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Tour de France: Eine beherzte Fahrt ins Blaue

Mit so vielen Favoriten, so vielen Ängsten (vor Stürzen) und so vielen Zweifeln (wegen Corona) ist die Tour de France noch nie gestartet. Nur einer hatte angeblich nie Zweifel.

Ein Bild mit Symbolwert: Beim Team Ineos steht Titelverteidiger Egan Bernal (Mitte) bei der Tour 2020 ganz im Mittelpunkt.  SN/afp
Ein Bild mit Symbolwert: Beim Team Ineos steht Titelverteidiger Egan Bernal (Mitte) bei der Tour 2020 ganz im Mittelpunkt.

Für den Tour-Direktor Christian Prudhomme war immer alles klar. "Nur ein Weltkrieg kann die Tour de France verhindern", sagte er, aber keinesfalls eine Pandemie wie Corona. Zumindest vorerst hat er recht behalten: 22 Profiteams nehmen am Samstag in Nizza den Start zur Tour in Angriff, mit dem ersten Etappenziel auf der berühmten Promenade des Anglais. Bereits am Sonntag ging es aber entgegen allen Gewohnheiten in die Berge, da wartet schon der Col de Turrini - berühmt-berüchtigt aus der Monte-Carlo-Rallye. Dennoch begleiten die Tour über drei Wochen viele offene Fragen - die SN fassen zusammen:

1. Die Corona-Angst als steter Begleiter auf der Schleife

Die scharfen Coronamaßnahmen wurden am Tag vor dem Start noch abgemildert: Galten bislang zwei positive Testergebnisse im gesamten 30-köpfigen Team als Ausschlussgrund, so wird nun eine Mannschaft nur aus dem Bewerb genommen, wenn zwei Fahrer innerhalb von sieben Tagen positiv getestet worden sind - damit zählt nicht mehr der Stab wie Busfahrer, Masseur oder Mechaniker dazu. Dennoch bleiben auch so viele Fragen ungeklärt: Hat ein Fahrer, der positiv getestet wird, wie bei jedem Dopingtest die Möglichkeit auf eine B-Probe? Was ist mit falschen Testergebnissen? Das deutsche Team Bora mit den drei heimischen Profis Gregor Mühlberger, Felix Großschartner und Lukas Pöstlberger ist ein gebranntes Kind: Am Dienstag zog man eine Mannschaft von der Bretagne Classic zurück, weil ein Fahrer positiv gewesen sein soll. Der Nachtest ergab, dass es sich um ein falsches Ergebnis gehandelt hat. "Wenn das bei der Tour passiert, würde es mich richtig bös machen", meinte Teamchef Ralph Denk.

2. Die Angst vor dem nächsten "Gemetzel"

Die ersten Wochen nach dem Neustart des Radsports brachten schockierende Bilder und böse Nachrichten: Fast an jedem Wochenende gab es schlimme Stürze. Fabio Jakobsen wurde bei der Polen-Rundfahrt im Zielsprint in die Bande gecheckt, er lag tagelang in der Intensivstation und musste mit 130 Stichen im Gesicht genäht werden. Steven Kruijswijk, Emanuel Buchmann und Gregor Mühlberger mussten bei der Dauphine nach einem Massensturz aufgeben, Belgiens Jungstar Remco Evenepoel stürzte bei der Lombardei-Rundfahrt von einer Brücke und brach sich das Becken. Der Deutsche Maximilian Schachmann will die Tour trotz Schlüsselbeinbruchs in Angriff nehmen. Er gibt sich keiner Illusion hin. "Wir werden wieder mit einem Gemetzel rechnen müssen", sagte er kürzlich der FAZ. Viele Fahrer müssen in der auf drei Monate verkürzten Saison jede Chance ergreifen, um sich in den Vordergrund zu fahren und für einen neuen Vertrag zu empfehlen. "Ein paar werden auch heuer das Hirn ausschalten", befürchtet Mühlberger im SN-Interview. Zum Auftakt der Tour gab es dann einige Stürze, die waren aber dem starken Regen und den rutschigen Straßen geschuldet.

3. Die Tour ist heuer sportlich so offen wie noch nie

Das hätte man sich öfter gewünscht: Einen hohen Favoriten gibt es heuer nicht. Das seit 2012 dominierende Team Ineos (vormals Sky) verzichtet auf seine Topstars Chris Froome (Sieger 2013, 2015, 2016, 2017) und Geraint Thomas (Sieger 2018). Offiziell, weil die beiden außer Form sind, aber wohl auch, um die Rollen im Team vorab zu klären. So fährt bei Ineos alles für Titelverteidiger Egan Bernal. Erster Herausforderer für viele Experten ist der Slowene Primož Roglič, dem im bärenstarken Team Jumbo-Visma allerdings Edelhelfer Steven Kruijswijk verletzt fehlt. Auch Roglič stürzte bei der Dauphine - es bleibt abzuwarten, wie er das überstanden hat. Mühlberger sollte Emanuel Buchmann nach Rang vier im Vorjahr heuer auf das Podest helfen. Und der Kärntner Profi Marco Haller (29) hat bei seiner schon fünften Tourteilnahme einen heißen Außenseitertipp: "Mikel Landa gewinnt die Tour." Er ist sein Kapitän bei Bahrain-McLaren.

4. "Das größte Sportereignis des Jahres"

Nach Ausfall von Olympia und der Fußball-Euro ist die Tour das größte Sportereignis des Jahres 2020 - und das sogar frei empfangbar. ARD, ARD One und Eurosport übertragen jede Etappe, Eurosport sogar in voller Länge. In dessen Expertenteam ist auch der heimische ehemalige Profi Bernhard Eisel dabei.

5. Das vergessene Thema Doping ...

Fehlt noch etwas? Ach ja, über das Thema Doping wurde in all den Wochen vor dem Tourstart nicht gesprochen. Drei Monate stoppte die Pandemie auch die Dopingjäger. Der Dopingexperte Fritz Sörgel ist pessimistisch. "Dass gedopt wurde, ist klar. Sonst würden wir alles, was wir über den Radsport gelernt haben, infrage stellen müssen."

Aufgerufen am 02.12.2020 um 04:13 auf https://www.sn.at/sport/fussball/international/tour-de-france-eine-beherzte-fahrt-ins-blaue-92088010

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