Chronik

"Stoppt alle weiteren Verluste an Bausubstanz"

Stadtforscher Norbert Mayr kritisiert im Interview mit den "Stadt Nachrichten" die aggressive Tabula-rasa-Praxis außerhalb des Altstadtkerns.

Der Planungsausschuss der Stadt Salzburg beschäftigt sich seit Jänner mit der von Andreas Schmidbaur, Leiter der Raumplanungsabteilung, beauftragten Terra-Cognita-Studie (2016). Diese will über 300 Gebäude aus dem Erhaltungsgebot entlassen. Das sind mehr als ein Viertel aller erhaltenswerten Gebäude und weckt große Bedenken bei Architekturhistoriker und Stadtforscher Norbert Mayr von der Initiative UmBauKultur.

Redaktion:
Redaktion:
Redaktion: Sie sagen, das generiert ges(ch)ichtslose Neubebauungen bei Verlust der einstigen Vororte und gewachsenen Ensembles. Wo machen Sie das fest?
Mayr: Die Turnhalle in der Riedenburgkaserne von 1926 hätte als öffentlich nutzbarer Raum gut und sinnvoll in ein Quartier eingebunden werden können, auch das wertvolle Schulensemble in Gnigl (Volksschule und Lehrerhäuser von Architekt Paul Geppert d.Ä., 1929). Das Silogebäude der Rauchmühle sollte ebenfalls abgerissen werden, unsere Initiative UmBauKultur konnte das in letzter Minute verhindern. Leider ist das Bewusstsein für identitätsstiftende Bausubstanz in den politischen Gremien oft zu bescheiden ausgeprägt.

Warum regt Sie allein die Kenntnisnahme dieser Studie durch die Politik auf?
Weil sie so im Hintergrund existent bleibt und den Ausverkauf an Baukultur außerhalb des Altstadtschutzgebietes verstärkt. Der ist heute schon dramatisch.

Was ist an dieser Terra-Cognita-Studie so schlecht?
Sie ist wissenschaftlich äußerst fragwürdig, eine reine Ausmist-Aktion.

Was braucht es stattdessen?
Eine Neubewertung des Gebäudebestandes ist nach 30 Jahren legitim und auch wissenschaftlich sinnvoll. Mit einer fachlich fundierten Studie aus 2012 gibt es bereits ein sinnvolles Strategiepapier: Das hat exemplarisch im Teilgebiet Neu-Maxglan eine Methode entwickelt, die den Schutz erhaltenswerter Bausubstanz im städtebaulichen Kontext mit Augenmerk auf Orts-, Straßen- und Landschaftsbild verknüpft. Diese Studie ist gut auf das gesamte Stadtgebiet ausdehnbar.

Mit welchem Ergebnis?
Sie kann zum Ergebnis kommen, das Erhaltungsgebot für einzelne Gebäude aufzuheben, gleichzeitig werden im Gegensatz zur Studie von 2016 Gebäude aus der jüngeren Vergangenheit (1945 bis 1983) berücksichtigt, wie es die Stadt im aktuellen Räumlichen Entwicklungskonzept (REK) 2007 sich selbst auferlegt hat. Baukultur ist eine gemeinschaftlich zu erbringende gesellschaftliche Leistung, natürliche und gebaute Umwelt, die als lebenswert wahrgenommen werden sollte, wiederherzustellen, zu erhalten, zu verändern. Es geht um die Überlieferung von kulturellen Leistungen und Identitäten, die jeden von Salzburgs Stadtteilen so einzigartig machen.



Aufgerufen am 29.09.2020 um 08:24 auf https://www.sn.at/salzburg/chronik/stoppt-alle-weiteren-verluste-an-bausubstanz-24862057

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