Chronik

365 Tage lang leben als Selbstversorgerin

Ein Jahr lang Selbstversorgung: Roswitha Huber macht auf 1200 Metern Seehöhe auf einer Alm im Rauriser Tal einen Selbstversuch.



Hinter dem Haus schmilzt der letzte Schnee dahin, im künftigen Gemüsebeet glänzt noch die nackte Erde und ob Hahn Leopold irgendwann auch tatsächlich Interesse an der achtköpfigen Hühnerschar zeigen wird, ist noch ungewiss. "Gesehen hab’ ich noch nicht, dass er draufsitzt", erklärt Roswitha Huber.

Es ist der 1. Mai, Tag eins. 364 Tage werden noch folgen, an denen sich die 57-Jährige auf der Rauriser Kalchkendlalm als Selbstversorgerin versuchen will: Lebensmittel aus Eigenproduktion, kein Strom, kein Handy, kein Auto, kein Einkaufen im Tal, so weit wie möglich kein Geld ausgeben und wenig Kommunikation. Gäste seien willkommen, sagt Huber, "aber bitte zu Fuß kommen". Wer übernachten wolle, "Schlafsack mitbringen". Wäsche gewaschen wird in den kommenden Monaten per Hand und mit Aschelauge. Deshalb lautet die Aufgabe: So wenig Schmutzwäsche wie möglich produzieren.

Roswitha Huber ist kein schrulliger Ökofreak, aber sie ist eine, die nicht zu halten ist. Sie ist eine Bekanntheit in Rauris, und nicht nur hier. Seit sich die karenzierte Volksschullehrerin vor 15 Jahren dem Brotbacken verschrieben hat, reist sie zu Vorträgen, Buchmessen, Filmfestivals und in fremde Länder wie Madagaskar, um in einem entlegenen Dorf einen alten Holzbackofen wieder in Gang zu setzen. "Beim Brot habe ich ein hohes Niveau der Auseinandersetzung erreicht", sagt Huber. Jetzt sei sie bereit für ein neues Projekt. Über ein Jahr hinweg will sie größtmögliche Unabhängigkeit bei der Versorgung von Lebensmitteln und Energie erreichen.

Durchaus mulmig sei ihr dabei zumute, gesteht die 57-Jährige. Viele Fragezeichen stehen hinter dem, was sie zu tun haben wird. Gemüseanbau: "Da muss ich mich erst einarbeiten." Ziege und Schwein schlachten: "Habe ich noch nie gemacht, nur ein Huhn abgestochen." Die Erzeugung von Milchprodukten: "Einen eigenen Frischkäse aus Ziegenmilch werte ich als Erfolg", sagt Huber. Voll Hochachtung erklärt sie: "Ich weiß, dass die Bauern hier mehr können als ich." Schritt für Schritt wolle sie lernen, sich selbst zu versorgen, "und vielleicht auch anderen Mut machen, es zu versuchen". Früher sei die häusliche Lebensmittelproduktion Tradition gewesen, "heute bekommt man das in der Familie oder beim Nachbarn nicht mehr selbstverständlich mit". Was am meisten Sorge für das Jahr als Selbstversorgerin bereitet: "Ob die Bevorratung für den Winter funktioniert, ob alles so wächst, wie ich es mir vorstelle."

Vorerst aber muss noch nicht alles perfekt sein. Bis das eigene Gemüse so weit ist, wird wöchentlich eine Gemüsekiste angeliefert. Auch ein wenig Strom läuft noch für die Warmwasser-Umwälzpumpe. Das Getreide für das Brot aber wird bereits auf einer Fahrradmühle gemahlen: Sechs Minuten treten für eine Handvoll Mehl.

Anrufe am Handy sind im kommenden Jahr jedenfalls zwecklos. "Wer etwas von mir will, muss mir schreiben oder am besten selbst kommen", sagt Huber. Angst vor dem Scheitern des Projekts habe sie nicht, "nur vor dem Alleinsein". Sie habe das Gefühl, erklärt sie, "das kommende Jahr wird die längste Reise meines Lebens".

Aufgerufen am 25.01.2022 um 07:18 auf https://www.sn.at/salzburg/chronik/365-tage-lang-leben-als-selbstversorgerin-6130063

Schlagzeilen