"Ewiges Eis"

Gletscherskigebiete und ihre Existenzgrundlage - was Forscher im Hochgebirge feststellen

Nirgendwo sonst wird der Klimawandel so deutlich und wird er wissenschaftlich so genau untersucht wie auf den Gletschern. Klimaschützend zu handeln gehört für hoch gelegene Skigebiete wie jenes auf dem Kitzsteinhorn zum Betriebsalltag.

Nach dem derzeitigen Stand der Wissenschaft ist davon auszugehen, dass ab Ende dieses Jahrhunderts die österreichischen Alpen faktisch gletscherfrei sein werden. Selbst die perspektivische Einhaltung der globalen Klimaziele (Temperaturanstieg maximal 1,5 Grad) wird keine Umkehr dieser Entwicklung bewirken. Das bestätigt im nachfolgenden SN-Interview der führende Glaziologe des Landes Salzburg, Hans Wiesenegger.

Auch dem Vorstand der Kapruner Gletscherbahnen, Norbert Karlsböck, ist diese Tatsache bewusst. Der einzige seilbahntechnisch erschlossene Gletscher Salzburgs adaptiert seit 1965 aufgrund des Gletscherrückgangs kontinuierlich sein Geschäftsmodell.

Herr Wiesenegger, man liest immer wieder von Erhebungen zum Gletscherbestand bis hin zu einem Gletscher-Tagebuch. Wie werden die Daten eigentlich erhoben? Hans Wiesenegger: Die Massenbilanz vergleicht die jährliche Veränderung mit 1. Oktober. Aber es gibt auch die Zwischenbilanz zum 1. Mai, um dann den Abschmelzprozess im Sommer zu bewerten. Klassisch werden direkte Schneeschächte gegraben. Der bekannte Gletscherforscher Heinz Slupetzky hat mir erzählt, er habe in seiner Forschungstätigkeit Schächte in der Höhe des Eiffelturms ausgehoben. Längst werden Schmelzmuster aber auch - etwa auf dem Stubacher Sonnblick - mit automatischen Kameras beobachtet, Schneehöhen können mit Sonden gemessen werden. Wir arbeiten mit Drohnen und Laserscans, wobei aufgrund der Flächenverhältnisse bestimmte Relationen berechnet werden können.

Ab wann gibt es in Salzburg keine Gletscher mehr? In Kürze wird ein neues Gletscherinventar für Salzburg veröffentlicht. Ich kann noch keine Details verraten, aber es ist beeindruckend. Vom letzten aus dem Jahr 2018 kann ich sagen, dass seit 1969 die Gletscherfläche um 60 Prozent zurückgegangen ist. Man kann davon ausgehen, dass in diesem Jahrhundert alle größeren Gletscher aus Salzburg verschwunden sein werden. Die Hochgebirgslandschaft verändert sich dramatisch. Schon jetzt sehen wir oberhalb von 2500 Metern neue Seen entstehen, riesige Eishöhlen verschwinden, Material wird freigelegt, das bei Starkregen bis ins Tal transportiert wird.

Nimmt das Tempo des Gletscherschwunds zu? In den vergangenen beiden Sommern lief es gut für unsere Gletscher. Es gab Niederschläge in Schneeform, reduzierte Abschmelzung und geringere Temperaturen. Aber trotzdem wuchsen die Gletscher nicht, sondern es reduzierte sich nur das Tempo des Masseverlusts. Seit 1980 haben die Salzburger Gletscher von 100 Millionen Kubikmetern Masse rund 40 Millionen eingebüßt, im Schnitt also eine Million Kubikmeter pro Jahr. Es kann aber auch schneller gehen, wenn ein Teil abreißt und Toteis entsteht. Das konnten wir etwa am Stubacher Sonnblick beobachten, der innerhalb eines Jahres mehrere Hundert Meter verloren hat, weil der Nachschub aus dem Nährgebiet nicht mehr ausreichend war.

