Weltpolitik

Messias, Popstar, Massenmörder - wer ist dieser Che Guevara wirklich?

50 Jahre nach Che Guevara. Sein Henker verdankt ihm das Augenlicht, sein Sohn veranstaltet auf seinen Spuren Motorradtouren für reiche Amerikaner. Wien hat ihm ein Denkmal errichtet, in Argentinien soll er von der Bildfläche verschwinden. Er gilt als Massenmörder, Popstar und Messias.

Mario Terán betritt das Schulgebäude. In einem der beiden Klassenzimmer wird Ernesto Che Guevara gefangen gehalten. Gestern verlor der Feldwebel im Guerilla-Kampf gegen Guevara noch drei seiner Kameraden. "Tötet mich nicht, lebend bin ich mehr wert als tot!", soll Guevara bei seiner Festnahme gerufen haben. Aber der Machthaber von Bolivien, General René Barrientos, gab am Morgen des 9. Oktober 1967 den Befehl, alle gefangenen Guerilleros hinzurichten. Terán meldete sich freiwillig. Um 13.10 Uhr betritt er das Klassenzimmer. Er deutet dem gefesselten Guevara an, dass er sich hinsetzen soll. "Nein. Ich bleibe dafür stehen", soll dieser geantwortet haben. Als letzter Satz des Guerilleros ist überliefert: "Sie töten einen Menschen." Terán drückte ab. Guevara wurde an Armen und Beinen getroffen. Er wand sich vor Schmerzen. Es heißt, er habe in sein Handgelenk gebissen, weil er sich nicht die Blöße geben wollte, vor seinem Henker zu wimmern. Dann feuert Terán auf Guevaras Brust. Er ist tot. Aber ist er das wirklich?

Das Lied "Comandante Che Guevara" ertönt in Wien

41 Jahre später. Michael Häupl und Karl Blecha enthüllen im Wiener Donaupark eine Büste aus Messing. Das Wetter ist trüb. Außer dem damaligen Sozialminister Erwin Buchinger ist auch noch Stefan Weber gekommen, der Kopf der Anarcho-Band Drahdiwaberl. Der SPÖ-Pensionistenchef Karl Blecha sagt bei der Enthüllung: "In seinem Denkmal hier lebt Che weiter." Der Wiener Bürgermeister Häupl gibt den Gästen noch eine Gebrauchsanweisung mit: "Ich hoffe, Sie tragen ein kleines Stückchen Che Guevara in Ihrem Herzen mit nach Hause." Die musikalische Formation Cuba Si stimmt noch das Lied "Comandante Che Guevara" an und in angemessener Entfernung demonstrierten etwa 30 Vertreter von FPÖ und ÖVP. Der FPÖ-Gemeinderat Toni Mahdalik trägt ein Schild. Darauf sind 135 Namen von Menschen zu lesen, für deren Tod Guevara direkt verantwortlich gewesen sei.

Neun Jahre später, im August 2017, soll wiederum ein monumentales Denkmal von Che Guevara in seiner Geburtsstadt Rosario in Argentinien entfernt werden. Das fordert zumindest eine liberale Stiftung namens "Bases". Unterstützt wird die Forderung von der FDP-nahen "Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit". Begründung: Che Guevara sei allein auf Kuba für mehr als 10.700 Tote verantwortlich.

Che Guevara kokettierte mit einem Atomkrieg

Tatsächlich gab es in der Geschichte kaum einen Revolutionär, der so offen blutrünstig auftrat wie Che Guevara. Ein Widerstandskämpfer der Marke Lord Byron wäre er wohl nie geworden. Der Dichter brachte als Teilnehmer des griechischen Freiheitskampfes zu Papier: "Eine Träne zu trocknen ist ehrenvoller, als Ströme von Blut zu vergießen." Che Guevara kokettiert dagegen ganz offen mit einem Atomkrieg, aus dessen Trümmern der freie Mensch emporsteigen könne. Er leitete die Kuba-Krise ein und warf den Sowjets nach deren Beilegung mit den USA vor, dass sie "Hasenfüße" seien.

