Chronik

Anschluss 1938: Hitlers "Lieblingssoldat" kam über den Dürrnberg

Vor fast genau 80 Jahren wurden die Deutschen im Tennengau genauso jubelnd empfangen wie im Rest Österreichs. Das neue Regime zeigte aber auch hier schnell sein wahres Gesicht.

Durch die vielen Industriebetriebe war Hallein eine "rote Hochburg", es gab eigentlich viele Sozialisten und Kommunisten. "Mit Hitler kommt der Krieg", war einer der Stehsätze der Halleiner Kommunistin und Widerstandskämpferin Agnes Primocic. Als die Nazis dann aber tatsächlich auch nach Hallein kamen, blieb der Widerstand am Tag des Anschlusses, wie auch im übrigen Österreich, bestenfalls symbolischer Natur: Einem Augenzeugen zufolge sprang den deutschen Soldaten auf der Stadtbrücke ein Kaltenhauser Arbeiter vor die Füße und rief: "Ös Buam! Im Kriag sama Seite an Seite gstandn, und hiatzt kemts so daher!" Dann spuckte er aus, aber die Soldaten marschierten ungerührt an dem Wütenden vorbei.

Der Halleiner Historiker Wolfgang Wintersteller betont, wenn man die Situation in der Zwischenkriegszeit kenne, sei es nicht überraschend, dass die Deutschen geradezu willkommen geheißen wurden bzw. dass es nur minimalen Widerstand gab, ganz im Gegenteil: "Der Anschlussgedanke ging quer durch alle Parteien, schon 1921 gab es eine Abstimmung im Land Salzburg über den Anschluss an Deutschland und 99,3 Prozent der Wahlberechtigten stimmten mit Ja. Zudem gab es keine demokratische Tradition, in der Politik ging es ums Gewinnen, keiner hat den Standpunkt des anderen akzeptiert."

Die Hälfte der Bevölkerung war direkt von der Arbeitslosgkeit betroffen

Vor allem aber herrschten Mitte der 1930er-Jahre große Not und Arbeitslosigkeit: Einer vorsichtigen Schätzung zufolge gab es in Hallein 1935 rund 2500 Arbeitslose - bei insgesamt rund 8000 Einwohnern. Inklusive der Angehörigen war also ungefähr die Hälfte der Bevölkerung direkt von den Folgen der Arbeitslosigkeit betroffen, "da ging es um Existenzen", erklärt Wintersteller. "Und gleichzeitig gab es gleich hinter der Grenze die Baustelle an Hitlers Berghof, die rund 6000 Arbeitern Beschäftigung bot. Gerade im Grenzbereich gab es daher ein reges Hin und Her."

Hitlers "teurer und treuer Freund" führte die Gebirgsjäger an

So auch zum Beispiel in Golling, wo viele über Roßfeld, Purtschellerhaus oder die Jochalm nach Deutschland gingen, um Beschäftigung zu finden. Denn auch die Tourismusgemeinde Golling tat sich schwer: In den 1920ern war der Fremdenverkehr stark aufgeblüht, es gab sogar eigene Sonderzüge aus Berlin - mit Hitlers 1000-Mark-Sperre im Juni 1933 (deutsche Urlauber mussten an der österreichischen Grenze 1000 Mark bezahlen) kam der Besucherstrom aber zum Erliegen.

So ist es wenig verwunderlich, dass die deutschen Gebirgsjäger von vielen "Heil Hitler"-Rufen und gereckten Armen empfangen wurden, als sie zu Mittag des 12. März über die Dürrnbergstraße und den Oberen Markt einmarschierten. Angeführt wurden sie von Oberst Eduard Dietl - der Bayer war ein Veteran des 1. Weltkriegs, Nationalsozialist der ersten Stunde und später hochdekorierter Infanteriegeneral. Hitler bezeichnete ihn 1944 in seiner Grabrede als "teuren und treuen Freund" (Dietl starb 1944 bei einem Flugzeugabsturz in der Steiermark).

Nur 35 im ganzen Bezirk stimmten gegen den Anschluss

Das Wahlergebnis der Volksabstimmung am 10. April 1938 spiegelt einerseits diese Situation wider, andererseits natürlich aber auch die zwanghaften Bedingungen der Abstimmung, die nicht mit heutigen Wahlen zu vergleichen war: 13.507 Wahlberechtigte im Tennengau stimmten nachträglich für den Anschluss, ganze 35 dagegen (davon 19 in Hallein). Am Dürrnberg, in Golling, Kuchl, St. Koloman und Scheffau gab es überhaupt keine "Nein"-Stimmen. Und einige Hoffnungen auf Verbesserung der allgemeinen Situation erfüllten sich tatsächlich - in Hallein zum Beispiel siedelten die Nazis die Bewohner der bisherigen Elendsquartiere in die neu errichteten "Volkswohnungsbauten" um (am heutigen Neumayr-Platz, Anm.).

Schnell werden Juden enteignet und die erste Amtsträger ausgetauscht

Dass mit den neuen Herren aber auch ein ganz anderer Wind wehte, zeigte sich schnell: Noch am selben Tag muss Bezirkshauptmann Rudolf Dworzak Ständestaat-Parolen wegputzen - in der Zwischenkriegszeit hatte der strenge Christlich-Soziale selbst Putztrupps aus Mitgliedern verbotener Parteien zusammengestellt. Einen Tag später wird der Kommandant des Adneter Gendarmeriepostens verhaftet, später kommt er ins Anhaltelager Dachau. In Hallein wird eine Woche nach dem Anschluss das jüdische Kaufhaus Kral arisiert, in zahlreichen Gemeinden werden rasch die Bürgermeister und andere Amtsträger - bis hin zum Feuerwehrkommandanten - gegen Parteigenossen ausgetauscht. In den folgenden Jahren entsteht auch eine SS-Kaserne auf dem Gelände der Papierfabrik und im Wiestal ein Außenlager des KZ Dachau.

Gut sieben Jahre später marschieren dann wieder Soldaten die Dürrnbergstraße hinunter: Anfang Mai beendet der Einmarsch französischer Truppen den Zweiten Weltkrieg in Hallein. Bejubelt werden sie diesmal allerdings nicht - zu groß ist die Unsicherheit und die Angst der Halleiner Bevölkerung, wie sich die alliierten Soldaten ihnen gegenüber verhalten werden.

Aufgerufen am 21.09.2018 um 01:43 auf https://www.sn.at/salzburg/chronik/anschluss-1938-hitlers-lieblingssoldat-kam-ueber-den-duerrnberg-25384180

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