Chronik

Aufatmen nach dramatischen Stunden in Mittersill: "Unsere Dämme haben gehalten"

Das Hochwasser hat die Schutzeinrichtungen im Oberpinzgau an den Rand der Belastbarkeit gebracht - doch die Dämme haben gehalten. Die Pegel gehen zurück. Aber eine Straßensperre bereitet nun Probleme.

Sonntagmittag ließ der Regen in dem vom Hochwasser schwer betroffenen Pinzgau ein wenig nach. Dennoch gab es für die Helfer, die seit vielen Stunden im Einsatz waren, keine Entwarnung. Denn die Salzach hatte in der Nacht auf Sonntag in Mittersill mit 5,90 Metern einen neuen Höchststand erreicht. "Und auch wenn der Pegel nun um zehn Zentimeter auf 5,80 Meter gesunken ist, bleibt die Gefahr groß", sagte der Pinzgauer Bezirkshauptmann Bernhard Gratz am Sonntagnachmittag.

"Denn da sind noch die Achen im Krimmler Tal sowie im Obersulzbachtal. Wir wissen nicht, was von dort in der Nacht auf Montag noch kommen wird."

Das Problem: Das System des Hochwasserschutzes in Mittersill beruht auf ausgedehnten Retentionsbecken, die durch sieben Meter hohe Dämme gesichert sind. Hinter diesen Dämmen war das Wasser zwischenzeitlich bereits auf die kritischen sieben Meter gestiegen, gemessen vom Nullpunkt am Grund der Salzach. Um 18.30 Uhr lag der Wasserstand bei 6,80 Metern.

In der Nacht auf Montag ließen die Regenfälle schließlich nach, langsam sanken auch die Pegelstände der Salzach. Hörbar abgekämpft, aber erleichtert sagte der Mittersiller Bürgermeister Wolfgang Viertler am Montag kurz vor 6.30 Uhr den SN: "Die Dämme haben gehalten, die Lage ist entspannt."

Die in den vergangenen Jahren errichteten Hochwasserschutz-Einrichtungen seien dennoch an die Grenzen der Belastbarkeit gelangt. Viertler: "Die Gemeinde Mittersill hat sich einen ganzen Tag im roten Bereich befunden. Die Schutzsysteme fahren nach wie vor auf 100 Prozent. Die Rückhaltebecken sind randvoll."

Dabei seien die Schutzanlagen ohnedies auf große Wassermengen ausgelegt worden - "aber schön langsam nähern wir uns einem 200-jährlichen Hochwasser an", sagte Viertler wenige Stunden zuvor.

Bundesstraße nicht passierbar

Bis auf Weiteres ist übrigens die Gerlos-Bundesstraße (B165) zwischen Mittersill und Hollersbach nicht passierbar. Diese Straße führt nämlich durch jenes Retentionsbecken im Westen der Gemeinde Mittersill, das durch das Hochwasser aufgefüllt worden ist.

Um die Notversorgung für den oberen Oberpinzgau (Hollersbach bis Krimml) aufrecht zu erhalten, wurde eine Umleitungsstrecke über einen Güterweg mit wechselweisen Anhaltungen über Hollersbach-Grubing und der Pass-Thurn-Straße (B 161) eingerichtet. Die Polizei teilte mit: "Mit erheblichen Wartezeiten ist zu rechnen. Es wird ersucht, auf nicht unbedingt erforderliche Fahrten in diesem Bereich zu verzichten!"

Noch ist nicht abschätzbar, wann die Wassermassen abgeflossen sind - und welche Schäden danach erst sichtbar werden. Das betreffe nicht nur die Betriebe im überfluteten Gewerbegebiet, sondern auch die Hochwasserdämme, sagte Viertler. "In den kommenden Tagen muss man sich das alles ganz genau anschauen."

Hunderte Helfer im Einsatz

Hunderte Helfer waren seit unzähligen Stunden im Dauereinsatz, Freiwillige kamen scharenweise zum Sandsackfüllen. "Das sind einfach nur Helden", sagte Viertler. "Und du hast in dieser Lage nur eine Chance mit so einer Feuerwehr. Nicht nur mit jener aus Mittersill, sondern auch mit der Unterstützung aus anderen Gemeinden. Und auch die Solidarität in der Bevölkerung ist enorm."

