Kultur

Eine Krippe geleitet durch den Advent

Kaum eine Krippe ist so reich und liturgisch passend bestückt wie jene in der Salzburger Michaelskirche.

"Das Kindl jetzt nicht!" So entschieden antwortet Frater Jakob auf die Frage, welche Figuren er zu Beginn des Advents in die Krippe stelle. Seit vor drei Jahren sein benediktinischer Mitbruder Pater Virgil als Pfarrprovisor nach Abtenau übersiedelt ist, hat Frater Jakob die Verantwortung über eine Lade voller Schaferln, gut zwei Dutzend Hirten, musizierende, fliegende und verkündende Engel sowie viele Hauptpersonen des biblischen Geschehens und zahlreiche Statisten - seien es Goaßmelker, Marktfrauen, Pilger oder Mönche. Wer von ihnen grad nicht dran ist, ruht in einer Kommode unter dem Schaukasten. Dessen offene Seite wird zu einem Fenster hingedreht, durch das man aus dem Vorraum der Michaelskirche auf die Szenen schauen kann.

Die Hinterbühne der Krippe schließt an die Sakristei an; beide ergeben eine schmale Raumflucht zwischen Kirche und Straßenfassade - groß genug für einen weiteren Schrank, in dem sogar der Untersberg, eine Anhöhe des Kapuzinerbergs, die Margarethenkapelle und der Dom lagern. Mit ihnen wird später - in Richtung Fastenzeit - das Bühnenbild verändert.

Von Allerheiligen bis Ostern inszeniert Frater Jakob im Eingangsraum der Michaelskirche am Residenzplatz viele Begebenheiten der Heilsgeschichte. Weil es keine kanonisierte Aufstellung gibt, sondern jeder Zuständige eigenes theologisches Wissen und szenisches Gespür ausspielen darf, hat Frater Jakob zunächst einige Szenen mit Pater Virgil quasi geprobt und dessen Erklärungen und Anregungen auf Spickzetteln notiert - nur Stichworte, und doch sind's über drei A-4-Seiten.

Die erste Szene für Christkönig, der Friedhofsgang um die Margarethenkapelle, ist schon abgebaut. Bis 8. Dezember ist jetzt die Verkündigung zu sehen. Dieser folgt in zweiter und dritter Adventwoche die Heimsuchung. Nach der Herbergsuche in der vierten Adventwoche werde er erst am Nachmittag des 24. Dezember das Christkind in den Stall legen. Da wird rundum ein wunderbares Getummel an Hirten und Engeln auftreten.

Wie es sich für ebenso kluges wie frommes Arrangement einer Krippe gehört, wird hier das, was Evangelisten aus Nazareth und Bethlehem berichtet haben, in die hiesige Umgebung gestellt, hier ist es der Friedhof von St. Peter - ein zugleich zentral wie abseits liegender Ort. So werde das Geschehen des Evangeliums "in unsere Lebenswirklichkeit geholt", sagt Frater Jakob.

Links hinten überbringt der Engel die Botschaft, Maria werde Gottes Sohn zur Welt bringen, was Frater Jakob mit dezentem Licht wirkungsvoll als Hauptszene hervorhebt. Davor spielt sich ein hurtiger Alltag ab: Josef ist derart mit dem Sägen beschäftigt, dass er vom Wunder hinter seinem Rücken nichts merkt. Vor ihm sitzt ein Goaßmelker mitten in seiner Ziegenherde.

Rechts hinten, im Chiemgauer oder Flachgauer Bauernhaus, kommen Mutter und Kinder auf Besuch und werden freudig begrüßt. Davor verhandelt eine Frau mit einem Maronibrater. Allein die Gewänder der Frauen: Schulter- wie Halstücher passen akkurat zu Rock- oder Schürzensäumen! Der störrische Esel links vorn könnte bald die Ungeduld seines Hirten spüren, der zum Ruck an der Leine ansetzt, nachdem er im Gwirks sogar seinen Hut verloren hat. Den Esel habe er da hingestellt, damit etwas "aus dem Bild hinausführt", schildert Frater Jakob.

Diese federleichten Holzfiguren mit lebensechten Gesten, markanten Blicken und feinen Details in der seit den 1950er-Jahren hier aufgestellten Krippe hat Josef Klampfer aus Schleedorf geschnitzt. Pius Hochreiter aus Schmidham bei Traunstein, der vier Jahrzehnte Pförtner von Stift St. Peter war, hat den Krippenberg gebaut: die Felswand mit Grüften und Katakomben, links oben die Festung und rechts die Stiftskirche so, dass die romanische Apsis ins Auge springt. Dass der bereits mit Stroh belegte Stall von Bethlehem, der noch im Kasten verwahrt ist, mit 1930 signiert ist, lässt erahnen, wie viele Jahre Josef Klampfer und Bruder Pius an dieser Krippe getüftelt haben.

Eine Figur ist leicht zu übersehen. Sie steht mittendrin, rundum allein, noch ein Kind und nicht einmal daumengroß: Johannes der Täufer. Dies sei jener Bote, der dem Propheten Jesaja zufolge dem Messias vorausgehe, sagt Frater Jakob. Johannes sei folglich der letzte in der Reihe der Propheten. Schon Pater Virgil habe diese Figur immer in die Mitte der ersten Adventszene gestellt. Heuer passe das besonders gut: Im beginnenden Lesejahr B seien die beiden Evangelien von zweitem und drittem Adventsonntag über Johannes den Täufer.

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Aufgerufen am 20.01.2021 um 07:16 auf https://www.sn.at/salzburg/kultur/eine-krippe-geleitet-durch-den-advent-96147973

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