Kultur

Universität Mozarteum spielt Theater: Zehn Stimmen lassen sich schwer entschlüsseln

Ein kühner, spröder Theatertext dient als Vorlage für die Abschlussproduktion des Schauspieljahrgangs 2016 am Mozarteum.

Ein tollkühnes Unterfangen: Die Absolventinnen und Absolventen des Schauspieljahrgangs 2016, die nun ihre Ausbildung an der Schauspielabteilung der Kunstuniversität Mozarteum beenden, packen sich einen extremen, komplizierten Text. Fünf Damen und fünf Herren stürzen sich unter der Leitung von Mareike Mikat im Theater im Kunstquartier wagemutig auf Enis Macis im Wiener Schauspielhaus uraufgeführtes Stück "Mitwisser", in dem die erst 26-jährige, aber schon viel beachtete Autorin ein ganzes Bündel an Fäden zur Entwirrung freigibt.
Drei Geschichten lassen sich herauspräparieren, nach den Orten ihrer Handlung genau vermessen nach exaktem Längen- und Breitengrad: In Port St. Lucie in Florida bringt ein Jugendlicher zu Hause seine Eltern bestialisch um und bittet danach die Freunde zur ultimativen Party. Sein "Mitwisser" ist ein Kommilitone, der ihn zur Tat angestiftet hat. In Koruyaka Köyö, Yalvac, Isparta in der Türkei wird Nevil Yildirim von einem Verwandten missbraucht. Sie nimmt das Gesetz der Rache in die eigene Hand, tötet ihren Peiniger, schneidet ihm den Kopf ab und wirft diesen der Dorfgemeinschaft - wohl alle "Mitwisser" - vor die Füße. Im deutschen Dinslaken-Lohberg radikalisiert sich Nils Donath, wird zum IS-Kämpfer und quält und mordet in Syrien viele Opfer. Jetzt steht er zu Hause vor Gericht. Hätte man etwas wissen müssen?
Das ist aber nur die äußere Schicht der Kartografie, die Enis Maci buchstäblich aktuell vernetzt. Denn von den realen Taten erfährt die Welt, das ist: die digitale Öffentlichkeit, und das "ökosystem der mitwisser" nach Art eines antiken Chors kommentiert, analysiert, gewichtet, woran es eigentlich durchaus Mitschuld trägt: als anonyme Macht der Masse.
Verschiedene Theaterformen aus Gestern, Heute und Morgen durchdringen einander, schaffen ein vielstimmiges Gewirr, das nicht leicht entschlüsselbar ist. Immerhin gibt es, im Gegensatz etwa zu den Textflächen Elfriede Jelineks, etliche genauere Rollenzuschreibungen. An ihrer Orientierung aber ist die vornehmlich kollektiv ausgerichtete Salzburger Aufführung wenig(er) interessiert. Der Textkörper wird als Ganzes unter den Spielerinnen und Spielern, allesamt uniform gekleidet, aufgeteilt, polyphon angelegt, straff choreografiert und damit radikal entindividualisiert. Das fördert das Verständnis leider nicht unbedingt, verkünstelt die Vorlage nur noch mehr, bietet dem - wovon man ausgehen muss - unvorbereiteten Publikum kaum Halt. Es scheint, als wollte die Regie niemanden übervorteilen, allen sozusagen gleiche Spielrechte einräumen - was in einer Abschlussproduktion einer Schauspielklasse ja durchaus pädagogischen Sinn macht. Oder ist das auch ein Hinweis darauf, dass dieser Jahrgang ein erstaunlich homogenes Erscheinungsbild abgibt, in dem zwar jeder und jede seine oder ihre Meriten hat, aber niemand zum "Star" berufen scheint? Auch solches wäre ein interessanter Befund. Dem auf gute 80 Minuten konzentrierten Textkonvolut von Enis Maci täten aber klarer geschlagene Schneisen gut. So bleibt er, bei aller spür- und erlebbaren intensiven Anstrengung aller Beteiligten, doch zu sehr unwegsames Gelände.

Theater: "Mitwisser", Theater im Kunstquartier, 11., 12. April, 2., 3. Mai, 20 Uhr.


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