Bundesliga

Jesse Marsch: "Es gibt im Leben viel wichtigere Dinge als Fußball"

Der Amerikaner Jesse Marsch führt den erfolgreichen Weg von Marco Rose als Coach von Red Bull Salzburg fort. Er spricht über seine Anfänge, seine Weltreise und den Feminismus in den USA.

In Trainingsanzug und Badeschlapfen nimmt Jesse Marsch auf dem Roten Bankerl Platz. Bild: SAHA SN/sw
In Trainingsanzug und Badeschlapfen nimmt Jesse Marsch auf dem Roten Bankerl Platz. Bild: SAHA

Fans und Experten waren anfangs skeptisch. Ein Amerikaner als Fußballtrainer in Salzburg? Der 46-jährige Jesse Marsch aus dem US-Staat Wisconsin belehrte sie eines Besseren. Er setzt auf einen schnörkellosen Offensivfußball mit schnellem Umschaltspiel und hat damit großen Erfolg. Nun nahm er auf dem Roten Bankerl Platz und beantwortete mit guter Laune unsere Fragen.


Redaktion: Warum haben Sie sich für Fußball und nicht für American Football entschieden?
Jesse Marsch: Ich bin natürlich ein großer Fan der Green Bay Packers, die so wie ich aus dem Bundesstaat Wisconsin kommen, aber ich war für American Football von Anfang an zu klein. Meine Freunde und ich haben schon mit dem Fußball im Garten gespielt, als ich ungefähr fünf Jahre alt war. Da hat man schon gesehen, dass ich ein gewisses Talent habe. Später hat sich dadurch die Möglichkeit ergeben, an der Universität Princeton für das dortige Fußballteam zu spielen. Princeton hatte damals ein paar wirklich gute Kicker in seinen Reihen. Und ich habe zudem meinen Abschluss in Geschichte gemacht.

Als Profi haben Sie unter anderem in Washington und Chicago gespielt? Gab es in der Zeit einen Mentor?
Bereits zur Zeit in Princeton war Bob Bradley mein Trainer. Er war mein erstes großes Vorbild, weil er viel Ahnung von diesem Sport hat und später professionelle Strukturen in den Fußball gebracht hat. Als ich mit dem Fußball angefangen habe, gab es ja nicht einmal eine Profiliga in den USA. Ich war dann viele Jahre später Co-Trainer von ihm in der amerikanischen Nationalmannschaft. Von ihm habe ich nicht nur viel über Taktik gelernt, sondern ich habe auch das Wort "Mentalität" übernommen, die Einstellung muss passen.

Als Coach waren Sie nach dem Nationalteam als Trainer bei Montreal Impact. Danach folgte eine längere Pause. Was haben Sie in dieser Zeit gemacht?
In Montreal hat es nicht so geklappt, wie ich es mir vorgestellt hatte. Das begann schon bei der Sprache, es wurde vor allem Französisch gesprochen. Es war eine stressige Zeit, wir haben schlussendlich entschieden, die Zusammenarbeit zu beenden. Danach habe ich mit meiner Familie eine Weltreise über sechs Monate gemacht. Wir waren in insgesamt 32 Ländern, unter anderem in Südostasien, in Indien, Nepal, das war wunderbar. Das hat mein Leben verändert Ich habe in dieser Zeit gelernt, dass es viel wichtigere Dinge als Fußball gibt und ich mir nicht mehr so viel Stress machen darf. Für mich war danach die Devise, dass es vor allem darum geht, die Menschen gut zu behandeln und aus ihnen das Beste herauszuholen. Danach habe ich für einige Monate freiwillig in Princeton ein wenig als Trainer ausgeholfen. Das war super, mit den Jungs zu arbeiten, ein echt tolles Gefühl, ihnen eine Perspektive zu geben.

