Kultur

"Lob des Schattens": Ein Klangraum wird Lichtraum

Wenn Sie heute, Dienstag, abend noch nichts vorhaben, besuchen Sie um 19 Uhr das Große Studio des Mozarteums. Sie erleben - leider nur noch heute - eine der suggestivsten Musiktheater-Performances seit langem.

Die ersten Zeilen wären geschafft: kein horror vacui mehr, die Angst, dass sich das leere Blatt nicht füllt. Die japanische Kunst kennt das genaue Gegenteil: den horror pleni, die Angst vor der Fülle. Viel stärker ist der Wunsch nach Konzentration. Die Gedichtform des Haiku ist dafür prototypisch: nur drei Zeilen mit der Silbenfolge 5 - 7- 5. In ihnen kann eine ganze Welt enthalten sein.

Auf sieben Haikus, verteilt auf fünf Figuren (Mönch, Statue, Kaiser, Geisha und Kaiserin), baut die rund 40-minütige Oper "Lob des Schattens" von Oscar Jockel auf. Der ehemalige Regensburger Domspatz ist Organist an der Salzburger Franziskanerkirche und studiert Komposition bei Achim Bornhöft und Dirigieren bei Bruno Weil, Reinhard Goebel und Johannes Kalitzke, also "alte" und "neue" Musik am Mozarteum.

Die Struktur der Oper hört sich einfach an: Über einem elektronischen Grundpuls als fein gewebtem Klangteppich artikulieren fünf Live-Instrumente (vorzüglich: das Ensemble NAMES unter der perfekt souveränen Leitung von Kai Röhrig) subtil gesetzte Klangereignisse, Linien, Tupfer, Farben, in durchwegs ruhiger, minimaler Bewegung. Mit den Phonemen der Singstimmen, die einzeln für Einsamkeiten stehen, sich nach und nach durchdringen und zum "Chor" mischen und sich wieder voneinander entfernen, entsteht eine schon per se musiktheatralisch aufgebaute Klangwelt, die auf den ersten Blick etwas "spacig" wirken mag, insgesamt aber einen bemerkenswert eigenen Sog entwickelt.

Da ist man aber auch längst (mit-)gefangen im und vom Raum, in dem dieses "Lob des Schattens" gesungen und gespielt wird. Conny Zenk, Schülerin unter anderem von Virgil Widrich und Peter Weibel, hat in multimedialer Perspektive über die Breite des Studios Lichtarchitekturen von faszinierender Wirkung gelegt. Aus dem Nebeldunst steigen plane oder wie Schneisen angelegte
(Spiel-)Flächen, die unmerklich kippen, Schatten erzeugen, es öffnen sich Bahnen, Wege, Gänge, auf denen die Sänger-Darsteller mit Lichtkugeln noch individuelle Akzente setzen. Der Lichtraum trägt den Klangraum, in dem langsamste, aber fein intensivierte Bewegung herrscht, der als Regisseurin die Musiktheater-Professorin Karoline Gruber (zuletzt erfolgreich an der Wiener Staatsoper mit Prokofieffs Oper "Der Spieler") strenge, formale Richtung und Kontur gibt.

Mehr Gestaltungsraum öffnet sich in den der Uraufführung vorgeschalteten 21 "Gedichtliedern" des "Mondsüchtigen Pierrot" (Pierrot lunaire) von Arnold Schönberg, die szenisch durch sieben Sängerinnen und Sänger zu einer Geschichte des Künstler-Seins aufgelöst werden. Die Kunst, eine konkrete Erzählung zu finden, ohne den von Schönberg geforderten, besonders durch den Sprechgesang-Vortrag hervorgehobenen "Abstraktionsgehalt" mutwillig oder willkürlich zu unterlaufen, öffnet sich hier wie eine schöne, poetische Blume. Auch das: hochintelligentes und sinnliches "zeitgenössisches" Musiktheater, wie man es auch an größeren und großen Häusern selten in solcher Intensität erlebt.

Bleibt nur die Frage: Warum hat die Kunstuniversität Mozarteum nur zwei Aufführungen angesetzt? Das ist, mit Verlaub, Verschwendung von Qualität. Also, liebes Publikum: entweder heute (um 19 Uhr) oder leider nicht mehr.

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