Kultur

Salzburger Festung: Aufregende Funde erzählen von der Macht

Archäologen finden im Burghof von Hohensalzburg faszinierende Zeugnisse von einstiger Macht und Herrlichkeit.

Besucher auf der Salzburger Festung werden derzeit von gelben Schildern begrüßt, auf denen rote Lettern warnen: "Achtung Sprengarbeiten!" - "Lebensgefahr!" Tatsächlich tritt im Burghof immer wieder ein Herold in Bauarbeiter gewand auf und bläst in ein kreischendes Signalhorn. Wenig später ist ein dumpfes Geräusch zu vernehmen - als ob es im Gedärm des Berges rumorte.

Keine Sorge! Der Festungsberg bleibt. Nur im westlichen Burghof, beim Eingang zum Hohen Stock, wird ein Stück Felsen gesprengt, um zweierlei Raum zu schaffen: einerseits eine Remise für Geräte wie Traktoren, Schneefräsen und Kehrmaschinen sowie für eine Kalk grube, andrerseits ein Löschwasser-Reservoir. Warum ein Wasserbehälter? Genügt nicht die Zisterne aus dem 16. Jahrhundert, die Regenwasser speist, das über ein ausgeklügeltes System von Dächern und Rinnen gesammelt wird?

Mit der im Auftrag von Matthäus Lang im östlichen Burghof errichteten Zisterne sei nicht jene Wassermenge jederzeit zu garantieren, die für heutigen Brandschutz vorgeschrieben sei, sagt Max Brunner, Geschäftsführung der Salzburger Burgen & Schlösser. Das neue Reservoir werde erforderlich, weil nächstes Jahr auf der anderen Seite der Festung, bei der Stadtterrasse nahe der Bahn, für den behindertengerechten Zugang ein Lift gebaut werde. Damit gehe der dort für die einstige "Tröpferlbahn" geschaffene Behälter verloren.

Festung Hohensalzburg: Die Archäologen rückten an

Bevor der bis Anfang 2018 dauernde Neubau der beiden unter irdischen Räume beginnen wird, sind die Archäologen angerückt. Wilfried Kovacsovics vom Salzburg Museum und Peter Höglinger vom Bundesdenkmalamt werden von den hier in den vorigen vier Wochen - gemeinsam mit Ulli Hampel und Antonio Tadic - ausgebuddelten Mauern und Fundstücken in offensichtliches Entzücken versetzt.

Die Mauerreste bezeugen, wie überraschend dicht der Burghof einst bebaut gewesen ist, bevor Leonhard von Keutschach 1498 zum Umbau der Festung zur schlossartigen Residenz angehoben hat. Die im Mittelalter genutzten Neben gebäude könnten unter Eberhard II. begonnen worden sein, erläutert Wilfried Kovacsovics. Dieser von 1200 bis 1246 regierende Erz bischof habe im Land Salzburg mehrere Burgen gebaut - wie jene in Friesach und in Werfen.

Zum einen wurden so die Transportwege kontrolliert, um Mauten wie Zölle zu kassieren. Zum anderen standen die Burgen so dicht, dass sie Richtung Golling sowie über Flachgau und Rupertiwinkel hinaus in Sichtverbindung waren. So konnten etwa Botschaften rasanter als von reitenden Boten übermittelt werden. Von einigen Burgen seien nur Ruinen übrig, einige seien überhaupt verschwunden, sagt Wilfried Kovacsovics.

Archäologe Antonio Tadic SN/Copyright by: FRANZ NEUMAYR Pres
Archäologe Antonio Tadic

Die Burg wurde zur Stadt

Auf der Salzburger Festung sei der Nutzen für die nun gefundenen Gemäuer nicht mehr im Einzelnen festzustellen, doch bestätige sich hier: "Im Mittelalter war eine Burg wie eine Stadt eingerichtet", es habe alle Gewerbe - sei's Tischler oder Schlosser - gegeben, zudem Diener und Wachen. Sie alle hätten hier "nicht nur gearbeitet, sondern auch gewohnt", freilich gesondert von den Gemächern des Landesherrn. Hinzu kamen Zeughaus, Getreidespeicher und Speisehaus.

