Salzburger Festspiele

Salzburger Festspiele: Nur eine Frau als Dirigentin

Frauen am Pult: Eine Männerbastion wird geknackt. Aber bei den Salzburger Festspielen merkt man davon nichts.

Kennen Sie schon diese Namen? Oksana Lyniv? Joana Mallwitz? Speranza Scappucci? Kristiina Poska? Karina Canellakis? Julia Jones? Emmanuelle HaÏm? Marin Alsop? Mirga Gražinytė-Tyla? Stopp. Letztere zumindest müsste sich in Salzburg eingeprägt haben. Die litauische Dirigentin gewann 2012 den Young Conductors Award der Salzburger Festspiele.

Es war zwar eine Kampfabstimmung, aber die durch Dirimierung des Vorsitzenden, des Dirigenten Ingo Metzmacher, herbeigerufene Entscheidung war letztlich goldrichtig. Über Heidelberg und Bern fand die aus einer Musikerfamilie in Vilnius stammende Dirigentin den Weg zur Musikdirektorin des Salzburger Landestheaters, ehe sie 2016 mit überwältigendem Votum zur Chefdirigentin des City of Birmingham Symphony Orchestra gewählt wurde. Da war sie gerade einmal 29 Jahre jung. Das schaffte in diese Position nicht einmal ihr berühmter Vorgänger Simon Rattle, der 1990 schon 35 Jahre alt war, als er diese Stufe erklomm. Wie auch immer: Die Karriere von Mirga Gražinytė-Tyla ist längst nicht mehr aufzuhalten.

Um also die Fragezeichen hinter den anfangs zitierten Namen aufzulösen: Es handelt sich allesamt um Dirigentinnen, die bemerkenswerte Lebens- und Schaffenswege gemacht haben. In der Reihenfolge der Nennung: Chefdirigentin der Grazer Oper, Generalmusikdirektorin in Nürnberg, Chefdirigentin der Opéra National de Wallonie, Musikdirektorin des Theaters Basel, Chefdirigentin des Netherlands Radio Philharmonic Orchestra, Musikchefin der Wuppertaler Oper, Gründerin und Leiterin des Originalklangensembles Le Concert d'Astrée, Chefdirigentin des ORF-Radio-Symphonieorchesters - und mit Simone Young, die 10 Jahre lang Intendantin und Generalmusikdirektorin der Hamburgischen Staatsoper war, auch schon die Doyenne der Spitzenfrauen am Dirigentenpult.

Sie brechen also seit geraumer Zeit in eine Männerbastion ein und mischen diese gehörig auf. Nicht erst seit den Folgewirkungen der #MeToo-Debatte gewinnt die Dynamik indessen an Nachdruck.

Das Fachmagazin "Das Orchester", das sich in seiner aktuellen Ausgabe schwerpunktmäßig dem brisanten Thema "Dirigenten und ihr Führungsstil" widmet, berichtet über Frauen als musikalische Führungskräfte anhand dreier Fallbeispiele (aus Graz, Wuppertal und Nürnberg). Dort, wo Frauen in Chefinnenpositionen sind, werde ein "guter Führungsstil gepflegt". Disziplinierte Arbeitsweise und eine gewisse Hartnäckigkeit bescheinigt der Betriebsrat der Grazer Philharmoniker der Chefin, aber sie sei dabei stets höflich und nett. "In den Proben gibt es kein lautes Wort und auch keine Äußerungen, die auf unterschwellige Angriffe schließen ließen." Das lässt sich in Variationen auch aus anderen Orchestervertreter-Stimmen filtern. Vielleicht sollten da ja einmal jene sehr prominenten Herren hinhören, die immer noch glauben, mit Maßregelungen und Untergriffigkeiten bessere künstlerische Ergebnisse erzielen zu können.

Eine Temperamentsache? Oder doch
ein anderes Verantwortungsgefühl? Wer Mirga Gražinytė-Tyla beim Proben zuhören konnte, merkte sofort: Der Ton macht die Musik - und ist er respektvoll, aber bestimmt, höflich, aber unerbittlich, wertschätzend, aber klar, dann steigert das die Motivation im Kollektiv. Man wird schließlich nicht aus dem Nichts geschätzte Chefdirigentin in Birmingham …

Ungeachtet der Fragen, ob es so etwas wie einen "weiblichen" Führungsstil in der Musik gebe oder gar Merkmale "femininen" Dirigierens, stehen die Zeichen auf eine zunehmende Bedeutung von Dirigentinnen im internationalen Musikbetrieb. Die erwähnten Namen sind auch nur eine Auswahl neuer, junger, nach- und aufstrebender Talente. Also müsste doch das Dirigentenpult immer attraktiver und offener für Orchester und Veranstalter sein? Nun ja, Männerbastionen sind nicht leicht zu erobern. Die Wiener Philharmoniker arbeiten zwar in der Staatsoper mit Dirigentinnen, aber an die Spitze der repräsentativen Wiener Abonnementkonzerte schaffen es bislang in der Regel nur (meist schon sehr betagte) Herren. Also bleiben wohl auch die Festspieltermine fest in Händen der jahrzehntelang eingeführten Maestri.

Aber wie steht's sonst in den Festspielhäusern? Erstaunlich: Fehlanzeige. Allenfalls werden Frauen (Elisabeth Fuchs, Giedrė Šlekytė) für Kinderopern abgestellt. In der Ouverture spiritulle 2012 kam wenigstens die Französin Laurence Equilbey zum Einsatz. Sie ist - als einzige Dirigentin des Sommers 2019 - heuer wieder eingeladen: Am 25. Juli hatte sie "Zeit" für Pascal Dusapin. Mirga Gražinytė-Tyla wäre längst festspielwürdig (hat aber bisher nur ihr Preisträgerkonzert geleitet, nicht einmal in ihrer Salzburger Zeit eine Mozartmatinee mit "ihrem" Mozarteumorchester). Auch das ORF-Symphonieorchester kommt 2019 noch nicht mit seiner neuen Chefin ab September, sondern mit Jonathan Nott.

Hüten da Männer eifersüchtig ihre Pfründe? Das mag man wohl nicht glauben. Den Salzburger Festspielen steht ja seit
25 Jahren sogar eine Präsidentin vor …

Aufgerufen am 21.10.2020 um 11:08 auf https://www.sn.at/salzburger-festspiele/salzburger-festspiele-nur-eine-frau-als-dirigentin-73851331

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