Selbst im Umgang mit seinen eigenen Leuten war er unerbittlich, wenn er Disziplinlosigkeit oder gar Ungehorsam witterte. So ist etwa ganz nüchtern in seinem Nachlass zu lesen, wie er mit seinem Mitstreiter Eutímio Guerra verfahren ist: "Die Situation war für die Männer und für ihn unangenehm, also machte ich dem Ganzen ein Ende und schoss ihm mit einer 32er-Pistole in die rechte Gehirnhälfte mit Austrittsloch am rechten Schläfenbein. Er röchelte noch ein wenig, dann war er tot." Seiner Mutter schrieb er einmal: "Ich bin wohlauf und lechze nach Blut. Ganz wie ein richtiger Soldat - ein Gewehr an meiner Seite und, etwas Neues, eine Zigarre im Mund."

Seine Mutter wiederum beschrieb ihren Sohn als fröhliches Kind, das wohlbehütet in einer Großbürgerfamilie aufgewachsen ist. Er litt an Asthma, was ihn aber nicht daran hinderte, sich von Brücken baumeln zu lassen und über Schluchten zu balancieren.

Ikonenstatus: Che Guevara fotografiert von René Burri, Havanna 1963. SN/westlicht/magnum
Ikonenstatus: Che Guevara fotografiert von René Burri, Havanna 1963.

Ein Film als Basis für eine touristische Geschäftsidee

Heute spricht man beim Guerilla-Kampf und im Terrorismus von "radikalisierten" Menschen. Che Guevara wurde wohl bei seiner ersten großen Reise radikalisiert. Diese unternahm der Medizinstudent mit seinem Freund, dem Biochemiker Alberto Granado, auf einem knatternden Motorrad der Marke Norton Modell 18. Die beiden Söhne aus gutem Haus wurden mit der bitteren Armut der Arbeiter konfrontiert, vor allem aber mit dem Elend in einer peruanischen Lepra-Kolonie. Diese Reise wurde unter dem Titel "Die Reise des jungen Che" verfilmt.

Der Film zeigt Che als hoffnungsvollen und hypersensiblen jungen Mann. Er würde dazu taugen, Jugendlichen den Glauben an eine bessere Welt zurückzugeben. Ernesto Guevara aber, der jüngste Sohn von Che Guevara, nutzte den Rückenwind des Films, um eine neue Geschäftsidee umzusetzen. Auf seinen "Poderosa Tours" können sich reiche Amerikaner mit Harley-Davidsons auf die Spuren von Che Guevara machen. Übernachtet wird in Luxushotels. Der Preis für die sechs bis neun Tage beträgt zwischen 3000 und 5400 US-Dollar.

Che Guevara wurde vom Kapitalismus verschluckt

Aber worin besteht für Amerikaner überhaupt der Reiz, sich auf die Spuren eines marxistischen Guerilleros zu begeben? Che Guevara wurde in den letzten Jahrzehnten vom Kapitalismus geschluckt. Sie können sein Konterfei auf der Haut von Madonna bewundern, auf Designer-Shirts sowieso. Man sieht es auf Demonstrationen gegen die flexible Arbeitszeit und erst recht bei Kundgebungen gegen Atombomben, in deren Besitz Guevara selbst so gern gewesen wäre. Die Ikone Che Guevara dürfte nur diesem einen Bild zu verdanken sein, das von Künstlern und Werbern für deren Anliegen tausendfach verändert wurde. Das Original gelang Alberto Korda am 5. März 1959 im Rahmen einer Trauerfeier. Er verzichtete auf sein Urheberrecht, weil er meinte, Che Guevara gehöre allen Menschen. Nur ein Mal, im Jahr 2000, zog er in London vor Gericht, um gegen den Wodkahersteller Smirnoff zu klagen. Dieser warb auf seinen Etiketten mit Guevara. Korda erhielt 50.000 US-Dollar Schadenersatz, die er für den Kauf von Medikamenten für kubanische Kinder spendete.

Womit wir wohl auch beim größten Widerspruch von Guevara wären: Als Soldat hat er getötet, als Arzt hat er Leben gerettet. Vor allem aber installierte er in Kuba ein soziales Gesundheitswesen. Von diesem profitierte 2006 ausgerechnet sein Henker Mario Terán. Er drohte zu erblinden, weshalb er sich in Kuba unter falschem Namen behandeln ließ. Die Ärzte operierten ihn kostenlos in Santa Cruz.

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