Kultur

Licht und Schatten über Salzburger Festspielen

Sind die Salzburger Festspiele als Friedenswerk gegründet? Ein Symposium ergründet die Gemengelage aus Wahrheit und Erfindung.

Licht und Schatten über Salzburger Festspielen SN/APA/BARBARA GINDL
Rückblicke, Ausblicke: Die Gründungszeit, aber auch die Zukunft der Salzburger Festspiele stehen im Zentrum eines Symposioums.


Mit dem Ideal, die Salzburger Festspiele seien als ein hehres Friedenswerk im und gegen den Ersten Weltkrieg gegründet, räumt der Literaturwissenschafter Norbert Christian Wolf auf. Sie seien vor allem von Hugo von Hofmannsthal aus einem "dezidierten Österreich-Patriotismus" zur Rettung der Habsburger-Monarchie konzipiert worden.

Wolf untermauert dies zweifach: Erstens zitiert er aus einer Schrift Hofmannsthals aus 1918, in dem dieser die Salzburger Festspiele als "Triumphpforte der österreichischen Kunst" bezeichnet. Und Hofmannsthal stellt als Forderung auf: "Zu diesem Friedenswerk, das wie kein anderes dem Prestige der Monarchie dienen könnte, müsste jetzt und heute gerüstet werden." Vokabel wie "rüsten" und "Triumphpforte" sind erstaunlich martialisch. "Das klingt nicht wie eine Friedensbotschaft", stellte Wolf am Freitag im Symposium "Festspiele der Zukunft" in Salzburg fest.

Die zweite Entzauberung des Friedenswerks führt Wolf über die Festspielidee Richard Wagners. Dieser habe in und über Bayreuth einen "die Deutschen über alle Staaten hinweg verbindenden Geist" verbreiten wollen. Und vor allem Hermann Bahr sei dafür eingetreten, dem "notorischen Österreich-Hass" Richard Wagners etwas entgegenzusetzen: einen Österreich-Mythos in Salzburg.

Norbert Christian Wolf warnt davor, schöne Sätze aus programmatischen Schriften aus der Gründungszeit der Salzburger Festspiele aus dem Zusammenhang zu reißen. Die Vordenker der Salzburger Festspiele - wie Hermann Bahr, Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal - hätten Argumente wie Friedensprojekt, Mozart-Verehrung oder Tourismusförderung oft nur vorgeschoben, um bei staatlichen Stellen und der Bevölkerung Zustimmung für die Festspielgründung zu erwirken.

Wie lässt sich diese - wie Johannes Honsig-Erlenburg, Präsident der Stiftung Mozarteum, es nannte - sonderbare "Gemengelage aus Wahrheit und Erfindung" rund um die Gründung der Salzburger Festspiele auseinanderdividieren? Warum gelang es nicht, die seit Jahrzehnten in Salzburg ersehnten, idealen, reinen Mozartfestspiele umzusetzen? "Die vier Jahre apokalyptischer Weltkrieg und das Ringen um österreichische Identität waren die wirklichen Geburtshelfer" der Salzburger Festspiele, sagte Honsig. Nur wenn es gelinge, diesen Gründungsmythos zu verstehen, könne daraus eine heutige Mission abgeleitet werden.

Solche Fragen über Gründung und Mission werden bei dem zweitägigen, von Universitätsprofessor Michael Fischer organisierten Symposium bis Samstag ebenso gestellt wie jene über aktuelle Programmatik, Publikum und Visionen.

Welche Fragen stellen sich heutzutage, im europäischen Kontext? Landeshauptmann Wilfried Haslauer (ÖVP) zitierte Max Reinhardt: Von Salzburg aus sei es möglich, "die zerrissenen Fäden der europäischen Kulturgemeinschaft wieder anzuknüpfen". In diesem Sinne seien die Salzburger Festspiele "die rechte, weil emotionale Gehirnhälfte Europas", sagte Haslauer.

Hingegen warnte EU-Kommissar Johannes Hahn: Der Nationalismus in Europa sei nicht durch einen europäischen Übernationalismus zu überwinden. Zwar könnten mit Kunst und Kultur Grenzen überwunden werden, sagte Johannes Hahn. Doch: "Stärke und Charme Europas besteht in Buntheit und Vielfalt."

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