Beschleunigen Skifahrer den Gletscherschwund? Unsere Massenbilanzen laufen bewusst nicht auf bewirtschafteten, nur auf naturbelassenen Gletschern. Aber künstliche Vliesabdeckungen und Schneeauflagen zeigen sicher lokal Wirkung. Interessant werden auch die Ergebnisse des Projekts im Engadin sein, wo am Morteratsch-Gletscher ein Quadratkilometer künstlich beschneit wird, um zu sehen, ob er damit stabilisiert werden kann.

Herr Karlsböck, am Kitzsteinhorn wird bereits beschneit, was machen Sie genau? Norbert Karlsböck: 2021 haben wir erstmals die Gletscherfläche am Magnetköpfl auf 2800 Metern beschneit. Wir führen das 2022 bis zur Bergstation Gletscherjet 4 weiter, damit ist der höchste Punkt im Skigebiet erreicht. Wir beschneien konkret den Gletscherrand und die Skipisten in einer Art Beschneiungsring. Das ist ein sehr effektiver Schutz vor weiterer Abschmelzung, weil der Kunstschnee in seiner Konsistenz auch im Sommer mehr Schutz bietet. Die Wissenschaft beobachtet das mit dem Open Air Lab.

Wie passt sich das Skigebiet auf dem Kitzsteinhorn dem Gletscherrückgang an? Seit Ende des 19. Jahrhunderts gehen die Gletscher zurück und seit unser Skigebiet 1965 eröffnete, haben wir einen permanenten Prozess. Damals waren wir ein Sommerskigebiet, anfangs lagen die Revisionszeiten im Winter. Da war es unten kalt und verschneit, da wollte keiner auf den Gletscher. Jetzt haben wir seit zehn Jahren im Sommer kein Skiangebot mehr. Wir wollen die Flächen nicht übermäßig beanspruchen, dafür gelang uns 2010 mit der Gipfelwelt 3000 der Sprung in die neue Ära des ganzjährigen Ausflugstourismus. Auch das wissenschaftlich begleitete Beschneiungssystem ist Teil unseres Anpassungsprozesses. Mit dem Vlies schützen wir teilweise Stützen und Teile des unteren Gletschers. Die neuen Stützen und Stationen für den Gletscherjet 3 und 4 wurden schon auf Fels errichtet. Radarmessungen unter der Eisfläche lassen schon prognostizieren, wo sich der Gletscher wie verändert. In unserem gesamten Skigebiet bewegen wir uns nur mehr zu zehn Prozent auf Gletschereis. Aber die Höhe bleibt als Argument: Das Kitzsteinhorn bietet dadurch am längsten gute Schneebedingungen.

Ist Beschneiung die einzige Maßnahme? Wir errichten auch Schneefangzäune gegen das Abwehen, sammeln wo immer möglich Schnee auf der Gletscherfläche. Die größten Schneehöhen gibt es immer im Frühjahr, da versuchen wir auch strategisch wichtige Mulden mit Schnee zu füllen. Große Schneedepots können den Sommer überdauern und im Herbst verteilt werden.

Ist das für heuer geglückt? Es hat perfekt gepasst. Wir haben Mitte September begonnen, die Schneedepots auszubreiten, im Oktober haben wir unter besten Bedingungen losgelegt. Im Herbst sind wir mittlerweile auch richtiggehendes Tourengeherparadies.

Wie klimafreundlich sind Anreise und Aufenthalt? Die neue Gondelbahn vom Maiskogel auf das Kitz ist eine reine Verbindungsbahn, sie spart 1,5 Millionen Autokilometer ein. Wir beziehen unser Schneiwasser aus den großen Kapruner Speicherseen, im Sommer nutzen wir die Anlage zusätzlich zur Stromerzeugung. Wir können 1,5 Millionen Kilowatt Strom selbst erzeugen oder wiederverwerten. Wir haben einen Hybrid-Pistenbully, unsere Flotte, mit der wir die Mitarbeiter abholen, wird auf Elektro umgerüstet, diesen Winter gibt es erstmals einen E-Skibus.


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