Hochwasser im Oberpinzgau am 18. Juli 2021: Im Bildhintergrund die Stadtgemeinde Mittersill, links der Ortsteil Rettenbach, rechts der Öltank der TAL (Transalpine Pipeline); in den überfluteten Wiesen stehen Masten der 380-kV-Leitung. SN/lmz
Hochwasser im Oberpinzgau am 18. Juli 2021: Im Bildhintergrund die Stadtgemeinde Mittersill, links der Ortsteil Rettenbach, rechts der Öltank der TAL (Transalpine Pipeline); in den überfluteten Wiesen stehen Masten der 380-kV-Leitung.

Zivilschutzalarm aufgehoben

Der Sonntagabend ausgerufene Zivilschutzalarm ist am späten Montagvormittag wieder aufgehoben worden. Die Bezirkshauptmannschaft teilte dazu mit: "Die Wasserhöhe sowohl in der Salzach als auch in den Retentionsbecken ist ausreichend zurückgegangen. Allerdings sind die Werte immer noch überdurchschnittlich, die Lage wird deshalb weiter genau beobachtet."

Bange Stunden gab es zuvor für die Mittersiller Bevölkerung. Am Sonntag gegen 23 Uhr zeigte sich Fabian Scharler von der freiwilligen Feuerwehr in Mittersill dann "vorsichtig optimistisch", obwohl es neuerlich zu regnen begonnen hatte. Denn die Salzach war zu diesem Zeitpunkt um einen halben Meter auf 5,40 Meter gesunken. Auch bei den Retentionsbecken ging es zumindest ein paar Zentimeter nach unten.

Sollten die Retentionsbecken in Mittersill übervoll werden, können sie das Bett der Salzach nicht mehr entlasten, diese schwillt dann wieder an. Das ist der Grund, warum dann im Gemeindegebiet von Mittersill großflächige Überschwemmungen drohen würden.

Die Hubbrücke in Mittersill wurde in der Nacht auf Sonntag erstmals seit ihrer Errichtung angehoben. Das System garantiert, dass die Salzach kontrolliert unter der Brücke durchfließen kann.

Helfer im Kampf um ihre Gemeinde

Bezirkshauptmann Gratz brach Sonntagnachmittag gemeinsam mit Landesrat Sepp Schwaiger (ÖVP) und Experten zu einem Erkundungsflug mit dem Hubschrauber auf. "Wir schauen uns die Situation bei den Dämmen an, die die Salzach in ihrem Flussbett halten."

Freiwillige Helfer füllten derweil zahlreiche Säcke mit Sand, die die Dämme noch sicherer machen sollen. Die Wasserstände der Salzach sind derart außergewöhnlich, dass man von einem zumindest 50-jährlichen Hochwasser sprechen kann.

Fabian Scharler von der freiwilligen Feuerwehr in Mittersill: "Das Wasser kommt mit zwei Stunden Verspätung von den Seitentälern nach Mittersill. Da kann sich noch einiges tun." Da heiße es, weiter aufmerksam zu sein, egal wie lang man schon im Einsatz sei.

Bangen und hoffen: Mittersills Bürgermeister Wolfgang Viertler.  SN/walter schweinöster
Bangen und hoffen: Mittersills Bürgermeister Wolfgang Viertler.

Bereits seit Samstagabend trat die Salzach im Bereich der Golfplatzstraße und in Rettenbach kontrolliert in die dafür vorgesehenen Retentionsräume in Mittersill über. Straßen im Ortsgebiet wurden gesperrt. Etwa die B168 im Bereich der Salzachbrücke. Gesperrt sind auch die Felbertauernstraße sowie die Salzachuferstraße in Bruck. Wildbachverbauungen und -sperren im Pinzgau sind mit Geröll und Wildholz angefüllt. Sie haben ihre Funktion erfüllt und noch größere Schäden verhindert.

Nach Angaben von Bezirkshauptmann Gratz waren an den am Sonntag gezählten 55 Schadstellen 1513 Einsatzkräfte vor Ort, darunter alle 28 Pinzgauer Feuerwehren. Doch diese mussten sich auch mit Schaulustigen herumärgern. "Leider sind viele Schaulustige unterwegs, die unseren Einsatz erschweren." Menschen würden an die reißenden Flüsse gehen oder zu Überschwemmungsgebieten, um ein Selfie oder Videos zu machen. "Das ist lebensgefährlich und derzeit haben die Kräfte hier wirklich anderes zu tun, als sich um solche Zwischenfälle zu kümmern."

Ein tragischer Zwischenfall ereignete sich in Saalbach-Hinterglemm. Ein Mann sprang in die Saalach und ertrank.

Auch im Pongau kam es zu Zwischenfällen. In Pfarrwerfen musste am Sonntag ein Haus evakuiert werden. Sieben Personen wurden in Sicherheit gebracht.

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