottische Regierung plädiert für Unabhängigkeitsreferendum

Die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon warnte Johnson unterdessen erneut, Schottland ein weiteres Referendum über die Unabhängigkeit zu verweigern. Johnson könne "nicht ewig dem Willen der Schotten im Weg stehen", sagte sie der Zeitung "Die Welt" (Freitagsausgabe). Das schottische Parlament hatte am Mittwoch für ein zweites Unabhängigkeitsreferendum votiert.

Sie will, dass ihr Land wieder Teil der EU wird: Schottlands Regierungschefin Nicola Sturgeon. SN/APA/AFP/ANDY BUCHANAN
Sie will, dass ihr Land wieder Teil der EU wird: Schottlands Regierungschefin Nicola Sturgeon.

Irland bleibt optimistisch

Irlands Premierminister Leo Varadkar zeigte sich hoffnungsvoll. Für den bereits beschlossenen Vertrag seien alle über ihren Schatten gesprungen, schrieb er in einem Gastbeitrag für die "Welt" (Freitag). Das sei "ein gutes Omen" für die nächste Phase der Verhandlungen. "Was auch immer geschieht, ich hoffe, dass die Tür immer offen steht, sollte das Vereinigte Königreich jemals entscheiden, zurückkehren zu wollen."

Der irische Premierminister Leo Varadkar ist der Ansicht, dass die Europäische Union bei den bevorstehenden Handelsverhandlungen mit Großbritannien nach dem Brexit die Oberhand hat. SN/APA/AFP/PAUL FAITH
Der irische Premierminister Leo Varadkar ist der Ansicht, dass die Europäische Union bei den bevorstehenden Handelsverhandlungen mit Großbritannien nach dem Brexit die Oberhand hat.

Von der Leyen, Michel und Sassoli äußern sich zum Brexit

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, Ratspräsident Charles Michel und EU-Parlamentspräsident David Sassoli haben unmittelbar vor dem Brexit bekräftigt, dass Großbritannien nach dem EU-Austritt keinen uneingeschränkten Zugang zum europäischen Binnenmarkt mehr haben könne.

In einem gemeinsamen Beitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" schrieben sie: "Keine Entscheidung ist folgenlos." Allerdings kündigten sie an, hart daran zu arbeiten, "für unsere Zukunft als Verbündete, Partner und Freunde gemeinsame neue Wege der Zusammenarbeit zu finden".

Ursula von der Leyen, David Sassoli und Charles Michel haben einen Zeitungsbeitrag zum Brexit verfasst. SN/AP
Ursula von der Leyen, David Sassoli und Charles Michel haben einen Zeitungsbeitrag zum Brexit verfasst.

Die Vorsitzenden der drei wichtigsten Organe der EU, die am Donnerstag zu einer Klausur in Bazoches-sur-Guyonne südwestlich von Paris zusammengekommen waren, schrieben in dem Zeitungsbeitrag von einer "Zuneigung zum Vereinigten Königreich", die "weit über die Mitgliedschaft in unserer Union hinausreicht". Die Vereinbarung über den Austritt sei "für beide Seiten fair und stellt sicher, dass die Rechte von Millionen Bürgerinnen und Bürgern der EU und des Vereinigten Königreichs dort, wo sie sich zu Hause fühlen, geschützt bleiben".

Mit dem Brexit breche auch für die EU eine neue Zeit an, schrieben von der Leyen, Michel und Sassoli. Europa müsse noch enger zusammenwachsen, um seine Interessen in der Welt wahren zu können: "In einer Zeit starken Machtwettbewerbs und turbulenter Geopolitik spielt Größe sehr wohl eine Rolle."

Brexit-Gegner in Dover verabschieden sich von der EU

Vor dem EU-Austritt Großbritanniens haben Brexit-Gegner in der britischen Hafenstadt Dover ein riesiges Banner mit der Aufschrift "We still love EU" ("Wir lieben die EU noch immer") installiert. Der Organisator und scheidende EU-Parlamentarier Antony Hook veröffentlichte auf Twitter eine Drohnen-Aufnahme, auf der das knapp 150 Quadratmeter große Transparent oberhalb der berühmten Klippen von Dover zu sehen war. Das "love" war dabei durch eine britische Nationalflagge in Herzform stilisiert.

Das Banner sei unter anderem "für diejenigen, die unsere Beziehung zur EU wertschätzen" sowie für die drei Millionen EU-Bürger, die in Großbritannien zu Hause seien, erklärte Hook. Demnach haben sich mehr als 800 Menschen an einer Crowdfunding-Kampagne beteiligt, um das Geld für die Aktion zusammenzubekommen. Gekostet hat sie laut Kampagnen-Webseite mehr als 10.000 britische Pfund (rund 11.900 Euro). Mit der Aktion solle die wichtige Botschaft an die Welt gesendet werden, dass Großbritannien nicht bloß das Land von Brexit-Befürwortern wie Nigel Farage und Boris Johnson sei. Dover liegt direkt am Ärmelkanal. Vom Hafen der Stadt fahren regelmäßig Fähren in die EU-Länder Frankreich und Belgien.

Gibraltas Regierungschef: "Heute ist kein Tag zum Feiern"

Für Gibraltars Regierungschef Fabian Picardo ist der Austritt Großbritanniens aus der EU nach eigenen Angaben ein extrem trauriger Moment. Für ihn - ebenso wie für die Bevölkerung der britischen Exklave - sei dies "kein Tag zum Feiern", sagte Picardo am Freitag in einem Interview mit dem staatlichen spanischen Fernsehen.

Gibraltar am Südzipfel Spaniens steht seit 1713 unter britischer Souveränität. Beim Brexit-Referendum 2016 hatten 96 Prozent der Bürger des felsigen Landzipfels für den Verbleib Großbritanniens in der EU gestimmt. In der Nacht auf Samstag wird das Vereinigte Königreich die Europäische Union nun - sehr zum Ärger der Menschen in dem Überseeterritorium - trotzdem verlassen.

Große Zeremonien seien nicht geplant, so Picardo. "Leider werden wir die EU-Flagge einholen und damit den schwierigen Moment markieren, den wir gezwungen sind zu erleben."

Bürgermeister Sadiq Khan richtet seine Botschaft an EU-Bürger in London

Londons Bürgermeister Sadiq Khan hat den Europäern in seiner Stadt am letzten Tag Großbritanniens in der Europäischen Union seine Unterstützung zugesichert. "An die eine Million EU-Bürger, die so viel beitragen zu unserer Stadt: Ihr seid Londoner, ihr seid hier willkommen. Und das wird sich niemals ändern", schrieb Khan am Freitagmorgen auf Twitter. Großbritannien verlasse zwar die EU, London bleibe aber weiter "ein Leuchtturm für fortschrittliche Ideen, liberale Werte, Anstand und Vielfalt".

Auch die Brüsseler Metro verabschiedet sich von den Briten

Zum Abschied der Briten aus der EU hat die Brüsseler Verkehrsgesellschaft ihre Haltestellen mit britischem Bezug ins Bild gesetzt: In einem kurzen Film im Internet erscheinen die Stationen Liverpool, Churchill, Dover, Darwin, Engeland, Lancaster, Stephenson und Montgomery auf dem Plan der Metro-, Tram und Buslinien. Dazu ertönt eine melancholische Musik. Das Video endet mit einer ironischen Warnung: "Mind the gap when leaving", also auf Deutsch etwa: "Vorsicht an der Bahnsteigkante beim Austritt"

Quelle: SN, Dpa/Afp/Apa

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