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Dirigent Antonello Manacorda lernt Deutsch mit Mozart: "Mein erstes Wort war ,Vogelfänger'"

Der Italiener Antonello Manacorda ist mit Mozarts Musik groß geworden. Nun dirigiert er erstmals bei den Salzburger Festspielen.

Dirigent Antonello Manacorda. SN/sf/nikolaj lund
Dirigent Antonello Manacorda.

Das Italienische an ihm sind die dunklen Augen und der edle Lederschuh. Ansonsten sei er deutscher als viele Deutsche, sagt der 51-jährige Dirigent Antonello Manacorda vor seinem Debüt.

Sie sind 1970 in Turin geboren, ich habe über Sie gelesen, Sie hätten Deutsch mit Mozarts Oper "Die Zauberflöte" gelernt. Waren also "Zu Hilfe!", "barmherzige Götter" und "Vogelfänger" Ihre ersten Worte? Antonello Manacorda: Ja, mein erstes Wort war ,Vogelfänger'. Als Kind habe ich die Arien gesungen, ohne zu wissen, worum es ging. Mozart war immer präsent.

Woher kommt diese Nähe zu Mozart? Meine Mutter hat die Arien mit mir gesungen. Sie hat Philosophie studiert, als ich ein Kind war, und hat Vorträge über Musik und Oper gehalten. Wir gingen dann in die Mailänder Scala und ich sah die Oper "Le nozze di Figaro" mit Riccardo Muti am Pult. Ich war begeistert. Als ich dann 1997 das Mahler Chamber Orchestra mit Sitz in Berlin gegründet hatte, wusste ich, ich muss Deutsch lernen. Das deutsche Repertoire ist meine Lieblingsmusik, wenn ich sie verstehen will, muss ich die Sprache lernen.

Was fasziniert Sie an deutscher Musik, wo es mit Puccini, Verdi, Rossini große italienische Komponisten gibt? Das lag vor allem an der Kammermusik am Konservatorium, denn ich wollte nie als Solist spielen, sondern immer in der Gruppe. Und bei Kammerkonzerten begegnen einem als Erstes Stücke von Schubert, Haydn, Brahms und eben Mozart. Damit bin ich gewachsen. Dieses Jahr werde ich meine erste Puccini-Oper mit "Madama Butterfly" dirigieren, ich bin gespannt, ob ich das liebe oder hasse.

Sie müssen sich also erst an die italienischen Komponisten herantasten? Ja, ich muss erst wieder Italienisch lernen (lacht). Ich bin deutscher als viele Deutsche, denn ich bin sehr ordentlich, organisiert, also dieses Klischee verkörpere ich schon sehr gut. Meine Mutter ist aus Frankreich, ich bin also zweisprachig groß geworden und empfinde mich immer schon als Europäer.

Sie haben Ihre Laufbahn als Geiger begonnen. Fehlt es Ihnen zu musizieren? Nein, überhaupt nicht. Ich sage immer, ich bin kein Geiger mehr, denn ich spiele seit 16 Jahren nicht mehr. Ich sehe es eher als Befreiung an. Ich habe damals durch Zufall Geige gelernt, aber ich empfand es immer als Beschränkung. Jetzt bin ich froh, nicht mehr Tonleitern zu üben. Als Dirigent muss ich fit im Kopf sein.

Sie sind freier Dirigent, wie herausfordernd ist es, immer wieder mit neuen Orchestern zu arbeiten? Sehr, es kann schwer sein, sich in drei Tagen kennenzulernen und ein Konzert zu entwickeln. Und ich bin schon etwas müde, als Gastdirigent durch die Welt zu reisen. Ich würde gern ein Zuhause in einem Symphonieorchester finden.

Welches wäre das? Es gibt viele Orchester, die ich schätze und wo ich mich freuen würde, wenn ich gefragt werde. Ich bin gerne in Stuttgart, auch in Helsinki, mal sehen, was kommt.

Wie nähern Sie sich einem Orchester? Ich glaube, es gibt nur einen Weg, und das ist die Ehrlichkeit. Wenn ich von den Musikern Ehrlichkeit verlange, muss auch ich mich zeigen und transparent sein. Manchmal funktioniert das auch nicht, weil viele Musiker das gar nicht gewohnt sind, dass Dirigenten offen sind und fragen: Was denkt ihr? Manche Orchester sind an diktatorische Dirigenten gewöhnt. In meiner ersten Probe als Geiger beim Gustav Mahler Jugendorchester fragte mich der Dirigent Claudio Abbado: "Antonello, was denkst du?" Und ich war überrascht, dass einer der damals wichtigsten Dirigenten mich nach meiner Meinung fragte. So habe ich gelernt: Es geht nicht um Hierarchien, Macht oder die Arroganz von Tyrannen, sondern um die Musik.

Wie ergeht es Ihnen in Salzburg mit dem Mozarteumorchester? Es war eine sehr gute Probenphase. Ich kenne viele Musiker, denn wir sind vor sechs Jahren bei der Mozartwoche miteinander aufgetreten. Seither hat sich das Orchester enorm entwickelt. Die "Gran Partita" nun mit den Bläsern zu hören war wirklich ein großes Geschenk.

Warum haben Sie Mozarts "Gran Partita" für die Matinee ausgewählt? Es ist ein Meisterwerk, wie eine Beethoven-Symphonie, und eines der besten Stücke Mozarts. Aber viele kennen es nicht.

Ist es für Sie besonders, in Mozarts Heimat aufzutreten? Es ist lustig, weil Mozart eigentlich immer weg von hier wollte (lacht). Aber natürlich ist es besonders, hier zu sein. Für mich ist Mozart das A bis Z, das Wichtigste überhaupt. Für jeden Musiker sollte es so sein, seine Musik ist die große Basis. Sie ist die Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass Mozart zu dirigieren einfach sei, nur weil es sich vielleicht so anhört. Aber das ist auch das Ziel, es so klingen zu lassen, als wäre es einfach.

Mozart-Matinee: Salzburger Festspiele, Mozarteumorchester, Dirigent:
Antonello Manacorda, 31. Juli und
1. August, 11 Uhr, Stiftung Mozarteum, Salzburg.


Aufgerufen am 18.10.2021 um 08:26 auf https://www.sn.at/salzburger-festspiele/dirigent-antonello-manacorda-lernt-deutsch-mit-mozart-mein-erstes-wort-war-vogelfaenger-107280679

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