Am spektakulärsten ist die nun entdeckte Mauer auf der Nordseite des Grabungslochs: Sie markiert den Umriss der Burgkirche, die die Erzbischöfe Gebhard und Konrad I. Ende des 11. und Anfang des 12. Jahrhunderts haben errichten lassen. Deren Hauptraum ist 1994 ausgegraben worden und kann im üblichen Rundgang besichtigt werden. Nun ist auch der Ostchor entdeckt. Das heißt: "Die Größe der Kirche ist jetzt gefasst", sagt Wilfried Kovacsovics. "Zur Breite haben wir auch die Länge." Und es ist klar geworden: Diese romanische Kirche hatte keine Apsis, sondern einen Rechteck-Chor - ähnlich der etwa gleich alten Herzogs kapelle in Pürgg in der Steiermark.

Allein die Größe der Kirche - laut Volksmund "alte Georgskapelle", doch ist ungewiss, wem sie geweiht war - sowie die 1994 darin freigelegten Fresken und der Stuck machen deutlich, dass ein Erzbischof wie Konrad I. die Festung nicht allein als autarken Rückzugsort im Verteidigungsfall gebraucht hat. "Er will Macht nicht nur mit Politik, sondern auch mit Architektur demonstrieren", so Wilfried Kovacsovics. Konrad I. habe den "romanischen Palas" auch zur Repräsenta tion und für offizielle Feste benutzt. Und die Kirche an der Nordseite sei von unten aus weithin als "Zeichen der Macht" sichtbar gewesen.

Die Archäologen haben hier, wo bald der Fels herauslugt, noch tiefer in der Geschichte geschürft. "Da: eine keltische Kleinsilbermünze", sagt Peter Höglinger und präsentiert auf seinem Handteller ein knapp fingernagelgroßes graues Metall. Der strategisch ideale Festungsberg - mit guter Fernsicht und sicher vor Überschwemmungen - sei also uraltes Siedlungsgebiet.

Einer der größten Bauherrn Salzburgs

Auch aus der römischen Antike haben die Archäologen etwas aus der Erde geborgen: eine Münze aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. und eine noch ältere Fibel (um Christi Geburt). Zu der stellt Peter Höglinger fest: Ein so alter Gewandverschluss sei in Salzburg sehr, sehr selten.

Wilfried Kovacsovics hat seinen - gemessen an der Breite seines Lächelns - liebsten Fund am Montag dieser Woche aus einer flachen Erdschicht gefischt. "Sehen Sie: Glatte Oberfläche! Das ist ein Dachziegel." Ein Wandziegel wäre beidseitig rau.

Ihn begeistert der Stempel "AL". Das stehe für "Auxiliares Lauria censes", also für Hilfstruppen aus Lorch (lateinisch: Lauriacum) bei Enns. Dort waren die Ziegeleien der Provinz Noricum. Ein ähnliches Stück ist schon 1994 ausgegraben worden. "Jetzt verdichtet sich das Bild", sagt Peter Höglinger.

Dies bestätigt: Lange vor dem offiziellen Baubeginn der Festung im Jahr 1077 gab es an dieser exponierten Stelle einen spätantiken Wachturm, dessen Bau der 369 bis 375 in Rom regierende Kaiser Valentinian I. angeordnet hatte, um die Nordgrenze des Römischen Reichs zu sichern. Peter Höglinger zufolge dürfte bis zum 4. oder zum 5. Jahrhundert auf dem Festungsberg eine "kleine befestigte Anlage" gewesen sein. Nicht nachzuweisen, doch denkbar wäre auch eine antike Kultstätte, vielleicht gar ein Tempel.

Die nächsten Funde setzen im 11. Jahrhundert ein. Aus den nun freigelegten mittelalterlichen Mauerresten, die mit Fotos, Zeichnungen und Materialproben exakt dokumentiert werden, bevor einige der neuen Remise und dem Löschwasser-Reservoir weichen, lässt sich noch etwas folgern: die famose Tatkraft Leonhard von Keutschachs.

Der ließ diese Wirtschaftsgebäude rigoros abreißen und im so frei gewordenen Burghof weiße Pfaue spazieren. Er umringte den prachtvoll ausgebauten Hohen Stock mit einer Wehrmauer, und er ließ dafür wie für den davor gelegten Burggraben kurzerhand die reich dekorierte romanische Kirche abtragen. Die ersetzte er ein paar Schritte weiter mit der heutigen Georgskapelle.

Das immense Selbstbewusstsein des Keutschachers, einer der größten Bauherrn Salzburgs, bezeugen die fast frivole, weil in Form eines Altars angefertigte marmorne Gruppe an der Kirchwand aus 1515 sowie 55 Wappen mit der Rübe, die rundum Tore und Fassaden zieren.

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