Chronik

"Der Winter bleibt. Er wird aber anders!"

Klimawandelanpassung. Ein Wortungetüm. Doch an ihr führt kein Weg vorbei. Wenn die Skisaison nicht zu schnell zu kurz werden soll.

Das Kitzsteinhorn ist ein „Open-Air-Labor“. Veränderungen, etwa vom Permafrost, werden genau dokumentiert.  SN/sw/kitzsteinhorn
Das Kitzsteinhorn ist ein „Open-Air-Labor“. Veränderungen, etwa vom Permafrost, werden genau dokumentiert.

Das Coronavirus lässt viel Weltbewegendes derzeit als Nebenschauplatz erscheinen. Zum Beispiel: "Wir sind mittendrin im beschleunigten Klimawandel. Die Menschheit ist massiv gefordert, die Emissionen zu drosseln", erinnert Bernhard Niedermoser, Leiter der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik in Salzburg. Er war kürzlich Teil einer Online-Diskussion, die eigentlich mit Publikum in der Zeller Wirtschaftskammer stattfinden hätte sollen. Der Titel: "Klimawandelanpassung in Salzburg - Herausforderungen und Chancen für den Tourismus, Gemeinden und Regionen" (siehe auch Kasten r.).

Günther Brennsteiner, technischer Prokurist der Gletscherbahnen Kaprun, war als Referent dabei. Einleitend erklärte er: "1981 ist unser Gletscher noch einmal massiv gewachsen, seither beobachten wir eine sehr schnelle Abschmelzung. Das hat uns dazu veranlasst, dass wir unsere Positionierung verändern, dass wir uns zum Beispiel 2005/06 vom Ganzjahresskilauf verabschiedet haben." Längst werde bei den Gletscherbahnen jedes Projekt stark unter ökologischen Gesichtspunkten betrachtet. "Wir setzen uns allumfassend damit auseinander, schauen sehr weit nach vorn - nicht nur was Beschneiung betrifft. Es geht allgemein um das Schneemanagement, um Snowfarming- und wasserwirtschaftliche Überlegungen, um technologische Weiterentwicklungen. Ich bin der Überzeugung, dass wir noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft haben, auch nicht, was die Energieeffizienz betrifft." Durch Aufrüstungen bei der Beschneiungstechnologie sei die Effizienz in diesem Bereich in den vergangenen zehn Jahren um ca. 30 Prozent verbessert worden.

Niedermoser ging auf verschiedene Szenarien ein. Er hat oft mit Schneedeckenstudien zu tun, die viele Skigebiete als Planungsgrundlage für Kalkulationen in Auftrag geben. "Der Winter wird so oder so kürzer, er wird uns aber nicht ausgehen. Den Winter wird es auch 2100 noch geben, aber er wird sich deutlich verändern, speziell ab 2050, je nachdem, welches Klimaszenario man erwischt." Man könne schwer verallgemeinern, für einzelne Skigebiete seien Detailstudien nötig. Aber: Es gebe eine gewisse Seehöhe, und die liege meist um die 1700 Meter, oberhalb derer es noch bis 2050, mit natürlichen Schwankungen, einen ähnlichen Winter geben werde wie jetzt. "Wichtig ist aber: Die Problemzonen, die man jetzt schon in einem Skigebiet hat, und das ist bei den meisten der Höhenbereich 1000 bis 1300 Meter, da ist man sehr gefordert mit der technischen Beschneiung. Die Zeitfenster für technische Beschneiung werden kürzer, gehen sich aber bis 2050 für die meisten Skigebiete aus mit jener Technologie, die wir momentan haben."

Wenn es jetzt nicht gelinge, das Klimaszenario RCP2.6 oder 4.5 auf den Weg zu bringen, sondern das düstere Szenario RCP 8.5 eintrete, dann könne es nach 2050 für manche Skigebiete durch einen markanten Temperaturanstieg schon ganz schwierig werden. Niedermosers "Worst Case"-Beispiel aus einer aktuellen ZAMG-Schneedeckenstudie mit einem "Skigebiet auf 900 m im Nordstau": "Die Schneedeckendauer in Tagen reduziert sich bis 2050 um ca. 15 Prozent, da hat man es mit technischem Schnee noch halbwegs im Griff. Aber dann, im Fall des schlimmsten Szenarios, würde das eine Abnahme um 85 Prozent bedeuten. Trotz enormem Aufwand mit technischer Beschneiung würde man es wahrscheinlich nicht schaffen, dass die Schneedecken mehr als 30 Tage anhält." Bei den Szenarien 2.6 oder 4.5 könne der Verlust im genannten Beispiel bis Ende des Jahrhunderts auf 30 Prozent beschränkt werden.

Das Risiko für "wetterbedingte Ausfälle" nehme zu, betonte Niedermoser weiter - "das bedeutet nicht, dass man nicht beschneien kann. Sondern dass es passieren kann, dass es einmal zwei Monate lang keinen Niederschlag gibt." Und für den Katastrophenschutz werde es künftig insofern schwierig, weil es neuartige Erscheinungen geben werde, mit denen man noch wenig Erfahrung habe. "Was wir letztes Jahr Mitte November gehabt haben: Dass es zu dieser Zeit auf 2400 Meter hinauf geschüttet hat, mit Niederschlagsraten, die man nur aus dem Sommer kennt. Es ist immer schwierig, Einzelereignisse zuzuordnen, aber da sagt man schon als Meteorologe: Irgendwas stimmt da nicht mehr."

Das Kitzsteinhorn wird so schnell keine Schneeprobleme bekommen. Veränderungen der Umwelt werden aber genauestens dokumentiert. Zum Beispiel im Zuge des Projekts "Open Air Lab Kitzsteinhorn" - "ein Monitoring-System, das wir über unser gesamtes Bergmassiv gelegt haben, mit über 100 Messpunkten", sagt Brennsteiner. Permafrost-Veränderungen würden aufgezeichnet, wichtige Entscheidungen könnten rechtzeitig getroffen werden. Stichwort: "Stabilisierung von Felsmobilisierungen." "Zum Beispiel haben wir bei der Gipfelstation zusätzliche Verankerungen gemacht, um die Stabilität für die Zukunft sicherzustellen." Außerdem läuft am Kitzsteinhorn das Projekt "Clean Energy for Tourism", kurz CE4T.

Klima | Wandel | Anpassung

Beteiligte Partner der Dialogveranstaltung "Klimawandelanpassung in Salzburg - Herausforderungen und Chancen für den Tourismus, Gemeinden und Regionen": die Landesregierung unter dem Programm "Salzburg2050", die Klima- und Energie- Modellregionen Nachhaltiges Saalachtal und Oberpinzgau Energiereich, die Wirtschaftskammer Salzburg, der Klima- und Energiefonds, das Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie sowie die Umweltbundesamt GmbH.

Rund 50 Personen waren online über Microsoft Teams dabei.

Es referierten: Bernhard Niedermoser (ZAMG), Günther Brennsteiner (Gletscherbahnen Kaprun), Rainer Braunstingl (Landesgeologe), Peter Waltl (Land Salzburg), Gernot Wörther (Klima- und Energiefonds).

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Aufgerufen am 27.11.2020 um 11:07 auf https://www.sn.at/salzburg/chronik/der-winter-bleibt-er-wird-aber-anders-95798755

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