Danach ging es zu Red Bull New York, 2015 wurden Sie in den USA Coach des Jahres. Nun sind Sie in Salzburg, wo sind außer der Größe die Unterschiede?
Ich habe mich hier in Salzburg sehr gut eingelebt. Ich mag die Menschen, ich werde auch oft gegrüßt. Erst vor Kurzem, als ich auf den Untersberg hinaufgewandert bin, habe ich mit vielen einheimischen Leuten über Fußball gesprochen. Die Leute gehen offen auf mich zu und sind hilfsbereit. Das gefällt mir. Das Leben hier ist um einiges einfacher als in New York. Dort ist das Leben anonym. Die Menschen hier sind auch viel relaxter, auch im Vergleich zu den Leuten in Leipzig, wo ich ein Jahr als Co-Trainer tätig war.

Ihr Deutsch ist schon sehr gut. Wo haben Sie es gelernt?
Ich hatte Deutsch in der Schule, aber leider nur für ein Jahr. Vor zwei Jahren habe ich wieder damit angefangen, so zwei bis drei Mal die Woche mit einer Lehrerin über Skype zu lernen. Und jetzt in Salzburg versuche ich natürlich, weiter mein Deutsch zu verbessern, das ist mir schon sehr wichtig.

Für großes Aufsehen sorgte Ihre emotionale Ansprache in der Kabine beim Champions-League-Spiel in Liverpool. Wie viel davon war authentisch und wie viel war gespielt?
Das war zu 100 Prozent authentisch. In diesem Moment, als wir für die Dokumentation gefilmt wurden, habe ich gar nicht daran gedacht. Es ist mir aber auch wichtig zu sagen, dass die Mannschaft danach in der zweiten Hälfte nicht nur so gut gespielt hat, weil ich diese emotionale Ansprache gehalten habe, das war dann schon zum größten Teil die Leistung meiner Spieler. Der Zusammenhalt spielt dabei eine außerordentliche Rolle.

Zurück zum Sportlichen: Das Nationalteam der Amerikanerinnen hat erneut den WM-Titel geholt. Die Männer hinken hinterher, warum ist das so?
Das liegt einerseits an der Einstellung. In den USA kämpfen die Frauen, um sich nicht unterkriegen zu lassen und gleichwertig mit den Männern behandelt zu werden. Da gibt es viele Powerfrauen, die sich durchsetzen. Das setzt sich im Fußball fort. Außerdem haben wir viele Mädchen, die mit voller Hingabe Fußball spielen. Die Strukturen sind ebenfalls sehr gut. Da ist es nicht verwunderlich, dass die Teams so gut sind. Meine Tochter, die 18 Jahre alt ist, hat ebenfalls eine solche Mentalität.

Die Spielerinnen weigerten sich nach dem Gewinn des Titels, Präsident Donald Trump einen Besuch abzustatten. Verstehen Sie das?
Ja, voll und ganz. Es ist wichtig, dass man seine Meinung vertritt und sie auch durchsetzt, das ist unser gutes Recht. Wir brauchen in Zukunft endlich mal eine Präsidentin, das ist wichtig für den Feminismus in den Vereinigten Staaten, vor allem jetzt in den #Me-too-Debatten. Ich finde es schade, dass Hillary Clinton nicht Präsidentin wurde. Ich bleibe aber zuversichtlich.

Mit Marco Rose, Oliver Glasner und Adi Hütter mischen Trainer die Deutsche Bundesliga auf, die ihre Karriere in Österreich gestartet haben. Wo sehen Sie sich in einigen Jahren?
Ich wurde schon des Öfteren mit der amerikanischen Nationalmannschaft in Verbindung gebracht. Aber das ist für mich jetzt kein Thema. Mein Fokus liegt auf Red Bull Salzburg, ich bin sehr glücklich hier. Meine nächsten Schritte sind immer die nächsten Spiele, weiter denke ich nicht und ich mache mir auch keine Gedanken, wo ich mal sein könnte. Wenn man zu viel überlegt, ist das schlecht. Ich will den jetzigen Moment genießen, das ist das Wichtigste für mich. Wie bereits gesagt, ich fühle ich mich in Salzburg wirklich sehr wohl.

Aufgerufen am 30.11.2021 um 11:27 auf https://www.sn.at/sport/fussball/bundesliga/jesse-marsch-es-gibt-im-leben-viel-wichtigere-dinge-als-fussball-78182452

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